Buchbesprechung:

Leibniz' Briefwechsel mit den Jesuiten in China

Gottfried Wilhelm Leibniz:
“Der Briefwechsel mit den Jesuiten in China” (1689-1714)

erschienen im Felix-Meiner-Verlag, Hamburg bietet dem Leser eine wunderbare Möglichkeit, das Abenteuer zu riskieren, den großen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz kennenzulernen und natürlich China!

“Ich mußte mich kneifen, so schön war es!” sagte der deutsche Astronaut Thomas Reiter in einem Interview aus dem All, nachdem er die Weltraumstation ISS zu seinem ersten Außeneinsatz verlassen hatte.

Liest man den Briefwechsel Leibniz’ mit seinen Briefpartnern, den Jesuitenpatres in China in der Zeit von 1689-1714, - jetzt von Rita Widmaier in der deutschen Übersetzung von Malte-Ludolf Babin herausgegeben – eröffnet sich eine nicht weniger faszinierende neue Welt - auch nach über 300 Jahren für den Leser des 21. Jahrhunderts.

So schreibt im Februar des Jahres 1700 der Jesuitenpater Charles Le Gobien an Leibniz: “Unsere Franzosen sind ganz verblüfft, wo sie China mit eigenen Augen sehen; sie sagen, sie hätten für Märchen gehalten, was man ihnen davon berichtete, geben [nun] aber zu, daß die Wirklichkeit die Erzählungen noch übertrifft……. Sie kommen aus dem Staunen gar nicht heraus.”
Rita Widmaier bemerkt zu Beginn ihrer Einleitung: “Leibniz’Briefwechsel mit den Jesuitenpatres in Peking zählt in der Geschichte der alten Chinamission (1582-1773) zweifellos zu den interessantesten, wenn nicht bedeutendsten Zeugnissen des Versuchs, China als älteste Kulturnation der Erde durch die Vermittlung westlicher Philosophie und Wissenschaft auf die Annahme des Christentums vorzubereiten……….In dem Zeitraum von 1689 bis 1714 bildete sich…..zwischen dem Lutheraner Leibniz und einer kleinen Gruppe von Priestern der Gesellschaft Jesu eine Art Allianz. Das von Leibniz öffentlich propagierte Ziel dieses Brückenschlags zwischen Europa und China klingt verblüffend modern: an Stelle des gewöhnlichen Fernhandels mit Waren aller Art sollte zwischen dem Westen und dem Osten des eurasischen Kontinents ein Wissensaustausch ohne Beispiel erstehen, ein Handel mit vorwiegend theoretischen Erkenntnisssen aus Europa gegen vorzugsweise technik- und praxisbetontes Wissen aus China.”


Der Handel mit Erkenntnis: “Das ist etwas Größeres als man glaubt!

”Seit der Ankunft Matteo Riccis 1582 in China steigt das Interesse an diesem Teil der Erde. Für Leibniz, der sich als “eifriger Parteigänger Ihrer Chinamission” versteht, ist sie sogar “das wichtigste Geschäft unserer Zeit (ist): ebenso im Hinblick auf Gottes Ehre und die Ausbreitung des Christentums wie im Sinne des Gemeinwohls und der Zunahme von Wissenschaften und Künsten bei uns wie bei den Chinesen. Es geht ja um einen Handel mit Erkenntnis, der uns auf einen Schlag die Frucht ihrer Arbeit aus mehreren Jahrtausenden bringen kann und umgekehrt den Chinesen den Ertrag der unseren; so können wir beiderseits sozusagen unsere wahren Reichtümer verdoppeln, und das ist etwas Größeres als man glaubt.”

Unter schwierigsten Bedingungen müssen im 17ten Jahrhundert die Reisen nach China unternommen werden. Rußland verwehrt schon 1691 “unter einem beliebigen Vorwand” den Landweg durch Rußland für die Jesuitenpatres, sodaß sie “einen Umweg von einem Ende Europas zum anderen in Kauf nehmen mußten”. Im Jahre 1700 bricht der Nordische Krieg (1700-1721) zwischen Dänemark, Sachsen und Rußland gegen Schweden aus, 1702 der Spanische Erbfolgekrieg (1702-1714), “der jetzt Europa zerreißt”, wie Leibniz 1706 an Bouvet in Peking schreibt.
Antoine Verjus berichtet im März 1695 in einem Brief an Leibniz folgendes über das Reiseabenteuer:
“Die letzten Briefe, die ich von Pater Grimaldi erhalten habe, datieren aus Goa vom Januar 1694. Seine Reise durchs Mittelmeer bis nach Konstantinopel und weiter durch das Schwarze Meer, Armenien und Persien bis nach Hormuz hat sehr viel länger gedauert, als er erwartet hatte, und die Seereise von dort nach Goa ist sehr langsam und wenig glücklich vonstatten gegangen, so daß er einen Monsun verpaßt und damit noch ein Jahr verloren hat. In diesem Augenblick dürfte er also allenfalls gerade Peking erreicht haben, wo ihn der Kaiser von China sehr ungeduldig erwartete.”
Briefe aus China erreichen Leibniz manchmal erst nach 18 Monaten. Unglaublich für die heutige Zeit der direkten Kommunikation durch Internet und Handies zu erfahren, mit welcher Konzentration und Ausdauer Leibniz und seine Briefpartner wie die Patres Grimaldi, Bouvet, Verjus, Gobien etc. über 15 Jahre um einen “Austausch von Ideen und Kenntnissen” zwischen den “an den beiden äußersten Enden des großen (eurasischen) Kontinents lebenden Völkern” ringen, wie sie nach den “wissenschaftlichen Perlen” auf beiden Seiten suchen, um den “Handel mit Wissensgütern” “im Dienste der Allgemeinheit” und zum Wohle und Fortschritt der Menschheit in “Theorie und Praxis” voranzubringen - alles nach dem weitreichenden Leibnizschen Grundsatz: “Laßt uns unsere Verdienste zusammenwerfen, das Licht am Licht entzünden.”


Der Kaiser von China, Kangxi und sein Toleranzedikt

In China regiert in dieser Zeit Kaiser Kangxi (1692-1722), welcher “sich durch eine große persönliche Sittlichkeit und durch eine große Liebe zur Weisheit auszeichnet.” Er öffnet den Jesuitenpatres die Türen in seinem Reich, übergibt ihnen wichtige Ämter und betraut sie mit der Erziehung seiner Söhne. Er fordert die Patres zur Erstellung von Lehrbüchern in chinesischer und tartarischer (manjurischer ) Sprache auf, um das Wissen der Europäer, nicht nur auf dem Feld der Philosophie schnellst möglich verbreiten zu können. Im März 1692
erreichen die Patres einen wichtigen Erfolg: Kaiser Kangxi unterzeichnet das Toleranzedikt für die Verbreitung der christlichen Religion in China und im November 1700 erklärt er per Gesetzeskraft, “daß das Wort “Himmel”, das in den chinesichen Büchern so gebräuchlich und unter den Missionaren so umstritten ist, im Verständnis der Gelehrten und der alten Chinesen ein höchstes, intelligentes Wesen, Herrscher über Himmel und Erde, bezeichne und nicht etwa den pysikalischen Himmel.” Was “von nun an eine in ganz China gültige Lehre” ist, bedeutet für die Chinamissionare eine wichtige Unterstützung im berüchtigten, die Chinamission der Jesuiten gefährdenden “Ritenstreit” innerhalb der katholischen Kirche. (s. hierzu auch Leibniz Einleitung in seiner Schrift “Novissima sinica”)
Bei Leibniz wächst mit den Berichten aus China und über Kangxi die Idee, “daß der Kaiser von China selbst sich veranlaßt sehen könnte, einige Kollegien oder Akademien zu begründen, die dazu dienen könnten, die Wissenschaften und die Gelehrsamkeit nach europäischer Art zu pflegen, und deren Mitglieder Tataren [Manjuren], Chinesen und Europäer sein könnten?” Er denkt an den Aufbau von Stiftungen zur Finanzierung dieser Bildungsprojekte und fragt 1704 Bouvet in Peking: “Hat ein so mächtiger Fürst, der unangefochten herrscht, nicht unendliche Mittel, um solche Einrichtungen zu finanzieren?”

“So daß uns das Chinesische nicht minder geläufig würde als das Arabische…..!”

Der Briefwechsel selbst ist eine Art “Fernkolleg” in “Theorie und Praxis”. So möchte Leibniz, der große Universalgelehrte wissen, welche Methoden und Techniken die Chinesen in ihren Bergwerksgruben, bei der Viehzucht, dem Ackerbau und Gartenbau anwenden. “Demgegenüber ist die genauere Erforschung von für das Leben nützlichen Techniken…… von unmittelbarem Nutzen. Hier füge ich auch die Medizin an und die alten Beobachtungen der Astronomen. Sodann sollten meines Erachtens Bücher aller Art, Pflanzen und Pflanzensamen, Nachbildungen und Modelle von Gerätschaften und was sonst sich transportieren läßt nach Europa geschickt werden; außerdem vielleicht auch Menschen, die uns als kenntnisreiche Dolmetscher der Sprache und Verhältnisse (in China) dienen könnten, so daß uns das Chinesische nicht minder geläufig würde als das Arabische und wir aus den uns bislang gänzlich verschlossenen Bücherschätzen Nutzen ziehen könnten,” schreibt er im März 1695 an Grimaldi.
Immer wiederkehrende, vertiefende Fragen nach diesen Bereichen finden sich in dem 70 Briefe umfassenden Briefwechsel zwischen Leibniz und seinen Briefpartnern in China bis zu seinem Tod im Jahr 1714. Der Leser kann auf spannende Weise miterleben, wie Leibniz, der Politiker und Staatskünstler, der Philosoph und Wissenschaftler, von Hannover und zeitweilig von Berlin aus, wo er 1701 dem Ruf des Königs von Preußen folgt, “um dort bei der Gründung einer neuen Sozietät der Wissenschaften mitzuwirken”, den “geistigen Austausch zwischen den beiden zivilisatorisch am weitesten fortgeschrittenen Teilen der Welt “ zu befördern sucht. Fragen nach den chinesischen Horizontalwindmühlen (der Leser sei daraufhingewiesen, wir befinden uns im 17. Jhrdt.), ihren Wagen, ihrer Meeres- und Flußschiffahrt, ihrer Kenntnis der Herstellung von Papier und Porzellan, ihrer besonderen “Methode der Kultivierung von Maulbeerbäumen” zur Herstellung von Seide beschäftigen Leibniz genauso wie ihr Wissen auf dem Gebiet der Medizin, z.B. der Pulsdiagnostik, der Akkupunktur und der Arzneimittelanwendung. So fordert Leibniz eine baldige “Übersetzung des Kräuterbuches des Kaisers von China” und empfiehlt ein medizinisches Jahrbuch zu entwickeln. Leibniz möchte auch wissen, “ob sie nicht gute Verfahren kennen, um Leder oder einen Stoff so zu präparieren, daß Luft und Wasser nicht eindringen könnten, insbesondere die Luft, denn soweit ich sehe, ist man darin in Europa noch nicht so erfolgreich, wie ich es wünschte. Damit könnte man dicke Säcke oder Kissen herstellen und aufblasen, um darauf zu schlafen.”
Es ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit Leibniz seine Korrespondenzpartner und somit den Leser in sein Wissen, seine Gedankenwelt und seine große Neugierde einbezieht, sei es, wenn er in Briefen über seine Gesetze der Kraft, die “in etwas Höherem begründet sind” berichtet oder über “einige schöne Entdeckungen in Europa” wie seine Infinitesimalrechnung oder die Anwendung des Barometers:”Ich habe selbst diese Wissenschaft einen bedeutenden Schritt vorangebracht; auf diese Weise sind Probleme lösbar geworden, die über die Möglichkeiten der bisherigen Algebra und Analysis hinausgingen. Wir haben zum Beispiel die Schiffsformen bestimmt, die im Strom den geringsten Widerstand verursachen; die Kurve, in der ein schwerer Körper in der kürzest-möglichen Zeit von einem Punkt zu einem anderen kommt, [gemeint ist eine absteigende Bewegung im Schwerefeld] und tausend ähnliche Probleme. Da die Natur überall von der Unendlichkeit ihres Urhebers geprägt bleibt, eröffnet nur diese Wissenschaft vom Unendlichen wirklich den Übergang von der Mathematik zur Physik. Ich hatte auch festgestellt, daß die Kettenlinie, d.h. die Kurve, in der eine aus sehr kleinen Gliedern bestehende Kette sich von selbst krümmen würde, die Logarithmen liefert, ohne irgendwelche Berechnung und ohne Tafeln (…).Ich habe oft empfohlen, durch Experimente auf See festzustellen, inwieweit das Barometer dazu dienen kann, Unwetter vorherzusehen, da Herr von Guericke [1602-1686) beobachtet hatte, daß die schweren Stürme es fallen ließen. Endlich hat man [jetzt] den Versuch auf einer großen Seereise gemacht, und man teilt mir mit, daß man einen aufziehenden Sturm etwa zwölf Stunden im voraus feststellen kann, was meistens ausreicht, um sich in Sicherheit zu bringen: sei es, daß man in Deckung geht, sei es, daß man sich wenigstens von Sandbänken und Felsen entfernt und auf dem Schiff alle Vorbereitungen trifft, um nicht [vom Sturm] überrascht zu werden. Auf diese Weise können in Zukunft unendlich viele Schiffe gerettet werden.”
Genauso wird über “das Alter der Welt” diskutiert, oder die von (Ole) Römer erfundenen astronomischen Instrumente, die berühmte “Himmelsmaschine”, zur Darstellung der Planetenbewegung, um “die Mondbahn ausreichend zu bestimmen, um künftig genauere Aussagen über Finsternisse und andere Erscheinungen als bisher machen zu können” oder über “einige recht bemerkenswerte Flecken” in der Sonne, oder einen Kometen, der 1702 in Berlin beobachtet worden ist: “Er wurde zum erstenmal am 21. April um 2 Uhr morgens gesichtet. Er hatte keinen Schweif und war größer als ein Stern der ersten Ordnung.” Leibniz erwähnt auch - fast nebenbei- als P.S.- Ergänzung, “daß einst der berühmte Kepler anläßlich eines Briefes Ihres Ordensbruders Pater Schreck aus China einige Blatt hat drucken lassen, wo er Vorschläge für Forschungen in China macht auf dem Gebiet der Astronomie, Chronologie, Geographie usw. Und weitere Überlegungen anschließt.” Schon 1695 informiert er über Verjus in Paris Grimaldi in Peking über den Entwicklungsstand seiner Rechenmaschine: “Da er (Grimaldi) äußerst interessiert war an Details meiner Rechenmaschine, wird er sich vielleicht freuen zu hören, daß ich sie endlich in großer Ausführung habe fertigstellen lassen, so daß sie bis zu zwölfstellige Ergebnisse hervorbringen kann.”


Der Weg zu den ältesten Ursprüngen der Völker – die Sprache

Ein weiteres zentrales Thema ist die Beschäftigung mit der chinesischen Sprache und ihren Schriftzeichen in den Briefen. Für Leibniz ist “die Erschließung der chinesischen Sprache und Schrift (ist) gewissermaßen das Fundament der Wissenschaftsgeschichte und der Schlüssel zu sämtlichen Kenntnissen der Chinesen”. Doch Leibniz legt sich hier keine Beschränkung auf. Er möchte den gesamten asiatischen Sprachraum erforschen. Wiederholt bittet er die Patres, ihm “das Vaterunser in allen erreichbaren Sprachen zu beschaffen, um eine Art allgemeinen Maßstab zu gewinnen, anhand dessen diese sich untereinander vergleichen ließen”. Er erklärt weiter: “Es wäre auch nicht ohne Nutzen, wenn man an Aufzeichnungen der Alphabete jener Völker kommen könnte, die über solche verfügen. Anhand der Sprachen aber können wir uns ein überaus sicheres Urteil über die ältesten Ursprünge der Völker bilden. Vielleicht haben sich auch mancherorts alte Inschriften, Manuskripte, Lieder oder Münzen erhalten, die geeignet wären, ein Licht auf die alten Zeiten zu werfen.”

In den Antworten aus China – selbst auf Fragen, ob z.B. die chinesische Sprache eine Art Poesie kennt, oder ob rythmische Kadenzen eine Rolle spielen – erfährt er: “Unsere Patres haben chinesische Wörterbücher und Grammatiken verfaßt, um den Europäern das Studium dieser Sprache zu erleichtern.” und “Die Chinesen lieben die Dichtung. Die chinesische Poesie ist gereimt und recht anmutig. Die Chinesen verfassen sogar Theaterstücke, die allerdings mit Sicherheit von anderer Art sind als unsere.”


Gibt es eine universelle Charakteristik?

Leibniz’ Faszination mit den chinesischen Schriftzeichen hat einen besonderen Grund, bestärkt sie doch eine Idee, die schon der zwanzigjährige Leibniz hatte. Er schreibt Ende 1698 aus Hannover an Verjus:
“Von Jugend auf habe ich über eine neue Charakteristik nachgedacht, die nicht nur, wie die chinesischen Schriftzeichen, zur Bezeichnung [der Dinge] dienen, sondern auch die Möglichkeit eröffnen sollte, viele Dinge exakt zu bestimmen, die bisher nur Gegenstand unscharfer Überlegungen sind. Ich hatte in diesem Zusammenhang schon einen gewissen Erfolg mit meiner neuen Infinitesimalrechnung, die eine bessere Verbindung zwischen Geometrie und Physik herstellen soll, und einer anderen, noch unveröffentlichten Methode, die ich “calculus situs” nenne. Ich habe aber vor, noch deutlich darüber hinaus zu kommen, wenn Gott mir ausreichend Lebenszeit verleiht und genügend Muße oder Hilfe dabei angedeihen läßt. Ich glaube nicht, daß irgend etwas mehr der menschlichen Vernunft zu dienen vermag, als eine vollendete Charakteristik. Nun hofft Pater Bouvet, wie er mir schreibt, gewisse alte, von den Chinesen verehrte Zeichen zu entziffern, von denen er glaubt, daß sie mit unserer Philosophie zusammenhängen; die könnte man auf Grund dieses Zusammenhangs den Chinesen nahebringen, um damit unserer Theologie Vorschub zu leisten. Da habe ich mir gedacht, daß man eines Tages diese Zeichen dazu einrichten könnte (sowie man über sie gut Bescheid wüßte), nicht nur [Dinge] darzustellen, wie es Zeichen gewöhnlich tun, sondern sogar damit zu rechnen, Vorstellungskraft und Denken zu unterstützen und auf diese Weise den Geist dieser Völker in Erstaunen zu versetzen und ein neues Hilfsmittel zu gewinnen, sie zu unterrichten und [für uns] einzunehmen. Dieser Begriff von der Charakteristik, den ich schon seit so langer Zeit hege und von dem ich in einem kleinen Buch (Dissertatio de Arte Combinatoria, 1666) gehandelt habe, das ich als noch nicht Zwanzigjähriger schrieb, ist übrigens meines Wissens eine der wichtigsten [Aufgaben] überhaupt, doch ich fürchte, er wird untergehen.“
Leibniz schwebt Zeit seines Lebens der “außerordentliche Plan” vor, “die Zurückführung der Begriffe auf ein, wie ich es nenne, Alphabet der menschlichen Gedanken” zu schaffen, “eine [ars] characteristica [zu entwickeln]” und damit “ein Mittel, nicht das Wort, sondern die Gedanken abzubilden, so wie es mit der Algebra in der Mathematik geschieht. Indem man die Gedankengänge durch die Zeichen ausdrückte, würde man rechnen und beweisen, indem man argumentiert, und ich glaube, es ließen sich Mittel und Weg finden, dies mit den alten Schriftzeichen der Chinesen in Verbindung zu bringen, über die Sie schon nachgedacht haben. Das wäre ein großartiges Mittel, die Chinesen an dieser Erfindung Geschmack finden zu lassen und an dieser geheimnisvollen Art Schrift, die vielleicht das beste erdenkliche Mittel wäre, um die Wahrheit des Christentums mit Hilfe der Vernunft zu erweisen”…


Das Funktionsprinzip der Zweiheit - 1 und 0

Für den Leser des 21. Jhdts, gewöhnt Computer und Internet zu benutzen, ist es sicher eine wichtige Erfahrung, nachvollziehen zu können, welcher Weg Leibniz zu der Entdeckung seiner binären Mathematik führte, denn dieses von Leibniz entwickelte Funktionsprinzip der Dyadik (Zweiheit) basierend auf 1 und 0, legte die Grundlage für die moderne Datenverarbeitung und Informationstechnologie.
Im 42. Brief entwickelt Leibniz am 15. Februar 1701 Bouvet sein bahnbrechendes, binäres Zahlenkalkül: ”Ich weiß nicht, ob ich früher schon einmal in einem Brief an Euer Ehrwürden auf den Zahlenkalkül zu sprechen gekommen bin, den ich nicht etwa für den alltäglichen Bedarf erfunden habe, sondern für die wissenschaftliche Theorie, denn er eröffnet ein weites Feld für neue Lehrsätze, und vor allem liefert er eine bewundernswerte Darstellung der Schöpfung. Nach dieser Methode werden nämlich alle Zahlen durch die Vermischung von Eins und Null geschrieben, ungefähr so wie alle Geschöpfe ausschließlich von Gott und vom Nichts herkommen. Nichts in der Mathematik scheint mir besser für die Zwecke der Religion geeignet und dafür, einen der wichtigsten Artikel [der christlichen Glaubenslehre] zu bestätigen, den die nichtchristlichen Philosophen einstimmig zu verwerfen pflegen. Man sagt demnach nicht umsonst, daß die Wesenheiten wie die Zahlen sind und alle Unvollkommenheiten der Dinge in nichts anderem als den Negationen bestehen. Daher sagte Augustinus sehr richtig, daß das Böse aus dem Nichts kommt. Dieser Kalkül ist folgendermaßen beschaffen: So wie man sich üblicherweise der Zehnerprogression bedient und wie einige andere Progressionen angewandt haben, wollte ich die einfachste mögliche Progression ins Auge fassen: die binäre oder geometrische Progression mit 2. Zunächst habe ich gesehen, daß so wie das Zehnersystem nur zehn [Zahl-]Zeichen verwendet, nämlich die Zeichen von 0 bis 9, das binäre System nur zwei verwenden würde, nämlich 0 und 1 (…).Mein Hauptziel, Ehrwürdiger Vater, ist aber gewesen, Ihnen eine neue Bestätigung für das Christentum im Hinblick auf den erhabenen Glaubensartikel der Schöpfung zu liefern, und zwar auf einer Grundlage, die meiner Meinung nach von großem Gewicht sein wird bei den Philosophen Chinas und vielleicht auch beim Kaiser selbst, einem Liebhaber und Kenner der Wissenschaft von den Zahlen. Die bloße Aussage, daß alle Zahlen gebildet werden durch die Verbindung der Einheit mit dem Nichts und daß das Nichts ausreicht zur Diversifizierung der Zahlen, ist nicht weniger glaubhaft als die Aussage, daß Gott alles aus dem Nichts geschaffen hat, ohne sich irgendeiner ursprünglichen Materie zu bedienen, und daß es nur diese beiden Urprinzipien gibt, Gott und das Nichts: Gott [als Prinzip] der Vollkommenheiten, das Nichts [als Prinzip] der Unvollkommenheiten oder des Wesensleeren.”


Der “Dialog der Kulturen” und Leibniz’ “beste aller möglichen Welten”

Die spannende Lektüre dieses Briefwechsels ist auch eine hervorragende Möglichkeit, herauszufinden, ob die Jesuitenpatres in ihrer Einschätzung von Leibniz und seinem Werk Recht hatten, wenn sie schreiben: “Jeder, der auch nur den geringsten Sinn für die Wissenschaften hat, wird sich ein Vergnügen daraus machen, Umgang zu pflegen mit dem berühmten Herrn Leibniz, der in ganz Europa so wohlbekannt und so geschätzt ist, dem unser Jahrhundert so tief verpflichtet ist und dessen Erinnerung der Nachwelt so teuer sein wird.”

Der Leser wird sicher feststellen, dass dieser Briefwechsel besonders in unserer heutigen Zeit, in der die Menschheit von Armut, Gewalt, Terror und Krieg bedroht ist, eine große Kostbarkeit ist, mit der uns Leibniz Wege aufzeigt, einen wirklichen “Dialog der Kulturen” zu führen und eine friedvolle, schönere Welt zu bauen. Leibniz kämpfte nach den Zerstörungen des 30ig jährigen Krieges um die Durchsetzung seiner Vision, die “beste aller möglichen Welten” auf Erden zu schaffen, wissend, daß es im “Reich des Herrn keine Herren und Knechte gibt” und daß “Liebe allumfassendes Wohlwollen” ist und “Lieben heißt, sich an der Glückseligkeit eines anderen zu erfreuen oder was auf dasselbe hinausläuft, die Glückseligkeit eines anderen sich zu eigen zu machen!”



Geschrieben von Renate Müller DePaoli
Mittwoch, 4. April 2007