DemenzArt

Michael Ganß
Michael Ganß

DemenzArt - Menschen mit Demenz sprechen für sich selbst

Und „dass auch dann noch, wenn sie der Sprache nur noch bedingt oder gar nicht mächtig sind“. So beschreibt Michael Ganß die Kunstwerke von Menschen, die an Demenz erkrankt sind und in der Ausstellung „DemenzArt“ gezeigt werden.
Michael Ganß ist Gerontologe, Kunsttherapeut und Kunstpädagoge in einer Person. Seit Mitte der 1980 Jahre engagiert er sich in der künstlerischen und kunsttherapeutischen Begleitung von alternden Menschen. Ein Schwerpunkt ist die Begleitung von Menschen mit Demenz und Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen im Alter. Mit dem Konzept der „Offenen Ateliers“ hat er einen künstlerischen Begegnungsort für Menschen mit Demenz und Nichtbetroffenen unterschiedlichen Alters entwickelt. Er organisiert Intergenerative Kunstprojekte, an denen auch Menschen mit Demenz beteiligt sind, ebenso Kunstausstellungen mit Werken von Menschen mit Demenz, wie die aktuelle Wanderausstellung „DemenzArt“. Renate Müller De Paoli hat mit Michael Ganß über „DemenzArt“ gesprochen:

Herr Ganß, was verbirgt sich hinter der neuen Kunstrichtung „DemenzArt“?

Die DemenzArt ist erst einmal nur eine Ausstellung. Ob sie gleich eine neue Kunstrichtung in die Welt setzt, vermag ich nicht zu sagen. Jedoch lassen sich die Werke in der Spannbreite zeitgenössischer Kunst verorten. Der bildnerische Ausdruck der künstlerisch tätigen Menschen mit Demenz ist unmittelbar und besitzt einen hohen Grad an Direktheit. Die Werke entstehen in einer prozessualen Auseinandersetzung im künstlerischen Raum. In diesem werden die inneren Bilder und Empfindungen in einem experimentellen Umgang mit den Materialien externalisiert. Damit sind die Werke Zeugnis der Gedanken und Empfindungswelt des Künstlers. Die Werke der Menschen mit Demenz, weisen auf unterschiedlichen Ebenen Parallelen zum Art Brut auf. Und so wie sich Art Brut als feststehender Begriff in der Kunstlandschaft etablieren konnte, ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch die DemenzArt im Laufe der Zeit einen Platz in der etablierten Kunst einnimmt.

Wie ist die Idee entstanden, Menschen, die an Demenz erkrankt sind, die Möglichkeit zu geben, sich über die Malerei auszudrücken und in die Gesellschaft einzubringen?

Viele Menschen mit Demenz verlieren im Verlauf des demenziellen Geschehens die ihnen vertraute Ausdrucksmöglichkeit - Sprache. Gleichzeitig verliert sich aber nicht das Bedürfnis sich mitzuteilen und in einen wechselseitigen Kontakt zu treten. In der Folge erleben die betroffenen Menschen eine große Not und es besteht die absolute Notwendigkeit sich auf anderem Wege ausdrücken zu können und in einen interagierenden Kontakt mit anderen zu treten. Kunst bzw. künstlerisches ästhetisches Handeln ist eine Möglichkeit in den Ausdruck zu gehen, wenn Sprache hierfür nicht mehr trägt und hat ein hohes kommunikatives Potential. Als ich durch einen (zufälligen) Umstand mit Menschen mit Demenz in Kontakt gekommen bin, erlebte ich diese Not und für mich als Künstler und Kunsttherapeuten war es sehr naheliegend, ihnen die Möglichkeiten künstlerischer Arbeit zu eröffnen.

Für Angehörige, wie auch für die medizinische Forschung bewegen sich Auslöser, Entwicklung, Verlauf und Therapiemöglichkeiten der Demenz-Erkrankung noch weitgehend in der Grauzone. Hilflosigkeit bis hin zum „Schweigen und Wegsehen“ sind oft die Folge. Hilft „DemenzArt“ unserer Gesellschaft, Menschen mit Demenz anders zu sehen?

Ich denke schon. Die Werke laden zum Dialog ein und zeigen, dass Menschen mit Demenz etwas zu sagen haben, was ihnen häufig per se abgesprochen wird. Da die Werke der DemenzArt die Erwartungen der meisten Betrachter nicht erfüllen, sind diese irritiert und werden dadurch neugierig auf den Menschen hinter dem Werk. In der DemenzArt wird erlebbar, dass Menschen mit Demenz nicht nur Defizite haben, sondern auch Kompetenzen, die mitunter weit über den Kompetenzen der Betrachter liegen. Durch die DemenzArt stehen die Menschen mit Demenz mitten in der Gesellschaft.


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Wie malen Menschen mit Demenz? Welche Schritte sind notwendig, dass sie den Mut haben, Farbe und Pinsel in die Hand zu nehmen und die Leinwand zu bearbeiten?

Menschen mit Demenz arbeiten künstlerisch sehr unterschiedlich, so dass die Frage nach dem - Wie malen Mensch mit Demenz? - nicht beantwortet werden kann. Damit Menschen mit Demenz künstlerisch tätig werden können, braucht es einen offenen freikünstlerischen Raum, Zeit und eine bestärkende Unterstützung, welche die Sprache der Kunst beherrscht.

Werden sie in ihrer künstlerischen Arbeit begleitet und betreut?

Ja.

Können Sie einige Bilder beschreiben? Was versuchen Menschen mit Demenz auszudrücken?

Ein Bild so zu beschreiben, dass es vom Leser als inneres Bild nachvollzogen werden kann, würde viel Raum in Anspruch nehmen, somit verzichte ich lieber darauf. Zudem wäre es bereits eine Interpretation des Bildes. Das, was Menschen mit Demenz in ihrem künstlerischen Prozess zum Ausdruck bringen, ist sehr unterschiedlich. Es sind ihre inneren Bilder, Gedanken an Momente aus ihrem gelebten Leben und damit verbundene Gefühle, aktuelle Empfindungen, die Auseinandersetzung mit offenen Lebensfragen, die Auseinandersetzung mit der aktuellen Lebenssituation, eine Auseinandersetzung mit den Materialien, Farben etc.

Verändert sich der künstlerische Stil mit Fortschreiten der Demenzerkrankung?

In der Regel bilden Menschen mit Demenz im Laufe ihrer künstlerischen Auseinandersetzung einen eigenen Stil aus. Hierzu ist vielleicht wichtig anzumerken, dass fast alle KünstlerInnen, die in der DemenzArt ihre Werke präsentieren, im Leben vor der Demenz nicht künstlerisch tätig waren. Im Verlauf des demenziellen Geschehens werden die Werke häufig zunehmend expressiver, weisen weniger konstruktive Bildelemente auf und zum Ende des Lebens werden sie häufig lichter.

Wie reagiert das Publikum in den Ausstellungen auf die Bilder?

Häufig mit Erstaunen, da sie das, was sie sehen, nicht mit Menschen mit Demenz in Verbindung bringen (können). Nicht selten entsteht über die Werke eine Neugierde auf die Künstlerinnen und Künstler hinter diesen. In vielen Vernissagen sind Besucher der Ausstellung in einen direkten Kontakt mit Menschen mit Demenz gegangen, auch wenn diese in ihrem sprachlichen Ausdruck stark beeinträchtigt waren. Die Neugierde war oft größer als die Angst vor der Begegnung.

In welchen Städten hat „DemenzArt“ bisher ausgestellt. Wie sehen die weiteren Pläne aus?

In sehr vielen, so beispielsweise mehrfach in Berlin, Potsdam, Brandenburg, Hannover, Stuttgart, Limbach, Kornwestheim, Hamburg, Gerlingen, Rendsburg, Eupen, Wels, Meran u.a.m. Im Weiteren findet vom 5. bis 7. November das 6. Symposium „Kunsttherapie in der Altenarbeit“ in Berlin statt. Im Fokus steht u. a. die Frage des richtigen Zeitpunkts in den künstlerischen Therapien für Menschen mit Demenz.
DemenzArt wird 2011 ab 20. Mai im Haus der Wissenschaft in Bremen bis zum 17. Juni zu sehen sein.
Fest steht auch schon im Oktober das Stadtmuseum in Trostberg vom 8. bis 20. Oktober 2011.
(Info und Anmeldung:
michael-ganss@online.de)

Herr Ganß, was hat Sie persönlich zu DemenzArt geführt?

Im Rahmen meines Engagement in der Werkstatt Demenz habe ich die DemenzArt initiiert, um das Thema Demenz in die Gesellschaft zu tragen, aufzuzeigen das Menschen mit Demenz sich inhaltsvoll mitteilen, sie für sich selbst sprechen können und dass auch dann noch, wenn sie der Sprache nur noch bedingt oder gar nicht mächtig sind. Sowie als einen Beitrag der gesellschaftlichen Inklusion von Menschen mit Demenz.

Vita

Michael Ganß, geb. 1959, lebt in Hanstedt in Niedersachsen

Freiberuflicher Dipl. Gerontologe, Dipl. Kunsttherapeut und Dipl. Kunstpädagoge, Altentheateranleiter und Künstler
Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift „Demenz-Das Magazin“
Freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am „Institut für Kunsttherapie und Forschung“ der FH-Ottersberg
Gründungsmitglied und stellvertretender Vorsitzender der „Werkstatt Demenz e.V.“
Aktives Mitglied im „Aktion Demenz e.V.“

Qualifikation und Weiterbildung von Kunsttherapeuten und Menschen, die im Umfeld der Altenhilfe tätig sind.
Organisation und durchführen regelmäßiger Fachsymposien zur Kunsttherapie mit alternden Menschen.
Initiieren, kuratieren und organisieren von Kunstausstellungen mit Werken von Menschen mit Demenz. Aktuell die Wanderausstellung „DemenzArt“

Forschungstätigkeit:
Bei der Demenz-Support-Stuttgart zur „Nichtsprachlichen Kommunikation und Interaktion im Alltag der Begleitung von Menschen mit Demenz“.
In Zusammenarbeit mit dem „Institut für Soziale Gerontologie und Alternsmedizin e.V. (ISOGAM) zur „Wirkung von Kunsttherapie bei Menschen mit Demenz“
An der FH-Ottersberg zu den „Berufsfeldspezifischen Bedingungen der Kunsttherapie im klinischen Rahmen“

Publikationen u. a.
* Alt und Jung im Pflegeheim – Intergenerative Projekte mit Malen, Werken und Theater (Hrsg.). Mabuse Verlag Frankfurt am Main 2010 (Mitherausgeberin: Barbara Narr)
* Demenz-Kunst und Kunsttherapie – Künstlerisches Gestalten zwischen Genius und Defizit. Mabuse Verlag, Frankfurt am Main 2009
* Ich seh Dich so gerne Sprechen – Sprache im Bezugsfeld von Praxis und Dokumentation künstlerischer Therapien. In der Reihe Wissenschaftliche Grundlagen der Kunsttherapie (Hrsg.) Peter Lang Verlag Frankfurt 2008. (Mitherausgeber Peter Sinapius und Peer de Smit)
* Grundlagen, Modell und Beispiele kunsttherapeutischer Dokumentation. In der Reihe Wissenschaftliche Grundlagen der Kunsttherapie (Hrsg.) Peter Lang Verlag Frankfurt 2007. (Mitherausgeber Peter Sinapius)
* Wieder ins Gespräch kommen – aufsuchende künstlerische Arbeit in Familien mit Demenz. In: Sauer, Peter u. Wissmann, Peter: Niedrigschwellige Hilfen für Familien mit Demenz (S.111-118), Mabuse, Frankfurt am Main 2007
* Kunsttherapie bei Menschen mit Demenz; In: Spreti, Flora von, Martius, Philipp u. Förstel, Hans (Hrsg.): Kunsttherapie bei psychischen Störungen; Elsevier; Heidelberg, München; 2005
* „Kunsttherapie mit demenzkranken Menschen“ Hrsg.: Ganß, Michael u. Linde, Matthias; Mabuse-Verlag, Frankfurt 2004
* Das offene Atelier; In "Werkstatt Demenz"; Hrsg. Wißmann, Peter; Vinzent Verlag; November 2004
* Interventions- und Kommunikationsformen; Muthesius, Dr. Dorothea, Ganß Michael; In "Werkstatt Demenz"; Hrsg. Wißmann, Peter; Vinzent Verlag; 2004
* „Leben mit Stroh“ - die Bedeutung intergenerativer Kunstprojekte; In Trauma und Kreativität; Verlag Universität Bremen; 2003
* Kunst in der Ausbildung zur Altenpflegerin/ zum Altenpfleger in Kreativität beim älteren Menschen; In: Tagungsband zur 10. Jahrestagung der IGKGT in Berlingen/CH; IGKGT Basel; 1995



Geschrieben von Renate Müller-DePaoli
Donnerstag, 21. Oktober 2010