Hoiho! Hoiho!

Heinrich Heines moderne Lieder
Veranstaltung vom 25. April 2024

So wie Heine der Nordseewind um die Ohren blies – Hoiho! - , so wirbelte Heine in seinem Gedichtzyklus „Nordsee“ die Versfüße durcheinander. „Die Nordsee“ umfasst 22 Gedichte in 2 Teilen, und Heine spricht in einem Brief an Wilhelm Müller: „Sie erkennen daraus, welche neuen Tönen ich anschlage“.
Zum ersten Mal in der Poesie erfindet Heine den freien Vers, eine Form in der Dichtkunst, die wir heute mit der modernen Dichtung verbinden.
Ralf Schauerhammer, Mitbegründer der „Dichterpflänzchen“, einer sehr aktiven Poesie-Vereinigung, die Gedichte in Schulen, Seniorenresidenzen und die allgemeine Öffentlichkeit trägt, hatte das Konzept zu dieser Veranstaltung geschrieben, zu der Convivio mundi e.V. am 25. April 2024 ins Hannoversche Künstlerhaus eingeladen hatte. Renate Müller De Paoli erläuterte kurz seinen Werdegang und dankte den zahlreich erschienenen Zuhörern für ihr Kommen.
Musikalisch begleitet wurden die Texte von spanischer Gitarrenmusik von Fernando Sor, Miguel Llobet und Isáac Albeniz, ausdrucksstark und einfühlsam gespielt von der Gitarristin Negin Habibi.
2 Moderatoren kommentierten und befragten die Texte, die von Ralf Schauerhammer, Steffen Brosig und Andreas Richter vorgetragen wurden. So ging es zu Beginn vor allem um die Versfüße und das exakte Metrum der Volksliedstrophe, mit Beispielen von Brentano und Goethe erläutert. Was ist denn nun das Moderne an Heines Liedern? Das war die wiederholte Frage der Kommentatoren.
Heine hat in das Metrum von abwechselnd betonter und unbetonter Silbe an verschiedenen Stellen unbetonte Silben eingefügt. Das macht die Sprache freier, frischer und leichter. Der Rhythmus ist nicht mehr im Gleichmaß von betont – unbetont eingezwängt, sondern kann sich eng an die Gemütslage des Dichters anschmiegen. Dieser natürliche Sprachrhythmus korrespondiert mit dem Gefühl des Lesers viel unmittelbarer, wie wir es sonst nur aus der Musik kennen.

Momente der Veranstaltung

Zu den Bildern

Dazu kommt Heines unvergleichlicher Humor. In dem Gedicht „Krönung“ – dem 1. Gedicht des Zyklus verherrlicht Heine die Geliebte in hymnischen, ekstatischen Ton, indem er sie – einer Königin gleich – anbetet. Erst in den letzten Zeilen wird der Leser plötzlich ertappt, als Heine schreibt:

Und huld'gend auf rotem Sammetkissen,

Überreiche ich dir

Das bißchen Verstand,

Das mir, aus Mitleid, noch gelassen hat

Deine Vorgängerin im Reich.

Auch im „Seegespenst“ will sich der liebestolle Dichter fast ins Meer stürzen, er erblickt die lang Verlorene, die stets heiß Ersehnte, die Geliebte unten an einem Fenster in der versunkenen Stadt tief im Wasser:

Aber zur rechten Zeit noch

Ergriff mich beim Fuß der Kapitän

Und zog mich vom Schiffsrand

Und rief, ärgerlich lachend:

Doktor, sind Sie des Teufels?

Auch Erklärung und Im Hafen - von Steffen Brosig und Andreas Richter vorgetragen, erregte Heiterkeit im Publikum wie auch die Geschichte vom göttlichen Fremdling in Die Nacht am Strande, der sich von der schönen Fischerstochter Tee mit Rum erbittet.
Die vielleicht schönste Verbindung zweier poetischer Bilder schuf Heine im Nordseekapitel seiner Reisebilder : Ich liebe das Meer wie meine Seele. Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst“. Und in einem Brief an seinen Freund Karl Simrock - nachdem er sich etwas über „die gewöhnlichen Süßwasser-Leser, die vom ungewohnt schaukelnden Metrum der Nordsee-Gedichte seekrank werden“ belustigt hat – schreibt er: „Du kannst kaum glauben, lieber Simrock, wie ich das Meer liebe“.
Diese Liebe spürt der Leser in allen Gedichten des Zyklus. Und der Hörer der wunderbar vorgetragenen Gedichte an diesem Abend im Künstlerhaus. Der Abend schloss mit dem Gedicht Wo?

Wo?

Wo wird einst des Wandermüden

Letzte Ruhestätte sein?

.

und schließt mit den Worten

.

Immerhin! Mich wird umgeben Gotteshimmel,

dort wie hier,

Und als Totenlampen schweben

Nachts die Sterne über mir.


Dieses Gedicht wurde für Heines Grabmal ausgewählt. Er starb im Pariser Exil 1856 und wurde auf dem Friedhof in Monmatre beigesetzt.

Vielen Dank an Ralf Schauerhammer und alle Mitwirkenden von Convivio Mundi e.V.


Geschrieben von Birgit Brenner
Samstag, 27. April 2024

Hoiho! Hoiho!

Heinrich Heines moderne Lieder
Veranstaltung vom 25. April 2024

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