Wunderschönes Kulturfest


Vielen Dank für das wunderbare Kulturfest, schrieb ein Besucher des Festes „Eine Reise um die Welt“, das Convivio mundi e.V. am 11.11.2007 in Hannover veranstaltet hatte.

Renate Müller De Paoli von Convivio mundi betonte in ihrer kurzen Begrüßungsansprache, dass in der heutigen Kultur mehr und mehr das „Ich“ vorherrscht. „Ich will haben“, „Ich will mehr“ etc.

Sie verwies auf die Bedeutung des Interesses am „Anderen“, am „Du“, ohne dass kein Zusammenleben möglich ist, und zitierte Gottfried Wilhelm Leibniz über das Glück: Die Glückseligkeit ist die Freude über das Wohlergehen und die Entwicklung des Anderen.

Frei nach einem Gedicht von Mascha Kaléko, das sie über ihre glückliche Ehe geschrieben hatte, weil „Zwei Singulare noch kein Plural sind“, gab es viel Singuläres aus völlig unterschiedlichen Bereichen zu sehen und zu hören, ohne das ein Einheits-Trend festzustellen gewesen wäre. Jeder im Publikum aber nahm mit höchsten Interesse auf, was er bzw. sie über die andere Kultur erfuhr. Und im unterhaltsamen Wechsel zwischen Sprache, Musik und Tanz war auch einiges zu erfahren.

Wer z.B. hatte in Deutschland vorher schon etwas über das türkische Schattentheater erfahren, dessen Tradition bis ins 14.-15. Jahrhundert zurückreicht. Bis heute halten die beiden Spaßvögel – Hacivat und Karagöz – in witzigen Dialogen der Bevölkerung humorvoll den Spiegel vor. (Ausgewählt und gespielt von Orhan Güner, Türkischlehrer aus Hannover, der die heute selten ausgeübte Kunst zur Freude aller Anwesenden zu seinem Hobby gemacht hatte.)

Wer hat schon die Gelegenheit, einmal in einem längeren Zusammenhang der Melodie der altgriechischen Sprache zu lauschen. Der Dialog „Das Gastmahl“ von Platon berichtet über die Zusammenkunft griechischer Dichter mit Freunden, unter den sich auch Sokrates befindet, die beschließen, die Unterhaltung nach dem Essen der Frage zu widmen, was die Natur des Eros sei. Eine dieser Reden hatten sich fünf Schülerinnen aus dem Leistungskurs Altgriechisch des altsprachlichen Kaiser-Wilhelm-Ratsgymnasiums ausgewählt: die Rede des Aristophanes, die sie abschnittweise nach einer Einführung durch ihre Lehrerin Frau Vollstedt in altgriechischer und deutscher Sprache vortrugen. Die jungen „Altphilologinnen“ hatten sogar lustiges Anschauungsmaterial gebastelt, um die Aussagen des Aristophanes besser verständlich zu machen.

Wer hatte schon einmal etwas von Mevlana Dschelaleddin Rumi gehört, dessen 800. Geburtstag in diesem Jahr gedacht wird und den die UNESCO zum Dichter 2007 gewählt hatte.
Sevde Varlioglu und ihre Freundin Sarah, zwei Schülerinnen aus Hannover, trugen zwei Geschichten und ein Gedicht von Rumi vor.

Eine Geschichte handelte von fünf Blinden, die weisen Männer am Hofe des Königs. Sie sollen berichten, wie ein Elefant aussieht, betasten jeweils aber nur einen Teil des Tieres und kommen damit zu sehr unterschiedlichen Aussagen über dieses Geschöpf. Die andere Geschichte mit dem Titel „Unsere Seele ist ein Löwe“ beschreibt eine solche Raubkatze, die - von Wut und Eifersucht gegen einen vermeintlichen Widersacher getrieben - zu Tode kommt.

Den Abschluss der Geschichten machte Hodscha, der „Eulenspiegel“ der Türkei.

Orhan Güner erzählte in sehr guter Auswahl drei Geschichten, von denen ich hier eine in meinen Worten zusammenfassen möchte.

Der Sultan fragte den zu einem Kriegszug verpflichteten Hodscha, warum er denn neben seinem Bogen nicht auch Pfeile mitgenommen haben.

Hodscha antwortete: Dazu nehme ich einfach die Pfeile, die der Feind herüberschießt. Und wenn er gar keine auf uns schießt, warum sollen wir dann Krieg führen?

Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und Mascha Kaléko waren mit Gedichten vertreten. (Der Handschuh, Der Sänger, Ansprache eines Bücherwurms), während die Ringparabel aus Lessings „Nathan, der Weise“ wegen Krankheit leider nicht zu Gehör kam.

Auch der Tanz kam nicht zu kurz.

Neben der spontanen (gemeinsamen!) Tanzfreude der türkischen und griechischen Besucher und Vortragenden zu den italienischen Liedern, bereicherte die Gruppe „Hellas“, eine Vereinigung junger Griechen in und um Hannover das Kulturfest. Sie trugen in Trachten anmutige Tänze der griechischen Tradition vor. U.a. tanzten sie einen Tanz, der bereits auf den altgriechischen Vasen abgebildet ist und seitdem das griechische Volk begleitet.

Die Inderin Emily Dey-Hazra, die in Hannover Medizin studiert, hatte einen indischen Tempeltanz darbieten wollen, konnte aber leider wegen einer Verletzung nicht tanzen. So konnte sie nur einiges über die Tradition des Tanzes berichten, der die Funktion hatte, die alten Mythen und Legenden der indischen Götter zu erzählen und im Gedächtnis der Menschen zu bewahren. Daher haben die verschiedenen Handbewegungen eine ganz spezielle Bedeutung, von denen Frau Dey-Hazra einige erläuterte.

Der Chor von Convivio mundi e.V. brachte zwei kleine Stücke zu Gehör. Francesco Impastato von „Arte e Musica“ sang und spielte italienische Lieder, die den Saal in Wallung brachten. Der Chor des Vereins für Klassische türkische Musik, begleitet von zwei Canons, der europäischen Zither ähnelnden Instrumenten, sang Lieder, deren Melodien seit dem 15. Jahrhundert bekannt sind, und begeisterte die Anwesenden.


Steffen Brosig, der stellvertretende Vorsitzende von Convivio mundi e.V., schloß mit Schillers Gedicht: Hoffnung, dessen letzte Strophe lautet:

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuschet die hoffende Seele nicht.

Hoffen wir, dass der Veranstaltung von Convivio mundi e.V. noch viele folgen werden. Hoffen wir, dass das Anliegen von Convivio mundi sich erfüllt, ein Zusammenleben der Kulturen so zu gestalten, dass die besten Errungenschaften aller Kulturen Teil des kulturellen Gedächtnisses aller Kulturen werden. Nur so kann das „Convivere“ („Zusammenleben, zusammenkommen“) möglich sein.


Geschrieben von Birgit Brenner
Dienstag, 20. November 2007