Auf nichts war Verlaß. Nur auf Wunder.

Auf nichts war Verlaß. Nur auf Wunder.
(Mascha Kaléko)


„Convivio mundi möchte mit diesem Abend all jene Menschen unterstützen und stärken, die unabhängig von den langsamen Mühlen der Bürokratie und der politischen Entscheidungsträger, einfach ihr Herz sprechen lassen und Menschen willkommen heißen und unterstützen, die alles aufgegeben und verloren haben. All jene Menschen, die versuchen zu verstehen, was es heißt, Krieg, Bomben, Trümmer, Vergewaltigung, Hunger und Tod zu entkommen, all jene, die spontan Hilfe organisieren und versuchen, in der tiefsten Verzweiflung einen Hoffnungsschimmer zu setzen. „Mit diesen Worten begrüßte Renate Müller De Paoli die Gäste, die sich im Leibnizhaus Hannover zu einem Abend mit Gedichten und Musik aus Flucht und Ghetto eingefunden hatten.

51 Millionen Menschen sind nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe derzeit auf der Flucht. Ihnen fehlt nicht nur die Heimat, ihnen fehlen viele einfache Dinge, wie es zuvor aus verschiedenen Ecken des Raumes nach dem Gedicht des indischen Dichters Ruskin Bond gerufen wurde. „Ein Flecken Gras, ein lachendes Kind, der Geschmack von Brot, ein Schluck kaltes, frisches Wasser..“

Schwerpunkt des Abends waren Gedichte von Ilse Weber (1903 – 1944) und Mascha Kaléko (1907 – 1975), gesprochen von Mitgliedern von Convivio mundi e.V. (Steffen Brosig, Birgit Brenner, Volkert Brenner, Anna Jäger und Andreas Richter)

Ilse Weber wurde in Witkowitz geboren und wuchs in dieser multinationalen tschechischen Stadt auf, in der Tschechen, Polen, Deutsche, Sinti, Roma und Juden in enger Nachbarschaft zusammenlebten. Schon früh veröffentlicht sie kleine Geschichten und Theaterstücke für Kinder, wie z.B. 1928 ihre „Jüdischen Märchen“, die viel Beachtung fanden. Sie schreibt Hörspiele für den Rundfunk und veröffentlicht in Zeitschriften. Die Machtergreifung Hitlers 1933 verändert rasch das Klima auch in Witkowitz und die Anfeindungen gegen Juden und Minderheiten wachsen. Ilse Weber beklagt in Briefen an ihre Freundin in England, der Antisemitismus versperre ihr alle Türen. Sie zieht mit ihrer Familie nach Prag. Dort entschließen sich Ilse Weber und ihr Mann 1938, ihren ältesten Sohn Hanus (7 Jahre alt), ihrer Freundin in London anzuvertrauen. 1942 werden Ilse Weber, ihr Ehemann Willi und ihr jüngster Sohn Tommy nach Theresienstadt deportiert, dem „Sammel- und Durchgangslager“ für die Deportation nach Osten. Ilse Weber übernimmt dort bald die Kinderkrankenstation und schreibt für die kleinen Patienten in einfacher Sprache Gedichte und Lieder. (Das wunderbare Gedicht „Tommys Abendgebet“ ist ein gutes Beispiel dafür.) Dort konnten die Kinder singen und lachen und einfach das Grauen um sie herum vergessen, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Sie lieh sich eine Laute, die sie wie durch ein Wunder versteckt halten konnte und brachte nicht nur den Kindern glückliche Momente.

Momente der Veranstaltung

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Musica Prohibita

Ich wandre durch Theresienstadt,
vorbei an den strengen Gendarmen,
die Laute, die man mir geliehen hat
wie ein Kind verpackt in den Armen.

Mein Herz schlägt schneller, die Wange brennt
in des Gefürchteten Nähe.
Es wäre geschehn um das Instrument,
wenn er es bei mir sähe…

Wir sind ja verurteilt an diesem Ort
zu tiefster Verzweiflung und Schande,
die Instrumente nach man uns fort
als gefährliche Konterbande.

Wir dulden Hunger und Freiheitsraub
und alles, womit sie uns quälen,
doch richten sich immer empor aus dem Staub
die niedergetretenen Seelen.

Wir dürfen, umgeben von Tod und Grauen,
den Glauben an uns nicht verlieren,
wir müssen der Freude Altäre bauen
in den düsteren Massenquartieren.

Mit Dichterwort und ein wenig Musik
wolln wir dem Elend entfliehen,
aus schlichten Liedern soll bisschen Glück
und gütiges Vergessen erblühen.

Und wenn wieder einige sich gestehen,
die nahe schon am Verzagen:
Es ist auf der Welt doch auch manchmal schön,
nun können wir’s wieder ertragen“…

dann fühlt man um sich so reiches Glück,
dass man geholfen den Armen,
und trägt furchtlos die Laute wieder zurück
unter dem Blick den Gendarmen.

Willi Weber wird im September 1944 nach Auschwitz deportiert. Er überlebt. Ilse Weber wollte ihre jungen Patienten nicht alleine lassen. Als die gesamte Kinderkrankenstation auf die Deportationsliste gesetzt wurde, meldet sie sich freiwillig und geht mit ihnen nach Auschwitz.
Nach dem Krieg findet Willi Weber die Gedichte seiner Frau, die er selbst dort in einem Erdloch versteckte, unbeschädigt wieder. Erst in den 1970er Jahren wurden in London die Briefe gefunden, die Ilse Weber an ihre Freundin geschrieben hatte. Briefe und Gedichte sind 2008 von Ulrike Migdal erstmals veröffentlich worden.
Es sind schockierende Gedichte, aus dem Alltagsleben des Ghettos gegriffen: z.B. „Rirarutsch, wir fahren in der Leichenkutsch“ (Theresienstädter Kinderreim). Ilse Weber spricht über die Dinge so, wie sie sie sieht, ohne abzumildern. Aber sie spricht mit einem unerschütterlichen Glauben an die Zukunft: „Denn alles wird gut, denn alles wird gut, (…) die Welt wird wieder zum Garten.“ (Emigrantenlied) Zart und tröstlich sind die Abend- und Wiegenlieder, die sie für ihren Sohn Tommy und die kranken Kinder geschrieben hat. Und schreibt in dem Gedicht „Das ist dir doch schon einmal geschehen“

„Drum magst Du gern dich ganz verschenken.
Du darfst nur eines nicht: dran denken,
dass man Dir etwas wiedergibt.“

Umrahmt wurden die Texte von Ilse Weber von drei Gedichten von Mascha Kaléko. Die 1907 in Galizien geborene jüdische Dichterin kam mit ihrer Familie nach einer langen Odyssee 1918 nach Berlin, wo sie als „Emigrantenkind“ aufwuchs. 1938 entkommt sie dem Naziterror und kann mit ihrer Familie in die USA emigrieren. Zum Beginn der1930er Jahre gehört sie zum Kreis der künstlerischen Avantgarde Berlins – zusammen mit Tucholsky, Ringelnatz, Kästner und vielen anderen. 1933 wird ihr „Lyrisches Stenogrammheft“ bei Rowohlt veröffentlicht und ist bald vergriffen. Aber schon 1935 erhält Kaléko Berufsverbot. Ihre Werke stehen auf der Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums“.
„Wir haben keinen Freund auf dieser Welt“, schreibt sie in ihrem Gedicht „Überfahrt“, denn viele Freunde entpuppen sich als verlogen und „weichen, wie von Pestkranken.“ „Ich aß von den grünenden Früchten der Sehnsucht“ heißt es in ihrem Gedicht „Die frühen Jahre“ und endet mit der Zeile „zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“

Das Duo Alauda mit Natascha Dwulecki (Sopran) und Negin Habibi (Gitarre) stellten einen besonderen Beitrag zum Thema dieses Abends vor. Der jüdische Philosoph Moses ben Jakob Ibn Esra (1055 – 1138) musste nach der Eroberung Granadas durch die Mauren 1090 die Stadt verlassen und befand sich lange Zeit auf der Flucht. Er hat diese Erlebnisse in einer Reihe von 19 Gedichten reflektiert, die u. a in die englische Sprache übersetzt und als „The Divan of Moses Ibn-Ezra“ bekannt wurden. Sie erzählen von der Sehnsucht nach der Heimat und den geliebten Menschen, die er verlassen musste, von den Natureindrücken, die er unterwegs erfährt, vom Vertrauen in Gott und dem Nachsinnen über die Vergänglichkeit alles Menschlichen. Das letzte Lied trägt den Titel: „Wouldst thou look upon me in my grave?“

Mario Castelnuovo-Tedesco (1895 – 1968) war jüdischer Herkunft. In seinen jungen Jahren war er in Italien ein gefragter Komponist der „musica nuova“. Aufgrund der Rassengesetzgebung Mussolinis musste er 1939 in die USA emigrieren. Dort ließ er sich in Los Angeles nieder, lehrte am dortigen Konservatorium und wurde ein profilierter Komponist der Filmmusik zwischen 1940 und 1956. In dieser Zeit schrieb er auch vielfältige Konzertmusik u. a. eine Suite für Gitarre, zwei Shakespeare-Ouvertüren, Balletmusik, ein Streichquartett, das Oratorium „Ruth“ und Musik für Klavier solo.
Seine Musik ist bilderreich, dramatisch und weitgehend tonal gehalten. Auch im vorgetragenen Liederzyklus wechselten volksliedhafte Motive mit hochdramatischen Passagen ab. Natascha Dwulecki sang sehr ausdrucksstark und bereicherte die Musik mit vielen Farbnuancen ihrer Stimme. Negin Habibi begleitete wunderbar, sie ließ die Töne perlen und schlug expressive Akkorde. Insgesamt stimmte das Duo eindrucksvoll zusammen und konnte sowohl die freundlichen, als auch die mehr nachdenklichen bis schweren Klänge überzeugend vortragen.

So waren Gedichte (Weber und Kaléko) und die Musik Castelnueovos zu einem Strauß gebunden, der dem Publikum nicht immer leicht und fröhlich dargeboten wurde. „Umgeben von Tod und Grauen“ schrieb Ilse Weber ihre Gedichte, vom „Weh“, das vom Heimweh blieb, schreibt Mascha Kaléko, und Castelnuovo komponiert Texte der Sehnsucht und tiefster Verzweiflung.
Noch einmal sei Renate Müller De Paoli zitiert, die in ihrer Einführung sagte:
„Ilse Weber, Mascha Kaléko, Mario Castelnuovo-Tedesco und Moses Ibn Esra, haben Flucht und Vertreibung erlebt und uns trotz ihres Schicksals einen unglaublichen Schatz zurückgelassen, insbesondere die umwerfende Gewissheit, dass in der schlimmsten Barbarei, eine Gedicht, ein Lied Hoffnung und Lebenskraft geben kann. Vielleicht die Gewissheit, das in der tiefsten Verzweiflung und Selbstaufgabe die Menschlichkeit und Schönheit der Kunst ihre besondere Wirkung zeigt.“

„Wiegala“

Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.
Er spielt so süß im grünen Ried,
die Nachtigall, die singt ihr Lied.
Wiegala, wiegala, weier,
der Wind spielt auf der Leier.

Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne.
Er steht am dunklen Himmelszelt
und schaut hernieder auf die Welt.
Wiegala, wiegala, werne,
der Mond ist die Laterne.

Wiegala, wiegala, wille,
wie ist die Welt so stille.
Es stört ein Laut die süße Ruh,
schlaf, mein Kindchen, schlaf auch du.
Wiegala, wiegala, wille
wie ist die Welt so stille.

Ilse Weber hat nicht nur gedichtet, sondern auch Melodien zu ihren Texten erdacht, und sie zur Laute gesungen. Vom Lied „Wiegala“ sind die Noten in einer Handschrift erhalten. Natascha Dwulecki und Negin Habibi musizierten dieses schlichte schöne Lied zum Abschluss anstatt einer Zugabe. Danke dafür!


Quellenangaben:
Die Texte wurden zitiert nach:
Ilse Weber Wann wohl das Leid ein Ende hat? Gedichte und Briefe hrsg. v. U. Migdal 2008 Hanser Verlag Mascha Kaléko Sämtliche Werke und Briefe in 4 Bänden, dtv 2012



Geschrieben von Birgit Brenner
Montag, 08. Dezember 2014

Auf nichts war Verlaß. Nur auf Wunder.

(Mascha Kaléko)
Gedichte und Musik aus Flucht und Ghetto