Jahresgruß 2022

2022 - das Jahr der Hoffnung und der "humanitären Korridore"!?

„Heimisches Land, väterlich Haus,
Nie mög’ ich von Euch verbannt sein,
Um hilfeberaubt und ratlos
Durch die Welt zu irren,
Schmachtend in kläglicher Not!
In den Tod, in den Tod zu gehen wünscht’ ich,
Ehe dieses Los sich an mir erfüllt;
Denn der Heimat beraubt zu sein,
Nenn ich der Übel größtes.“

Welch ein Hilferuf eines Menschen! Wer vermutet, diese dramatische, schmerzliche Aussage sei gegenüber Convivio mundi in Lampedusa, Lesbos oder einem anderen der vielen Flüchtlingslager dieser Welt geäußert worden, irrt. Nein, es ist ein Zitat aus Medea, der griechischen Tragödie des Euripides, 431 v. Chr. in Athen uraufgeführt. Euripides beschreibt hier mit den machtvollen Stimmen des Chores, was Vertreibung und Flucht in einem Menschen auslöst. Nun sind zwar fast 2.500 Jahre seitdem vergangen, dennoch könnte die Beschreibung des Leids und Schicksals von flüchtenden Menschen – allen kolportierten Vorurteilen zum Trotz – nicht aktueller und treffender sein, denn Migration begleitet offensichtlich die Menschheitsgeschichte. Oder wie es Dr. Cesare Zucconi, Generalsekretär der Gemeinschaft Sant’Egidio, die das Konzept der „humanitären Korridore“ praktiziert, gegenüber Convivio mundi sagt:
„Die Migration ist ein strukturelles Merkmal unserer globalen Welt und nicht nur die Folge einer Notlage. Daher muss sie mit einer gemeinsamen, langfristigen Politik angegangen werden, die auf gesundem Menschenverstand und Solidarität beruht, ohne ideologische Abwege. Die „humanitären Korridore" sind ein praktikables Modell, das überall angewendet werden kann, das auf gesundem Menschenverstand beruht und Sicherheit und Solidarität miteinander verbindet. Ich bin überzeugt, dass wir die Einwanderung im Interesse aller steuern können und müssen. Die Steuerung der Einwanderung bedeutet nicht nur, den Zugang zu unseren Ländern zu regeln, sondern sich auch von Anfang an um die Integration derjenigen zu kümmern, die bei uns ankommen.“ (s. Interview Humanitäre Korridore und Schulen des Friedens – Der Beginn einer „Reise der Hoffnung”!?, 24. September 2021)

So haben sich nach dem plötzlichen Abzug der amerikanischen und internationalen Truppen aus Afghanistan und der darauf folgenden Machtübernahme des Landes durch die Taliban weltweit viele Künstler engagiert, um Musiker, Dozenten und Mitarbeiter, sowie deren Familienangehörige des Afghanistan National Institute of Music (ANIM) zu retten und zu evakuieren. 2010 gründete Dr. Ahmad Sarmast das Institut, aus dem u.a. international bekannte Ensembles wie das Afghan Youth Orchestra, National Symphony Orchestra und Zohra hervorgegangen sind. Sie werden nun in Portugal eine neue musikalische Wirkungsstätte haben und von dort die musikalische Tradition Afghanistans fortführen. Nach der letzten erfolgreichen Evakuierung erklärt Dr. Sarmast, Gründer und Leiter von ANIM:
„Jetzt, wo auch die letzten zwei Studenten wieder mit der ANIM-Community vereint sind, bin ich einfach nur glücklich, dass die Anstrengungen aller Beteiligten, unsere Lehrer und Studenten zu retten, erfolgreich waren. Sie sind nun frei zu musizieren, ihre Ausbildung fortzuführen, die reiche musikalische Tradition Afghanistans auch im Exil lebendig zu erhalten und deren Schönheit weltweit vermitteln zu können.“
Zu den Geretteten der ANIM gehören Meister wie der 85-jährige Tanbur-Lautenist Ustad Rasool Azizi, einer der führenden Vertreter der traditionellen afghanischen Musik, sowie 125 Studenten, darunter die 20-jährige Geigerin Gulmeena Khushdi. Sie sagt erleichtert: „Die Taliban haben uns die Freiheit und alle Rechte genommen. Wir waren nirgendwo mehr sicher. Jetzt sind wir frei und ich hoffe meinen Traum von einer erfolgreichen musikalischen Karriere verwirklichen zu können.“
Die Schlagwerkerin und Dirigentin des Frauenorchesters Zohra, die Studentin Shogafa Safi, setzt hinzu: „Für mich gibt es wieder Hoffnung und Träume. So schwer es auch ist, fern der Heimat und getrennt von Familie und Freunden zu sein, aber überhaupt zu leben und das musikalische Erbe meines Landes zu bewahren, das macht mich glücklich.“

Impressionen

© ANIM/21C Media Group, November 2021
Link zur Seite der ANIM


Möge 2022 also das Jahr der Hoffnung und der „humanitären Korridore“ werden …

In diesem Sinne wünscht Convivio mundi allen, unseren Mitgliedern, Freunden, Unterstützern und Interessierten ein gesundes, glückliches und friedvolles neues Jahr.



Geschrieben von Renate Müller De Paoli
Dienstag, 28. Dezember 2021

Jahresgruß 2022

2022 - das Jahr der Hoffnung und der "humanitären Korridore"!?

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