Convivio mundi e.V. und die Musik

Daniel Barenboims "West-Östlicher Diwan", das Orchester, in dem israelische und arabische junge Musiker gemeinsam Musik machen, könnte als Vorbild dienen, in der Bildungspolitik und besonders im Musikunterricht neue Wege zu beschreiten, damit Musik wieder als etwas entdeckt wird, das wir gestalten können und das zur eigenen Kultur gehört, egal, welcher Kultur man angehören mag, das aber auch der Verbindung der Kulturen dient.


Heute vor einem Jahr kam die Rütli-Schule in Berlin ins Gespräch. Die Lehrer kamen nicht mehr an die Schüler heran und fühlten sich in ihrem Bildungsauftrag allein gelassen. Sie glaubten, den Schülern nicht mehr gerecht werden zu können, die ihrerseits mit Gewalttätigkeiten von sich reden machten. Die Lage schien hoffnungslos. Die Medien zeichneten schon das Szenario der Unerziehbarkeit - besonders wurde dieses Bild auf Jugendliche mit Migrationshintergrund angewandt.
Ein Jahr danach bietet sich uns ein ganz anderes Bild: Bis heute – ein Jahr nach der Veröffentlichung des Berliner Brandbriefes, wurde durch den verstärkten Einsatz von Sozialarbeitern und Projektgruppen vom Sport bis zur Kunst für Entlastung und neue Perspektiven für Lehrer und Schüler gesorgt. Alle – vom Direktor bis zum Schüler – zeigen sich stolz, dass sie es geschafft haben, zu beweisen, „dass sie auch anders können.“ Kein Schüler störe mehr den Unterricht, beteuerten die Schüler. Mittlerweile wurde in der Rütli-Schule ein Musical erarbeitet, Box-Unterricht angeboten, Kunst-Arbeitsgruppen ins Leben gerufen und vieles mehr. Liegt es wirklich nur daran, dass sich bisher niemand gekümmert hatte?
Die erneute Mahnung im Bildungsbericht des UN-Beauftragten Munoz lässt viele Fragen offen: Wie steht es nun um die Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem? Wie steht es wirklich um die Förderung der Jugendlichen, deren Eltern nach Deutschland eingewandert sind, und die so angemahnt wird?
Und betrifft es nicht alle Schüler, die – aus welchem Hintergrund auch immer – gefördert werden müssen und dies oft nicht erfahren? Und das nicht erst im Arbeitsmarkt, sondern bereits in der Grundschule.


Muttersprache Musik

Wir brauchen viele Projekte zur Förderung der Sprachentwicklung, die allerdings auch Kinder mit deutschem Hintergrund mit einschließen muss. Denn die großen Mängel an Lesefreudigkeit und –fähigkeit finden sich nicht nur bei den Kindern, die mit ihren Eltern in ihrer Muttersprache und in der Schule in der Zweitsprache lesen und sprechen.
Wäre nicht aber auch die Musik ein Weg, der vielleicht zu viel schnelleren Erfolgen führt? Jedes Kleinkind strahlt, wenn die Mutter ihm vorsingt, egal in welcher Sprache sie singt. Alles, was für das Erlernen der Muttersprache gilt, gilt auch für die Muttersprache Musik. Horchen, ausprobieren, singen, sprechen. Kinder, die ihrer musikalischen Neugier nachgehen können, eine eigene Ausdruckswelt zu erfahren und zu entdecken, werden auch später in anderen Bereichen Ausdrucksformen finden und sich das suchen, was sie zum Erlernen brauchen, z.B. zum Erlernen einer Zweitsprache, sei es Deutsch oder auch Englisch.


Wir können alle anders

Dazu benötigen wir gar nicht die Vergleichsstudien, die jetzt wieder in Kanada ausgewertet wurden: dass Musik klug macht und viele Fähigkeiten verbessert, dass das Erlernen eines Musikinstruments die Konzentration und die Aufnahmefähigkeit, das Erinnerungsvermögen und die Intelligenz erhöht und dass die Kinder sich sozial völlig anders verhalten, eben nicht agressiv und verstört, sondern selbstbewusst, fröhlich und eigenständig.
Dabei ist es am Anfang eigentlich unerheblich, ob ein Kind Xylophon, Blockflöte oder Geige lernt, solange es dabei auf natürliche Weise singt und nicht gezwungen wird, als kleiner „Superstar“ schon in die POPCOM-Industrie mitsamt seiner elektronischen Klangerzeugung abzutauchen. Die Freude am gemeinsamen Singen, die Begeisterung bei der Entdeckung von Klang und der Möglichkeit, sich mittels Klang auszudrücken, ist allen Menschen eigen, aber besonders Kindern.
Wahr bleibt allerdings, dass Kinder und Jugendliche, besonders diejenigen mit Migrationshintergrund, an Hauptschulen nichts von großer Musik erfahren, und zwar nicht nur der europäischen Kultur, sondern auch nichts von großer Musik des Kulturkreises, dem sie entstammen. Sie werden noch viel mehr als andere Gruppen Opfer des katastrophalen Allgemeinzustandes unseres Musikunterrichts, der mehr ausfällt als stattfindet und sich oft genug nicht wirklich traut, die Jugendlichen an die lebendige Musik heranzuführen, d.h. sie oft mit dem abspeist, was in den Medien sowieso bereits zur Beschallung unserer Ohren beiträgt.
Nun soll sich das zwar ändern! In NRW z.B. soll bis 2012 in jeder Grundschule die Möglichkeit gegeben sein, ein Instrument zu erlernen, in Niedersachsen plant der Landesmusikrat unter dem Motto „Hauptsache Musik“ ähnliche Projekte zumindest in einer Klasse jedes Jahrgangs zu gewährleisten und wirbt für die Initiierung von Kinderchören.

Im Lebensbericht Daniel Barenboims „Die Musik – mein Leben“ berichtet er, dass es in den 1950 Jahren viel üblicher war, sich die Musik in Nationalitäten einzuteilen. Der Standard war, dass die Deutschen deutsche Musik am besten spielten, die Franzosen für den französischen Klang zuständig waren usw. Heute ist es viel selbstverständlicher, dass ein Chinese europäische Musik spielt oder ein Argentinier die ungarische Moderne interpretiert.
Den ersten Baustein für das Orchester „West-Östlicher Diwan“ wurde 1999 in Weimar von Barenboim und dem palästinensischen Kulturwissenschaftler Edward Said gelegt. Zu ihrer Überraschung folgten fast 200 israelische und arabische junge Musiker der Einladung, sich für einen Workshop in Weimar zu bewerben. Und das Erstaunen wuchs, als die Organisatoren feststellten, dass es nicht nur in Israel, sondern auch in den arabischen Ländern sehr gut ausgebildete junge, talentierte klassische Musiker gab. Barenboim ging davon aus, dass in Weimar ein Israeli und ein Araber, die nichts voneinander wussten oder sich sogar hassten, ein Pult teilen würden und dieselben Noten gemeinsam spielen würden - mit denselben Bogenstrichen, mit derselben Dynamik u.s.w. Anfangs dachte niemand daran, dass sich dieser Workshop wiederholte, heute ist er bereits eine Institution.

Damals lud Daniel Barenboim den Cellisten Yo-Yo Ma ein, den Musikern Kammermusiklektionen zu erteilen. Er schreibt in seiner Autobiographie: „Unser Ziel war es nicht, das beste Jugendorchester der Welt zu gründen, denn da gibt es ja bereits ein paar wundervolle, sondern zusammen Musik zu machen....Yo-Yo Ma ist nicht nur ein wunderbarer Cellist und Musiker, sondern er besitzt auch einen reichen Geist und den Drang, mit anderen Musikern und dem Publikum zu kommunizieren. Auf eine gewisse Weise hatte er einiges mit den Israelis und Arabern gemeinsam, denn durch seine chinesische Herkunft ist er ebenfalls ein nicht-europäischer Musiker. Zu Beginn seiner Karriere musste er den entscheidenden Wechsel von einem völlig anderen kulturellen Hintergrund zur europäischen Musik vollziehen – einen Prozess, den auch viele Teilnehmer des Workshops durchmachten. Seine Anwesenheit unterstrich auch die Tatsache, dass es zwar so etwas wie einen typisch deutschen Klang gibt..., dass dies aber nicht bedeutet, das ein Nicht-Deutscher diese Musik nicht auf dieselbe Weise empfinden könne. ...Hier hatten Yo-Yo Ma und die jungen Musiker eine große Gemeinsamkeit – sie waren Nicht-Europäer, die europäische Musik spielten -, und er leistete einen außerordentlichen Beitrag zu unserem Workshop.“ (aus dem Kapitel „Weimar“ aus „Die Musik – mein Leben“)


Macht mehr Musik

In der Kultur vieler Länder und Generationen hat Musik eine ähnliche Bedeutung. Sie ist nicht etwas, was man dazutun kann zum normalen Leben oder auch weglässt. So sehr wir auch heute von Musik allerorten überschüttet werden, im Supermarkt oder im Fernsehen, so sehr berührt sie uns tief, wenn sie unmittelbar vom Menschen zum Menschen spricht. Und besonders dann, wenn sie in der Absicht komponiert wurde, Ideen von Mensch zu Mensch zu tragen. Trauermusik z.B. oder Musik, die zu freudigen Anlässen erklingt hat überall auf der Welt einen ähnlichen Charakter.
Sollte es uns nicht gelingen können, das Experiment, das Barenboim auf so bewegende Weise gelungen ist, in unser Musikleben zu übertragen, in unseren Musikunterricht, in dem Kinder und Jugendliche sitzen, die aus den verschiedensten Ländern stammen.
Auch hier können wir Schüler an „ein Pult“ bringen, in der gemeinsamen Aufgabe, deutsche Musik zu verstehen, türkische Musik kennen zu lernen und zu verstehen, oder russische Musik. Denn auch „kleine“ Musiker lieben schon „große“ Musik. Wir sollten es ausprobieren, die Volkslieder der verschiedenen Länder zusammen zu singen, zu erfahren, wie die Russen singen, wenn sie den Frühling begrüßen, wie die Tschechen, wie die Kroaten oder Libanesen.
Wir sollten es ausprobieren, ob der kleine Junge türkischer Abstammung Leopold Mozart Schlittenfahrt hören mag, und das kleine Mädchen polnischer Abstammung vielleicht ein israelisches Orchesterstück. Neue Wege in der Musikerziehung zu gehen, heißt auch, zu probieren. Der Dirigent Celibidache sagte ganz richtig: Probieren heißt tausendmal nein zu sagen. Denn wenn wir die anderen Möglichkeiten nicht versucht und verworfen haben, können wir nicht überzeugt sein, dass wir die beste gewählt haben. Das gilt für die Musik - und was das vom Musiker erfordert, kann man sich vielleicht vorstellen. Das gilt aber auch für unser Leben mit Musik und erst recht für unser Leben in Musik mit unseren Kindern.

Daniel Barenboim: "Die Musik – mein Leben"

Ausgewählte Gedanken aus dem Kapitel „Leben in Musik“

Was ist Musik? Und wie stellt sie sich dar? Sie tut es sehr einfach, durch Klang. Musik ist – wie Busoni sagte – eigentlich „nur“ Luft“. Doch Musik drückt nicht nur zwischenmenschliche Gefühle aus, sondern sie ist selbst eine menschliche Schöpfung, die darauf ausgerichtet ist, die Natur in ihrem profundesten Sinn nachzuahmen. Vielen glauben, dass Musik, sich nur mit den zwischenmenschlichen Emotionen beschäftigt – wie Liebe oder Hass -, insbesondere im Musiktheater. Aber bei absoluter Musiker, genauer: Musik ohne Text oder Programm, muss man sich klar machen, dass sie auch ein Ausdruck des Individuums und seines Inneren, ein Ausdruck seiner Beziehung zur Welt, zum Universum ist. Also besitzt Musik auch die Fähigkeit, emotionale Beziehungen zu überschreiten oder sogar gar nichts mit ihnen zu tun haben. Sie schafft oft eine Art Parallele zu menschlichen Beziehungen und bekommt als solche eine transzendentale Qualität
...Musik entsteht aus dem Nichts und endet im Nichts... Leben entsteht auch aus dem Nichts und endet im Nichts, und dieses Nichts ist - Stille.

...Ich glaube, dass das Erinnerungsvermögen des Ohrs oft unterbewertet wird. Wenn ein Thema wiederkehrt, möglicherweise in einer leicht veränderten Form, erinnert sich das Ohr und erkennt die Veränderungen. Nichts in der Musik ist jemals losgelöst von dem, was vorangegangen ist oder nachfolgt. Es ist wesentlich, dass ein Musiker alle expressiven Mittel, die er zur Verfügung hat, beobachtet und analysiert; viele tun das nicht, entweder weil ihnen die notwendige Neugier fehlt oder weil sie Angst haben, dass rationales Vorgehen ihr musikalisches Gefühl oder ihre Intuition vermindern könnte. Aber unsere Gedanken sollten als Teil der Musik verstanden werden, weil Musik Gedanke ist. Eine Ansammlung von Noten ist nicht Musik, aber eine Sammlung von Tönen, die so arrangiert sind, dass sie eine Beziehung zueinander haben, kann zu Musik werden. Man kann Gefühl nur durch einen Gedankenprozess veredeln....

Es ist unmöglich, genau zu definieren, was ein schöner Klang ist. ...Klangschönheit ist eine Frage des individuellen Geschmacks, aber das physische Vergnügen am Klang hat einen fast berauschenden Charakter. Man kann Klang als Ausdrucksmittel auf viele Arten einsetzen: entweder durch eine Veränderung in der Intensität oder indem man mittels Intensität und Klangfülle etwas vollkommen Gleichmäßiges schafft. Ausdruck in der Musik ist die Gestaltung von etwas, das Klang an sich nicht besitzt, da der Ton an sich ja die Tendenz hat, sich der Stille entgegenzubewegen. ...Die Gefahr eines so genannten schönes Tons und dessen, was ich gerne die berauschende Eigenschaft des Tons nenne, liegt darin, dass eine solche berauschende Eigenschaft oft mit echtem Ausdruck verwechselt wird. Der echte Ausdruck der Musik kann nur durch die Veränderung des Klangs zustande kommen, und die Veränderung oder Gleichmäßigkeit des Klangs als Ausdrucksmittel kann nur im Zusammenhang des gesamten Stücks entstehen.

Musik ist für mich ein wesentlicher Teil des Lebens, In gewissen Weise gibt sie mir ständigen Trost, sie ermöglicht mir insbesondere, einen Bezug zum Tod zu empfinden, eine Fähigkeit, die wir Menschen nicht automatisch besitzen. Es ist nahe liegend, dass jeder ab und zu oder sogar öfters über den Tod nachdenkt. Die Beziehung zwischen Leben und Tod ist die gleiche wie die Beziehung zwischen Klang und Stille – die Stille, bevor die Musik beginnt und nachdem sie endet, und das stärkste Element des Klangs ist meiner Meinung nach jene Stille davor und danach.

(Zitiert nach List-Verlag 2006, letzte Bearbeitung 2002, S. 269-275)



Geschrieben von Birgit Brenner
Sonntag, 1. April 2007