Thlokomela - Pass auf Dich auf!

Interview mit Dawid Hensel Sauber, Chorleiter von "Thlokomela" aus Namibia

Mit jeder Konzerttour durch Deutschland wächst die Fangemeinde dieses A-Capella-Chores aus Katatura, ein Township mit 65.000 Einwohnern in der Nähe von Windhoek, der Hauptstadt von Namibia. Ein Chor, der mit afrikanischen Liedern, Rhythmus und Tanz, aber besonders durch unglaubliche Lebensfreude begeistert. Diejenigen, die den Chor seit seiner Gründung erlebt haben, staunen über die Entwicklung, wie sie mir begeistert beim Konzert in Bielefeld berichteten. Denn „Thlokomela“ ist entstanden aus einem Selbsthilfeprojekt im Armenviertel von Katatura.

Dawid Hensel Sauber, genannt „Kalu“, ein Autodidakt, dem die Liebe zur Musik, Rhythmus und pädagogisches Geschick in die Wiege gelegt wurde, versucht seit 2008, Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen – inzwischen sind es fast 100 – in dieser Wellblechhüttensiedlung mit Stromausfall und Wassernot durch die Musik eine andere Lebensperspektive zu geben. Täglich können sie in sein „Haus“ kommen, bekommen Unterstützung bei den Hausaufgaben, oft die einzige Essensmahlzeit und anschließend Musikunterricht. Selbstbewusst haben sie sich den Namen „Thlokomela“ – „Pass auf dich auf!“ gegeben, denn sie wissen aus ihrer eigenen Lebenssituation, wie gefährlich die Gradwanderung zwischen Armut, Perspektivlosigkeit, Drogen, Kriminalität und Prostitution ist. Zurück in Namibia fand „Kalu“ Zeit, meine Fragen zu beantworten.

Konzert in der Süster Kirche in Bielefeld, 12. Juni 2019 Copyright RMDEP

Herr Sauber, die Anfänge von „Thlokomela“ gehen auf das Jahr 2008 zurück. In diesen über zehn Jahren hat der Chor eine rasante Entwicklung vollzogen. Was war für Sie damals der Auslöser, ein solch erstaunliches Projekt ins Leben zu rufen und Kinder in einem Armutsviertel für Musik zu begeistern?

Die Organisation habe ich ins Leben gerufen, weil die Musik das Leben verändern kann und weil sie hilft, Kinder fit für die Zukunft zu machen.

Wie waren die Lebensumstände der Kinder, die mitgemacht haben? Haben sie eine Schule besuchen können? Und wie ist ihre Lage heute im Jahr 2019?

Die meisten gingen zur Schule, aber da bekamen sie nicht alles, was sie brauchten und wollten… Inzwischen haben die meisten die Schule erfolgreich abgeschlossen. Die Lage hat sich zum Besseren verändert.

Wie ist es Ihnen gelungen, Ausdauer, Begeisterung und Konzentration der Kinder und Jugendlichen – manche sind ja seit 2008 dabei – zu halten, die für eine stetige Weiterentwicklung eines Chores notwendig?

Die Musik hat sie zusammengebracht, weil sie sich darüber austauschen konnten und so enger zusammengerückt sind.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Musikstücke für den Chor aus? Welches Repertoire versuchen Sie zu entwickeln?

Wir wählen Musik, die motiviert und das Publikum auch geistig packt.

Wie viele Mitglieder hat “Thlokomela” jetzt?

Natürlich haben einige den Chor verlassen, weil sie lieber andere Träume verwirklichen wollten, aber die meisten sind geblieben, insgesamt zwischen 70 und 100 Sänger.

Der Chor hat sich den Namen “Thlokomela” gegeben, übersetzt ins Deutsche “Pass auf!” Warum? Was wollen Sie mit diesem Namen sagen?

In Namibia ist das Leben nicht so einfach, man muss sich selbst kümmern, deshalb lautet unser Motto: „Pass auf Dich auf”.

Herr Sauber, Sie sind gerade mit 14 Mitgliedern von “Thlokomela” für zwei Monate in Deutschland auf Tour gewesen, organisiert von Kirchengruppen. Der Chor ist nicht zum ersten Mal in Deutschland aufgetreten. Und wieder war das Publikum hingerissen und begeistert von den afrikanischen Liedern, Rhythmus und Tanz, aber vor allem von dem spürbaren Spaß und der Lebensfreude, die die jungen Sänger verbreiten. Wie sehen Sie die Beziehung zwischen Deutschland und Namibia heute? Welche Erfahrungen nehmen Sie mit aus Deutschland?

Die Beziehungen entstehen durch die Musik, unsere deutschen Zuhörer begegnen uns herzlich, ja liebevoll und sorgen dafür, dass wir uns in Deutschland wohlfühlen. Und die Beziehungen zu Deutschland können helfen, unserer Jugend eine bessere Zukunft zu geben.

Herr Sauber, wir danken Ihnen.

Wellblechhütten-Siedlung in Katatura bei Windhoek, Namibia

Die Landschaft von Katatura, Kalu zeigt im Hintergrund die Kirche der Evangelischen Kirche von Westfalen

Chorproben und Treffen finden in Kalus "Haus" statt (vorne)

Die Lebenssituation der Kinder

"Thlokomela" in der Martin-Luther-Kirche, Harsewinkel, Konzert Pfingsten 2019

(c) Kirchengemeinde Harsewinkel

Vita: Dawid Hensel Sauber

Dawid Hensel Sauber, „Kalu“ genannt, wurde am 12. September 1974 in Marienhof/Namibia geboren. Er arbeitete einige Zeit als Aushilfslehrer im Armutsviertel von Rehoboth, ging dann in das Armutsviertel von Katatura, einer Stadtgemeinde in der Nähe von Windhoek, Namibia. Dort nahm er sich der Lebenssituation der Kinder und Jugendlichen an. Inzwischen kümmert er sich – angewiesen auf Spenden – um etwa 100 Kinder, Jugendliche und junge Menschen. Seit einigen Jahren baut er auch einen Bläserchor auf.


Die Fragen stellte Renate Müller De Paoli.
Dawid Hensel Sauber beantwortete diese schriftlich am 9. August 2019.

Übersetzung aus dem Englischen: Ortrun Cramer

Thlokomela - Pass auf Dich auf!

Interview mit Dawid Hensel Sauber, Chorleiter von "Thlokomela" aus Namibia