Interview mit Brigitte Fassbaender

„Es kommt darauf an, dass man brennt! An beiden Enden!"

Es ist ein Blick hinter die Kulissen, den Brigitte Fassbaender, die große Opern- und Liedsängerin, Regisseurin, Intendantin und Gesangslehrerin in ihren Memoiren „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“ gewährt, und ein erstaunlich offener, ungeschminkter und berührender Blick in die Höhen und Tiefen eines bedeutenden Künstlerlebens. „Es kommt darauf an, dass man brennt! An beiden Enden!“ für diesen Beruf, sagt Brigitte Fassbaender im Interview mit Convivio mundi – eine Herausforderung, der sich Künstler nicht nur jetzt, wo Konzertsäle, Opern und Theater bedingt durch die Corona-Pandemie geschlossen sind, stellen müssen.

Buchcover: Verlag C.H.Beck

Frau Fassbaender, Sie haben Ihren Memoiren, die Sie ohne Ghostwriter-Hilfe geschrieben haben, wie Sie betonen, den Titel „Komm’ aus dem Staunen nicht heraus“ gegeben. Warum haben Sie gerade diesen Titel gewählt?

Der Titel ist ein Zitat aus dem 3. Akt des „Rosenkavaliers“ von Richard Strauss. Da singt es der „Ochs“. Diese Worte stimmen total mit meinem Lebensgefühl überein – ich kann nur staunen, im negativen, wie im positiven Sinn …

Sie beschreiben sich als „scheues Kind“ und schreiben, dass Sie erst gegen Ende der Schulzeit eine Mitschülerin gebeten haben, Sie auf dem Klavier zu begleiten. Ist diese Schüchternheit den berühmten Eltern geschuldet – immerhin war Ihre Mutter, Sabine Peters, eine bekannte Theater- und Filmschauspielerin und Ihr Vater, Willi Domgraf-Fassbaender, ein international bekannter Bariton an der Berliner Staatsoper?
Oder ist die Schüchternheit doch mehr der Kriegs- und Nachkriegszeit geschuldet – Sie haben, nicht einmal sechs Jahre alt und evakuiert von Berlin zu den Großeltern nach Dresden, die Bombardierung der Stadt am 13./14. Februar 1945 miterleben müssen. Ist die Schüchternheit sozusagen mehr Ihrem „Nachkriegskindermagen“ anzulasten?

Natürlich waren meine Eltern große, unerreichbare Vorbilder für mich. Aber die Schüchternheit hat mit einer grundsätzlichen Menschenscheu zu tun, die ich immer in mir getragen habe. Ich habe in meinem langen Leben mühsam gelernt, mir eine gewisse Souveränität anzueignen. Diese „Schüchternheit“, die mich zeitlebens doch immer wieder eingeholt hat, hat nichts mit der Kriegs- und Nachkriegszeit zu tun. Sie ist eben in mir.

Sie haben sich dann Ihren Vater zum Gesangslehrer gewählt und von ihm ausbilden lassen. Warum gerade ihn?

Weil er ein glänzender Pädagoge war und so sang, wie ich es auch wollte: vollkommen natürlich und selbstverständlich.

Brigitte Fassbaender
Brigitte Fassbaender (Copyright: Marc Gilsdorf)

Sie schreiben, dass „Singen ein ,Hochleistungssport’ ist, für den man sich ständig fit halten muss“. Worauf kommt es wirklich an? Eine Frage, die sicher gerade jetzt, wo Konzertsäle, Opern und Theater bedingt durch die Corona-Pandemie geschlossen sind, viele Künstler beschäftigt.

Es kommt darauf an, dass man brennt! An beiden Enden! Es kann nichts anderes geben, als diesen Beruf, der schwer und aufreibend ist, mit allen seelisch-geistig-körperlichen Kräften zu wollen und zu erfüllen.

Doch gerade, weil die Stimme ein so fragiles Instrument ist, laufen Sänger und Sängerinnen in manchen Inszenierungen, welche oft gespickt sind mit akrobatischen Einfällen, Kapriolen und Showeffekten, nicht Gefahr, die Grenzen und Möglichkeiten zu überschreiten? Welchen Schutz gibt es in diesem Machtgefüge zwischen Regisseur und Dirigent?

Wenn man singen KANN, kann man in jeder „Lebenslage“ singen. Aber ein vernünftiger, wissender Regisseur wird ein „hohes C“ nicht im Kopfstand verlangen. Dirigenten sollte man da lieber nicht vertrauen, die wollen sowieso nur alles an der „Rampe“, also möglichst nur vorn und für ihn so bequem wie möglich …

Brigitte Fassbaender mit Edita Gruberová, 1979 bei der Filmproduktion von „Hänsel und Gretel“. Foto: Eduard Straub


Frau Fassbaender, seit Ihrem Abschied von der sängerischen Tätigkeit 1995 haben Sie sich verstärkt der Regiearbeit gewidmet. Sie haben den Memoiren ein „Theatertagebuch“ und „Regiegedanken“ angefügt, die hinter die Kulissen führen und die Entstehung einer Inszenierung aufzeigen. Sie beklagen, wenn ich Sie richtig verstehe, vor allem neben dem „Tod des Ensembletheaters“, dass die „Theaterwelt mehr und mehr ihren technischen Einrichtungen ausgeliefert ist“, oder? Kommt Ihnen die „Personenregie“ zu kurz?

Bei erstklassigen Regisseuren kommt die Personenregie nie zu kurz. Für mich ist sie das A und O des Bühnenlebens. Die Oper ist kein Kino und der Einsatz von Video und Beamer ist oft Ablenkungsmanöver vom Zentrum auf der Bühne, dem Menschen. Oder es steht der Chor herum, ohne Aktion, und „oben“ auf einem Screen tanzen bunte Bilder, die die „Aktion“ übernehmen ...
Es gibt einen schönen Spruch: Wenn der Regisseur nicht weiter weiß, Video und Trockeneis …
Dass das Ensembletheater im Argen liegt, ist eine unüberseh- und hörbare Tatsache. Die Ensembles schmelzen zusammen und die Last eines Spielplanes liegt auf den wenigen Ensemblemitgliedern, die ein Haus sich leisten kann und will. Sie gehen von Stück zu Stück, oft ohne Pause. Das ist Raubbau an jungen Stimmen.

Frau Fassbaender, in Ihrem wunderbaren Buch erwähnen Sie viele Dirigenten, Sängerkollegen und -kolleginnen, mit denen Sie in all den Jahren zusammengearbeitet haben, sodass der Leser „aus dem Staunen nicht“ herauskommt. Doch Sie möchten nur Enrico Caruso neben Shakespeare, Mozart und Schubert „im Himmel treffen“. Was verbindet Sie mit dem Sänger Caruso?

Caruso war ein umwerfender, mitreißender Sänger, der alles konnte und immer 1000 Prozent gab. Seine Stimme war ein begnadetes Instrument, sein Timbre berührt mich tief. Er war der geborene Sänger – ein unvergänglicher Meilenstein in unserer Zunft.


Frau Fassbaender, wir danken Ihnen.


Die Fragen stellte Renate Müller De Paoli.
Frau Fassbaender beantwortete diese schriftlich am 18. April 2021.

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