Ich bin einer der letzten - Fragen Sie mich!

Abend mit Salomon Finkelstein

Im Mai 2010 sprach Salomon Finkelstein auf Einladung von Convivio mundi e.V. in Hannover über sein Leben. (siehe unten) „Ich bin einer der Letzten – fragen Sie mich!“ – das war sein Vorschlag für diese Veranstaltung. Nach jahrzehntelangem Schweigen hatte er eines Tages beschlossen, vor allem den jungen Menschen über das Erlebte und Erlittene zu berichten und dies bereits jahrelang vor allem in Schulen geleistet.

Die Autorin und Journalistin Renate Müller De Paoli – Gründungsmitglied von Convivio mundi e.V. - entschloss sich nach diesem Abend, das Leben Salomon Finkelsteins aufzuschreiben. Es entstand ein Buch, in dem vor allem Salomon Finkelstein selbst zu Wort kommt, mit kenntnis- und hilfreichen Anmerkungen der Autorin, die Umstände und Zeitzusammenhänge erläutern.

Im Juli 2012 hat die Landeshauptstadt Hannover und die Region Hannover dieses Buch zum 90. Geburtstag Salomon Finkelsteins im Rahmen der Schriften zur Erinnerungskultur Hannover herausgegeben. Es ist u. a. in Hannover in der Gedenkstätte Ahlem, Heisterbergallee 8, erhältlich und kostet 10 Euro.

5. Juli 2012 Birgit Brenner

Ich bin einer der Letzten – fragen Sie mich!


So lautete der Titel der jüngsten Veranstaltung von Convivio mundi e.V. Anfang Mai in Hannover. Der Raum war bis auf den letzten Sitz- und Stehplatz ausgebucht. Das Publikum bestand weit über die Hälfte aus Schulklassen und deren engagierten Lehrern. Und das aus gutem Grund. „Einer der Letzten“ war kein Geringerer als Salomon Finkelstein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat immer wieder auf verschiedensten Veranstaltungen, als Zeitzeuge zu berichten, so auch im letzten Jahr vor dem Niedersächsischen Landtag. 1922 in Polen geboren, überlebte Salomon Finkelstein unter den Nationalsozialisten mehrere Konzentrationslager und Todesmärsche, darunter Auschwitz und Ravensbrück.

Sichtlich erfreut hörte er der Einleitung von Frau Müller De Paoli zu, die mit eindringlichen Worten zu einem Dialog der Religionen aufrief. Ähnlich jenem Dialog, der G.E. Lessing in seinem „Nathan der Weise“ vorschwebte. Und auch in dem von Laienschauspielern vorgetragenen Ausschnitt aus Heinrich Heines „Der Rabbi von Bacharach“ wurde die Notwendigkeit eines solchen Dialoges klar. Denn in diesem von Heine unvollendeten Werk wird mehr als deutlich, dass die Angriffe auf Juden eine sehr lange und grausame Geschichte haben. Heine schreibt darin über das Judenquartier in Frankfurt am Main: " Denn hier lebten die Juden ebenfalls in Druck und Angst, und mehr als heutzutage in der Erinnerung früherer Nöten. Im Jahre 1240 hatte das entzügelte Volk ein großes Blutbad unter ihnen angerichtet, welches man die erste Judenschlacht nannte, und im Jahre 1349, als die Geißler bei ihrem Durchzuge die Stadt anzündeten und die Juden des Brandstiftens anklagten, wurden diese von dem aufgereizten Volke zum größten Teil ermordet oder sie fanden den Tod in den Flammen ihrer eigenen Häuser, welches man die zweite Judenschlacht nannte."

Dann begann Salomon Finkelstein, aus seinem Leben zu erzählen. Das erste Mal mit den Nazis zu tun hatte er, als diese in Lodz (seine Heimatstadt) einmarschierten. Wes Geistes Kind sie sind, sprach sich jedoch schon vorher herum. Denn es kamen lange vor Kriegsausbruch Juden nach Lodz, die aus Deutschland wegen ihrer Herkunft verwiesen worden waren. Als die Nazis in Lodz einmarschierten, wurden sofort alle Einrichtungen des jüdischen Lebens (Clubs, Vereine etc.) geschlossen und der Abtransport sämtlicher Juden in ein extra eingerichtetes Ghetto begonnen. Es blieb keine Zeit zu packen. Innerhalb von Minuten hatte man auf dem LKW zu sein. Wer zu langsam war, vielleicht weil alt oder krank, wurde erschossen. Salomon Finkelsteins älterer Bruder floh im letzten Moment. Die restliche Familie wurde abtransportiert. Um dem Hungertod zu entkommen, meldete sich Salomon Finkelstein auf einen Aushang hin, mit dem Arbeitskräfte außerhalb des Ghettos gesucht wurden. Seine Mutter brachte ihn zur Sammelstelle und zum Abschied sagte er „... wir sehen uns bestimmt bald wieder“. Er sah sie nie wieder.

Zuerst kam Salomon Finkelstein zum Autobahnbau nach Frankfurt/Oder. Danach folgten weitere Arbeitseinsätze in anderen Lagern, u.a. mußte er im brusttiefen Wasser Rohrleitungen montieren. Durch eine glückliche Fügung in Folge einer Armverletzung, die ihm in Auschwitz das Leben gekostet hätte, durfte er in einem der Lager mit den Zivilisten zurückbleiben.

Dann, am 20. Januar 1942 fand die Wannseekonferenz statt, auf der die so genannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Das sprach sich auch unter den jüdischen Häftlingen schnell herum. Salomon Finkelstein wusste ,dass er nun zum Tode verurteilt war "... nur wie, ob durch Erhängen, Medizinische Experimente, Erschießen ...", das wusste er nicht. Kurz darauf kam dann die Verfügung, alle Juden in Lager zu sperren. Hatte er bisher alle Andenken und Erinnerungsstücke verloren, so war ihm doch sein Name geblieben. Das sollte sich in Auschwitz schlagartig ändern "... ab jetzt war ich nur noch eine Nummer, die in den linken Arm tätowiert wurde". Der Lageralltag begann mit Wassersuppe und Brot, dann Zählen, die Leichen der nachts Verstorbenen wegräumen, Melden und Abmarsch zum Arbeiten. Da sich Salomon Finkelstein als Maurer gemeldet hatte, arbeitete er außerhalb in einer Kautschukfabrik. Alle 3-4 Wochen fand eine ärztliche Kontrolle statt, an der jeder nackt vorbei zu gehen hatte. Wer in irgendeiner Weise verletzt oder behindert war, "... wurde per Daumen ins Gas geschickt".

   
  Mitglieder der Laienspielgruppe  

Die Häftlinge durften aus dem Lager Post schreiben, allerdings nur auf deutsch. So konnte sich Salomon Finkelstein etwas Brot dazu verdienen, indem er für die polnischen Juden übersetzte. Er selbst hatte zuhause in Lodz deutsch gelernt. Als am 27. Januar 1945 die Front näher rückte, wurde das Lager aufgelöst. Es begann ein 8-tägiger Todesmarsch zu Fuß und in Waggons zum Konzentrationslager Dora-Mittelbau (Nordhausen/Harz). Wer zu schwach oder zu langsam war, wurde erschossen. Die Leichen blieben am Wegesrand liegen.

Im KZ Dora mußte Salomon Finkelstein unter menschenunwürdigsten Bedingungen und kargsten Essensrationen in einem Stollen an der V2 Rakete arbeiten. In einem Moment, als er dachte "... die letzten Minuten sind gekommen..." und er schon Abschied vom Leben nahm, hörte er plötzlich ein Flüstern. Es kam von seinem Freund Abraham, der ihm heimlich eine Kartoffel zusteckte. Weil dieser außerhalb arbeitete, hatte er etwas bessere Rationen. Und diese eine Kartoffel rettete Salomon Finkelstein das Leben. Als auch hier die Front näher rückte, begann ein weiterer Todesmarsch in das KZ Ravensbrück. Dort sollte Salomon Finkelstein endlich die Befreiung erleben.

Zuerst fühlte er sich "... wie aus dem Dschungel". Und es brauchte einige Zeit bis er sich an ein normales Leben gewöhnt hatte. Heute sieht er die Vergangenheit "... tagsüber mit einer melancholischen Distanz. Aber nachts kommen die Fragen. Wie konnten Menschen so werden? Wie konnte die Elite des 20. Jahrhunderts so werden?". Salomon Finkelstein ist sich sicher, dass er überlebt hat, weil er ein Träumer ist, selbst in den schlimmsten Momenten. Einer, der davon träumt "... leben zu wollen, über eine Blumenwiese zu gehen, einem Mädchen den Arm zu streicheln, sich satt zu essen, keinen Bewacher im Rücken zu haben...". Auf die Frage, ob es auch glückliche Momente in dieser schrecklichen Zeit gab, überlegt er lange. Dann erzählt er "... im Stollen grüßte mich mal ein Zivilist, als kein Wärter hinsah. Da war ich für einen Moment glücklich."

Nach der Befreiung ging Salomon Finkelstein zuerst nach Lodz, um seine Familie zu suchen, konnte aber niemanden finden. Als er dann erfuhr, dass sein Freund Abraham Bergen-Belsen überlebt hatte und nun in Hannover lebte, stand sein Entschluß fest. Er ging nach Hannover und blieb. Trotzdem suchte er 10 weitere Jahre nach seiner Familie- vergeblich! Erst nach 38 Jahren bekam er einen Hinweis, dass sein Bruder in Israel lebt. Die Freude darüber konnte man ihm heute noch anmerken. Und wieder Jahre später erfuhr er, dass auch sein älterer Bruder überlebt hatte, aber inzwischen in Rußland verstorben war. Sofort machte sich Salomon Finkelstein auf den Weg, zumindest dessen Kinder und Kindeskinder kennenzulernen. Und auch darüber war die Freude groß.

Viel später kam er noch einmal auf die Frage nach dem Glück zurück. Und wie zu sich selbst sagte er "...wenn ich im Kreise guter Freunde bin, das ist für mich Glück".



Geschrieben von Katharina Pagel
Dienstag, 25. Mai 2010