"Ein Körnchen Wahrheit für die Zukunft …"


Alexander von Humboldt, dessen 250. Geburtstag wir im September dieses Jahres feierten, war 20 Jahre alt, als er 1789 an seinen Freund Wegener schrieb:
„Je mehr die Menschenzahl und mit ihr der Preis der Lebensmittel steigen, je mehr die Völker die Last zerrütteter Finanzen fühlen müssen, desto mehr sollte man darauf sinnen, neue Nahrungsmittel gegen den von allen Seiten einreißenden Mangel zu eröffnen. Wie viele, unübersehbar viele Kräfte liegen in der Natur ungenutzt, deren Entwicklung Tausenden von Menschen Nahrung oder Beschäftigung geben könnte. Viele Produkte, die wir von fernen Weltteilen haben, treten wir in unserem Land mit Füßen, bis nach vielen Jahrzehnten ein Zufall sie entdeckt, ein anderer die Entdeckung vergräbt oder, was seltener der Fall ist, ausbreitet.
Überall sehe ich den menschlichen Verstand in einerlei Irrtümer versenkt, überall glaubt er die Wahrheit gefunden zu haben und wähnt, dass ihm nichts zu verbessern, zu entdecken übrig bleibe …
So in der Religion, so in der Politik, so überall …
Nein, die großen Entdeckungen, die ich selbst in den Schriften der ältesten Pflanzenkenner vergraben finde und die in neuern Zeiten von gelehrten Chemikern und Technologen geprüft worden sind, haben diese Betrachtungen in mir veranlasst. Was helfen alle Entdeckungen, wenn es kein Mittel gibt, sie exoterisch (für Uneingeweihte verständlich) zu machen.“

Trotz diesen von ihm beschriebenen „Irrtümern des menschlichen Verstandes“ und Widerständen ließ sich Humboldt, der große Natur- und Kulturforscher und Forschungsreisende, sein Leben lang in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nie vom Weg abbringen und erreichte eine Inter- und Multidisziplinarität, die heute Ihresgleichen sucht. So versuchte er auch, in seinen Kosmosvorträgen (1827/28) in der Berliner Singakademie seine Studenten zu lehren: „Das höchste Ziel aller Naturbetrachtung kann nur erreicht werden durch klare Erkenntnis unserer eigenen Natur, und wir wenden uns daher zur Betrachtung der höchsten Stufe organischer Bildung auf unserem Planeten, zu der des Menschen“.

Welch weitreichende und hochaktuelle Gedanken in einer Zeit und Welt, in der diese „Natureinheit des Menschengeschlechts“ von Hunger, Wasserknappheit, Klimaveränderungen und Kriegen bedroht ist. Und viele Menschen weltweit von Angst, Panik und Schuldzuweisungen bewegt werden. Die Vergangenheit hat aber immer wieder gezeigt, dass Angst und Schuldzuweisungen besonders schlechte Ratgeber sind. Sie verschließen möglicherweise die Tür, menschenwürdige Lebensbedingungen für eine wachsende Weltbevölkerung durch neue wissenschaftliche und technische Entdeckungen und Lösungen zu schaffen. Und sie gefährden das Wissen, dass viel „zu entdecken, übrig bleibe“, ein Wissen, das den Lebensprozess der Menschheit seit Jahrtausenden bestimmt und befördert hat.

Zu Beginn des neuen Jahrzehnts möchte Convivio mundi am 11. Februar 2020 beim traditionellen „Jahres-Gastmahl“ im Leibnizhaus mit Musik, Texten aus Poesie und Texten über Wissenschaft diesen Fragen weiter nachgehen und das nächste Jahrzehnt einleiten. Wir laden Sie herzlich zur Teilnahme ein.

Zu „Gast“ wird u. a. neben Nikolaus von Kues, Johann Wolfgang Goethe, Alexander von Humboldt, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Adalbert von Chamisso, Heinrich Heine, Mascha Kaléko, Rose Ausländer und Jan Wagner auch Leonardo da Vinci sein. Auch Leonardo, der große Universalgelehrte, suchte zeit seines Lebens nicht nur in seiner Malerei, seinen Forschungen auf dem Gebiet der Anatomie, Flugtechnik oder Städtebau – trotz aller Verbote und Gefahren – das „Kunstwerk Mensch“ zu ergründen:
„Und du, oh Mensch, der du in meiner Arbeit das wunderbare Werk der Natur erblickst, wenn du es als ruchlos betrachtest, dieses Werk zu zerstören, dann bedenke, wie äußerst ruchlos es ist, einem Menschen das Leben zu nehmen; wenn diese seine Zusammensetzung dir als wunderbares Kunstwerk erscheint, dann bedenke, dass dies nichts ist im Vergleich zur Seele, die in diesem Bau wohnt und die, wie immer sie auch sein mag, etwas Göttliches ist,
drum lasse nicht zu, dass dein Zorn oder deine Bosheit ein solches Leben zerstört.“

In diesem Sinne wünscht Convivio mundi allen, unseren Mitgliedern, Freunden, Unterstützern und Interessierten besinnliche und frohe Weihnachtstage und ein gesundes, glückliches und friedvolles neues Jahr.

Ein Körnchen Wahrheit für die Zukunft

Convivio mundi wünscht allen, unseren Mitgliedern, Freunden, Unterstützern und Interessierten besinnliche und frohe Weihnachtstage und ein gesundes, glückliches und friedvolles neues Jahr.

Geschrieben von Renate Müller De Paoli
Montag, 16. Dezember 2019