Historische und aktuelle Kinderzeichnungen

Forschungsprojekt: Historische und aktuelle Kinderzeichnungen
Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender, Professorin für Kunst an der Universität Paderborn im Interview

Kinder- und Jugendzeichnungen geben wichtige Einblicke in das Aufwachsen von Jungen und Mädchen. Sie zeigen gesellschaftspolitische Entwicklungen und Veränderung von Kindheit. Jutta Ströter-Bender ist Professorin für Kunst, Malerei und ihre Didaktik an der Universität Paderborn. Sie leitet dort zusammen mit Annette Wiegelmann-Bals, Privatdozentin für Kunstpädagogik, eine langjährige Forschungswerkstatt zu historischen und aktuellen Kinderzeichnungen. Ergebnisse ihrer Arbeit sind 2017 im Tectum Verlag erschienen. Im Gespräch mit Renate Müller De Paoli erklärt Ströter-Bender, dass sich die Kinderzeichnungen „in den letzten Jahrzehnten dramatisch geändert haben“ und benennt Gründe.

Frau Professor Ströter-Bender malen Kinder und Jugendliche heute noch genauso gern wie früher?

Grundsätzlich drücken sich viele Kinder mit Freude durch Zeichnungen und Malereien aus, vor allem auch, wenn nicht unbedingt der Aspekt der Leistungsbeurteilung hinzukommt. Heute haben jedoch Kinder wesentlich mehr Freizeitangebote und sind in den verschiedensten Medien unterwegs. Daher bleibt in der Regel deutlich weniger Zeit zum Zeichnen und zum Malen.


Was zeigen Kinder in ihren Zeichnungen? Was geben sie in ihren Zeichnungen preis? Was machen Kinder mit Bildern?

Kinderzeichnungen offenbaren oftmals tief gehende Einsichten und Erkenntnisse in die aktuelle Situation von Heranwachsenden, auch in das Zeitgeschehen. Das lässt sich oftmals nach einigen Jahren erkennen, wenn Zeichnungen rückblickend betrachtet werden. Aus psychologischer Perspektive können Zeichnungen auch diagnostisch genutzt werden, wobei jedoch hier eine entsprechende professionelle Ausbildung notwendig ist, um keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender
Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender (Foto:Privat)

Die Forschung beschäftigt sich erst seit etwa 100 Jahren mit Kinderzeichnungen. Wie unterscheiden sich die historischen und aktuellen Kinderzeichnungen? Zu welchen Erkenntnissen sind sie in ihrer „Forschungswerkstatt“ an der Universität Paderborn gekommen?

In unserer langjährigen Forschungswerkstatt zu Kinder- und Jugendzeichnungen an der Universität Paderborn sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass die Kinderzeichnungen sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch geändert haben. Da den Heranwachsenden weniger Zeit bleibt, haben Sie auch weniger Übung und Erfahrung, ihre Themen bildnerisch umzusetzen.

Ein Besuch in historischen Kinderzeichnungsarchiven, so z. B. im Schulmuseum von Nürnberg, zeigt bei der Untersuchung von Werken beispielsweise aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dass hier zehnjährige Kinder in einer Art und Weise selbstverständlich und sicher Zeichnen und Gestalten konnten, wie es heute so gut wie nie mehr zu sehen ist. Ein Grund kann im historischen Rückblick dabei auch in der damals sehr strengen Schrifterziehung liegen, welche die Kinder befähigte, mit klaren Linien ihre Motive zu formulieren. Der zunehmende Medienkontext im Alltagsleben und die damit einhergehenden flüchtigeren Bildwelten haben dann bei vielen Kindern und Jugendlichen die Fähigkeit geschwächt, innere Bilder und Formen entsprechend komplex durch Zeichnungen darzustellen.

Verändern Macht und Flut der Medienbilder, Bildschirm-, Computer- und Konsolenspiele nur die inhaltliche Ausrichtung oder sehen sie auch Veränderungen in den zeichnerischen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen?

Wir können also deutlich bejahen, dass die Flut der vielen Medienbilder die Konzentration und die Fähigkeit schwächt, lange und in Ruhe zu betrachten und Wahrnehmungen, Eindrücke und Motive komplex und äußerst differenziert mit Stift und Farbe zu gestalten. Aber auch andere handwerkliche Fähigkeiten nehmen ab. Immer wieder berichten aktuell Lehrerinnen, dass Ihre Schüler in der fünften Klasse nicht einmal mehr richtig mit der Schere ausschneiden können.


Unterscheiden sich die Darstellungsweisen von Jungen und Mädchen? Wenn ja, wodurch?

Es wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer davon ausgegangen, dass sich Jungen und Mädchen Zeichnungen eindeutig unterscheiden. Hier gab es ganz pauschale Urteile: die Mädchen arbeiten detailliert dekorativ und die Jungen zeichnen flüchtig, aber sind eben etwas genialer in ihren Entwürfen und Kompositionen. Diese pauschalen Urteile müssen heute revidiert werden, zum einen mit Blick auf die historischen Kinderzeichnungsarchive, wo die bis vor dem Zweiten Weltkrieg Jungen- und Mädchenzeichnungen in ihrer Ausführung und ergänzenden Schriftgestaltung nicht unterschieden werden können. In unserem Band wird vorgestellt, dass Jungen auch heute gleichfalls exakt wie dekorativ arbeiten, wenn Ihnen das Thema zusagt, und sie sich mit dem Motiv identifizieren können.

Frau Professor Ströter-Bender, Sie haben sich intensiv mit der ästhetischen Wirkung von Computer- und Videospielen und Kultserien auf Kinder und Jugendliche beschäftigt. Mit welcher Methode, mit welchen bildnerischen und technischen Mitteln wird gearbeitet, sodass das Eintauchen in diese „Parallelwelt“ so faszinierend und verlockend wird?

Die meisten Computerspiele sind heute visuell so perfekt und überwältigend, dass viele Heranwachsenden sich ihren Perspektiven und Farbwelten nur schwer entziehen können. Durch ihre Gestaltung und die Charaktere ihrer Protagonisten faszinieren die Spiele ebenso wie durch ihre inszenierten Räume und Ebenen.
Verbunden mit Klang, Schnelligkeit und Bewegung binden sie die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen. Es sind Welten, in die rasch eingetaucht werden kann, und in denen man die reale Zeit mit ihren alltäglichen Anforderungen vergisst. Die Spiele stellen eine Möglichkeit dar, Abenteuer und Gefahren ohne Risiko zu erleben, zugleich sind Sie ein Kommunikationsmedium in Bezug auf den Austausch mit Gleichaltrigen. Wir haben oft erlebt, dass Kinder, die ihre Spielerfahrungen auf Zeichenpapier ein Stück wiedergeben möchten, dann sehr schnell ihre Zeichnungen zerreißen, weil sie mit dieser Perfektion nicht konkurrieren können.


Welche Rolle kann und müsste in einer Welt der Digitalisierung der Kunstunterricht für die kulturelle Sozialisation und ästhetische Bildung spielen? Vor welchen Herausforderungen und vielleicht Chancen steht das Fach „Kunst“ aktuell in den Schulen?

Das Fach Kunst hat bereits die wichtigen Herausforderungen durch die Digitalisierung erkannt und aufgegriffen, indem neue Anforderungen für eine Bild- und Medienkompetenz diskutiert und in den Unterricht integriert werden. Ich sehe aber auch, im traditionellen Sinne eine große Chance für das Fach, durch konkretes kunstpraktisches Arbeiten sinnliche und ästhetische Erfahrungen möglich zu machen. Meine These ist, das die Digitalisierung der Welt gegenläufig umso mehr das Bedürfnis wachsen lässt, Dinge real zu gestalten und künstlerisch zu arbeiten, was wir im Moment in den großen Handmade Bewegungen im globalen Kontext wahrnehmen können.


Frau Professor Ströter-Bender wir danken Ihnen.

Vita: Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender

Seit 2000: Professorin für Kunst (Malerei und ihre Didaktik) an der Universität Paderborn.
1994-1995: Vertretungsprofessorin für Kunstdidaktik im Fachbereich der Kunst der Universität Mainz.
1991-2000: Dozentin im Fach Kunstpädagogik der Universität Frankfurt a. M.
1983-1987: Journalistische Begleitung der Ausstellungen des Iwalewa-Hauses der Universität Bayreuth.
1981-1987: Freie Künstlerin und Leiterin der Kunstschule in Bayreuth.
1981: Promotion bei Ernest Jouhy an der Universität Frankfurt a. M. über „Zur Umstrukturierung kolonialer Kulturinstitutionen. Probleme und Perspektiven der Museen in Senegal“
1978-1981: DAAD-Stipendium am Institut Fondamental d`Afrique Noire (IFAN), Dakar (Senegal)
1972-1978: Studium der Kunstpädagogik, Geschichte und Pädagogik (der Dritten Welt) an der Universität Frankfurt a. M.


Geschrieben von Renate Müller De Paoli
Freitag, 26. Januar 2018

Forschungsprojekt:

Historische und aktuelle Kinderzeichnungen
Prof. Dr. Jutta Ströter-Bender, Professorin für Kunst an der Universität Paderborn im Interview