„Love Story"

Das Friedensbild des Jahres 2020
Lois Lammerhuber im Interview

„Love Story“ – ist der Titel des „Friedensbild des Jahres“ 2020 – Corona bedingt erst im Juli dieses Jahres vergeben. Aufgenommen hat das junge Paar der iranische Fotograf und Dokumentarfilmer Sasan Moayyedi. Es ist ein Foto, welches Fragen aufwirft, Antworten gibt, berührt und erstaunt. So wie auch die unglaubliche Lebensgeschichte von Salah Saeedpour berührt und erstaunt. Im Interview mit Convivio mundi bringt uns Lois Lammerhuber, Begründer des Global Peace Photo Awards und bekannter Reportagefotograf, nicht nur diesen beeindruckenden jungen Mann und sein Schicksal näher.

Lois Lammerhuber
(Foto:© Francis Giacobetti / Edition Lammerhuber)


Herr Lammerhuber, Sie haben zusammen mit Ihrer Frau Silvia im Jahr 2013 den Global Peace Photo Award initiiert, der das beste Bild zum Thema „What does peace look like?“(„Wie sieht Frieden wirklich aus?“) prämiert. Was hat Sie beide damals zu diesem Schritt bewogen?

Ich wurde von der Österreichischen Photographischen Gesellschaft (PHG) – übrigens die zweitälteste der Welt, gegründet 1861 – eingeladen im Vorstand mitzuwirken. Kaum war ich gewählt, wurde ich schon mit der Aufforderung konfrontiert „mir etwas einfallen zu lassen“.
Das Ergebnis des Nachdenkens war die Organisation des Global Peace Photo Awards, den wir damals allerdings nach Alfred Hermann Fried benannten, der 1911 gemeinsam mit Tobias Asser den Friedensnobelpreis zuerkannt bekommen hat.


Wie war die Resonanz? Haben Sie sofort viel Zuspruch erfahren oder war es zunächst eher ein steiniger Weg?

Der erste Call wurde von uns so ehrgeizig wie kurzfristig auf den Weg gebracht und das Einreichergebnis war mit 1.023 Bildern aus vier Ländern entsprechend gering. Ein Jahr später waren es schon 5.271 Bilder aus 99 Ländern. Im Jahr 2017 gab es dann 19.107 Einreichungen aus 165 Ländern, davon auch je eine aus Nordkorea und dem Vatikan. Der bisherige Einreichrekord datiert aus 2020 mit 19.711 Bildern, allerdings aus „nur“ 118 Ländern. Die meisten Einreichungen kommen immer aus Russland, China, Indien, Deutschland, USA und dem Iran.

Sasan Moayyedi - Love Story
(Foto:© Friedensbild des Jahres 2020 – Global Peace Photo Award)


Sie selbst sind seit Jahrzehnten als Fotograf weltweit unterwegs. Sehen Sie Unterschiede in der Fotografie zu anderen Kunstformen wie der Musik oder Theater in der Wirkung auf den Einzelnen?

Keine, aber wirklich keine andere Kunstform hat die Wirkmächtigkeit der Fotografie: wie ein gutes Bild binnen Sekundenbruchteilen über das Auge ins Herz gelangt, alle Menschen fast gleichermaßen berühren kann, das ist einzigartig. Natürlich kann das auch Musik, aber nicht in dieser Konsequenz. Noch dazu ist die Fotografie durch den Umstand geadelt, dass wir alle fotografieren und daher eine entsprechende Affinität zum Bild zu entwickeln begonnen haben. Ich wage die Behauptung, dass die Smartphone-Technologie die erste und vielleicht einzige Kulturrevolution der Menschheitsgeschichte ausgelöst hat, nämlich den barrierefreien Zugang für fast jedermann/frau zum persönlichen kreativen Ausdruck. Wenn ich dann noch in Betracht ziehe, dass mit unserer Art von moderner Fotografie nonverbale Kommunikation und nonverbales Lernen verknüpft ist, dann bekommen Begriffe wie Gesichtssinn eine ebenso andere Bedeutung wie auch der Primat des Wortes – siehe Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“ – erstmals in der Geschichte „Konkurrenz“ bekommt.

Liegt vielleicht ein Grund auch darin, dass wir durch Medien und voranschreitende Digitalisierung immer stärker auf das Visuelle ausgerichtet sind?

Nicht unbedingt, wir benutzen das Bild nur bewusster und das Bild ist demokratischer geworden. Es gehört nicht mehr den Medien und der Politik allein. Mit allen Vor- und Nachteilen – siehe social media.

Herr Lammerhuber, zum Global Peace Photo Award 2020 wurden aus 118 Ländern fast 20.000 Bilder eingereicht. Ausgewählt hat die Jury zum „Friedensbild des Jahres“ 2020 – Corona bedingt wurde der Hauptpreis von 10.000 € erst im Juli 2021 vergeben – „Love Story“, das Bild des in Teheran lebenden iranischen Fotografen Sasan Moayyedi. Was verbirgt sich hinter dieser „Love Story“? Helfen Sie uns, Salah Saeedpour und seine Frau Sarveh Amini näher kennenzulernen. Was hat die Beiden zusammengeführt?

Ich erlaube mir dazu, die Laudatio der Jury, verfasst von Peter-Matthias Gaede, der 20 Jahre lang Chefredakteur von GEO war, hier zu zitieren:

„An einem Septembertag im Jahr 2001 tritt der damals 15-jährige Salah Saeedpour bei einem Familien-Picknick in der iranisch-kurdischen Provinz Marivan nahe der Grenze zum Irak auf eine Landmine, eine der vielen bis heute gefährlichen Hinterlassenschaften des irakisch-iranischen Krieges zwischen 1980 und 1988. Der Junge verliert beide Hände. Und beide Augen. Er wird physisch zum Krüppel; nach den Zahlen, in denen so etwas bemessen wird, ist er seither zu 70 Prozent behindert.

Aber er gibt nicht auf. Trainiert seinen verstümmelten Körper, auch ohne dass er die Welt sehen kann, bis er Medaillen im Schwimmen gewinnt. Und trifft auf die Liebe seines Lebens, eine junge kurdische Frau, die er 2014 heiratet: Sarveh Amini.

Vier Monate nach der Hochzeit beginnt der iranische Fotojournalist Sasan Moayyedi, das Leben des Paares zu begleiten, bis heute: Die Geschichte eines privaten Friedens, der die Kraft hat, über den Krieg zu siegen. Eine Geschichte, die, wie er sagt, dem neuen Leben mehr Bedeutung gibt als aller traurigen Vergangenheit. Eine Geschichte vom gemeinsamen Besiegen aller Einschränkungen und Hindernisse. Salah schafft seinen Universitäts-Abschluss in Jura. Gewinnt weitere Medaillen. Das Paar vertieft sich in Bücher, aus denen Sarveh ihrem Mann vorliest, besucht Buchmessen, unternimmt Ausflüge, macht Sport, feiert, hört Musik. Tut nichts anderes als andere Paare, tut das nur eben in Überwindung all dessen, was andere Paare nicht zu überwinden haben. Tut es deshalb vielleicht inniger, weil zu dieser Liebe auch gehört, dass nicht beiden alles möglich ist. Weil hier nicht eine Hand der anderen helfen kann. Weil nur eine für beide sehen muss. Und in was sie sieht, vernarbt ist bis ans Lebensende.

Love Story. Weshalb der Fotograf und Dokumentarfilmer Moayyedi diese Geschichte selber als eine Geschichte vom Frieden sieht, wird auch daraus erklärlich, dass er eine der schlimmsten Bilder vom Krieg mit eigenen Augen gesehen hat: Die Folgen einer Giftgas-Attacke der Truppen Saddam Husseins auf die kurdische Stadt Halabdscha 1988, bei der mindestens 3.000, wohl eher 5.000 Menschen starben. Halabdscha, sagt er, schmerze noch immer ‚wie ein Messer im Rücken’. Einen akuteren Schmerz, sagt Sasan Moayyedi, habe er empfunden, als er die Situation der von ISIS-Terroristen verfolgten Jesiden in der Ninawa-Provinz im Norden Iraks dokumentierte. Und deshalb findet er die Geschichte vom Friedensschluss und Friedensgewinn zwischen Salah und Sarveh so wichtig und so schön, dass er beschlossen hat, sie bis zum Ende seiner Zeit als Fotoreporter zu begleiten.“


Sasan Moayyedi
Sasan Moayyedi (©2021 Sasan Moayyedi via Visura)


Kennen Sie Sasan Moayyedi persönlich? Er lebt ja in Teheran. Wissen Sie, wie diese Auszeichnung in seinem Heimatland aufgenommen worden ist? Unter welchen Bedingungen muss er im Iran arbeiten?

Nein, ich kenne Sasan nur durch ein paar Telefonate und weiß, dass er an Krebs im fortgeschrittenen Stadium leidet und daher auch nicht mehr nach Baden zur Preisverleihung reisen konnte.

Neben Sasan hat schon 2017 Maryam Firuzi, die aus Shiraz stammt, mit ihrer Arbeit „Reading for Theran Streets“ gewonnen. Entsprechend „populär“ ist der Global Peace Photo Award im Iran geworden.


Die meisten Bilder werden, wie Sie sagten, zum Global Peace Photo Award aus Russland, China, Indien, Deutschland, USA und dem Iran eingereicht, wie auch 2020. Können Sie mehr über die Arbeitsbedingungen, denen Fotografinnen und Fotografen in manchen Ländern ausgesetzt sind, sagen?

Nicht wirklich, da wir ja einen für Amateure und Profis „offenen Award“ anbieten. Grundsätzlich braucht man in diesen Ländern – soweit ich weiß bzw. selbst dort arbeitend erfahren habe, viel mehr Zivilcourage. Die Menschen sind bereit, stärker für das einzutreten, was sie für richtig im Leben halten. Persönlich finde ich, dass in diesen Ländern die Solidarität noch eine wesentliche Bedeutung hat, dass dort das „Wir“ noch mehr zählt als das „Ich“.

Herr Lammerhuber, viele junge Menschen haben die Leidenschaft zur Fotografie für sich entdeckt und tragen sich mit diesem Berufswunsch. Welchen Rat geben Sie mit Ihrer langjährigen Erfahrung diesen jungen Menschen?

Riskiert alles, es ist DIE großartigste Möglichkeit der Wahrheit unseres Lebens zumindest ein wenig näher zu kommen. Ich glaube auch fest daran, dass dies den eigenen Charakter prägt und einem die Möglichkeit einräumt, vieles zu verstehen, was einem sonst verschlossen bliebe. Eine Schule des Lebens ohnegleichen. Denn: „Die Fotografie ist dazu da, das Sichtbare sichtbar zu machen.“ (Frei zitiert nach László Moholy-Nagy).

Herr Lammerhuber, wir danken Ihnen.

Vita: Lois Lammerhuber


Lois Lammerhuber ist ein Österreichischer Reportage-Fotograf. Er hat etwa 1.000 Magazingeschichten und bis dato 84 Bücher publiziert. Gemeinsam mit Silvia Lammerhuber leitet er den Verlag Edition Lammerhuber, der mehrfach zum besten Fotobuchverlag Europas gewählt wurde. Vor 9 Jahren hat er den Global Peace Photo Award gegründet, der das beste Bild zum Thema „What does peace look like?“ prämiert und dessen Partner World Press Photo, UNESCO, das International Press Institute und das Österreichische Parlament sind. Seit 2018 leitet er als Direktor das Festival La Gacilly-Baden Photo. Lammerhuber ist seit 1994 Mitglied des Art Directors Club New York. Er wurde drei Mal zum besten Reportagefotografen der Welt gewählt und mit über 250 Preisen ausgezeichnet, 2014 wurde ihm das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse verliehen.

Lois Lammerhuber is a reportage photographer based in Austria. He has published about 1.000 magazine stories and 84 books so far. Together with Silvia Lammerhuber he manages the publishing house Edition Lammerhuber, which has been voted the best photo book publisher in Europe several times. Nine years ago, he founded the Global Peace Photo Award, which honors the best picture on "What does peace look like?" The award partners with World Press Photo, UNESCO, the International Press Institute and the Austrian Parliament. In 2018 he founded La Gacilly-Baden Photo Festival. Lammerhuber has been a member of the Art Directors Club New York since 1994. He has been awarded Best Reportage Photographer of the Year over 200 prizes, in 2014 he was awarded the Austrian Cross of Honor for Science and Art First Class.

Die Fragen stellte Renate Müller De Paoli.
Herr Lammerhuber beantwortete diese schriftlich am 9. August 2021.

„Love Story"

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Lois Lammerhuber im Interview

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