Seltsam, im Nebel zu wandern!

Plakat zur Veranstaltung
Plakat zur Veranstaltung (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Seltsam, im Nebel zu wandern!

– das Plakat, das zur Veranstaltung von Convivio mundi e. V. einlud, zeigt nichts Nebeliges, sondern das scharf gestochene Bild einer jungen Frau, deren Kopf in einer weißen Wolke steckt. Sie kann nicht sehen, was um sie herum geschieht. Der Betrachter wiederum kann ihr Gesicht nicht sehen, kann keine Mimik erkennen, an der er ablesen könnte, was in der Frau vorgeht.

Meint Hermann Hesse es so?
Er sagt in seinem Gedicht „ Im Nebel“

Voll von Freunden war mir die Welt
Als noch mein Leben Licht war,
Nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.

Und in der letzten Strophe sagt er wie im ersten Vers :

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsam sein.
Kein Mensch kennt den anderen,
Jeder ist allein.

Momente der Veranstaltung

Zu den Bildern

Texte über das Leben im Alter

– das war der Untertitel der Veranstaltung von Convivio mundi e.V., die am 20. Februar 2018 im Leibnizhaus Hannover stattfand. Sehr einsam ging es dort nicht zu. Denn neben den Texten und dem Publikum gaben die zwei Sängerinnen des Duos „einKlang“ Anna Selvadurai und Tinatin Tsereteli den dritten Part des Abends. Mit ihren kräftigen Stimmen boten sie Eigenarrangements bekannter Popsongs und Lieder aus Indien, Georgien, der Türkei und der arabischen Welt. Melancholisch, fröhlich, immer mitreißend und farbenfroh mit viel Liebe zur Musik war der Gesang, einstimmig und zweistimmig mit Gitarre und Klavier begleitet.

Der bekannte Song der Beatles: „Will you still need me, when I’m sixty four?“ war von John Lennon witzig gemeint; Melodie und Rhythmus machen das deutlich. Für die Beatles war 64 schon ziemlich alt. Heute ist ein 64-Jähriger fit und startbereit in den nächsten Lebensabschnitt, zumindest im Wunschbild des öffentlichen Diskurses. So ändert sich die Wahrnehmung.
Auch Wilhelm Busch macht sich in seiner „Altersballade“ lustig über das wiederholte Hochschrauben der Grenze, die man als alt empfindet. Es bleibt zu jeder Zeit so: junge Menschen nehmen mittelalte Menschen als uralt wahr.

Und je älter man wird ... Kindheitserinnerungen, die verschwimmen und verblassen und als „entweichendes Begreifen“ ihre Worte finden wie im Gedicht „Kindheit“ von Rainer Maria Rilke; „Das graue Haar“ von Mascha Kaléko, die das erste graue Haar zum Nachdenken bringt, wie das Leben im Alter aussehen könnte; Träume, in denen sich Kindheit und das nahende Sterben vermischen in Heiner Müllers „Traumwald“.

Adelbert von Chamisso schrieb ein Gedicht für seine alte Waschfrau. Er zeichnet ein Bild eines arbeitsreichen Lebens einer Frau, die im Alter allein lebt und rüstig ist und mit 76 Jahren noch steht und wäscht. Sie webt sich ihr eigenes Sterbehemd und freut sich darauf, sich darin zur Ruhe legen zu können. Sie füllte den Kreis aus, den Gott ihr zugemessen und labte sich am Kelch des Lebens – so die Worte von Chamisso über diese einfache Frau, für die er am Ende ihres Lebens noch einmal ein Gedicht schrieb, das er als Flugblatt und Spendenaufruf verteilen ließ, damit seine alte Waschfrau nicht Mangel leiden sollte – denn eine Rentenversicherung gab es zu Chamissos Lebzeiten noch nicht.

„Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken“ – Käthe Kollwitz in Lebenszeugnissen – aus diesem Buch hatte Renate Müller De Paoli, die die gesamte Textauswahl des Abends eingerichtet hatte, Tagebucheintragungen von 1914 – 1925 ausgewählt, in denen Kollwitz über das Leben ihrer alten dementen Mutter und das Zusammenleben mit ihr berichtet. Sie beschreibt ihre Mutter als immer freundliche und gütige Frau, die ihre Persönlichkeit nicht wirklich verliert, auch wenn sie ganz woanders zu leben scheint. „ – dazu kommt bei ihr etwas im Ton, was nicht ohne weiteres Liebe oder Güte ist, es ist Hochgestimmtheit ….das ist trotz aller wirren Worte die Mutter, wie sie früher war. Dem kann keine Aderverkalkung beikommen.“ (April 1924) Im Unterschied zum heutigen Sprachgebrauch benennt sie den Zustand der Mutter nicht als Krankheit oder Mangel, sie wählt ganz andere Bilder: „Sie ist schon wie drüben“ – „Es ist so ein gütiges, freundliches Hingehen.“ Trotz manches Eintrages, der auch das Aufreibende und Angespannte des Zusammenlebens deutlich macht, schreibt Käthe Kollwitz über die große Liebe, die sie zu ihrer Mutter empfindet.

Im Gegenzug dazu kommen die witzigen Texte des Abends nicht zu kurz. Ob Tucholsky, der 1927 über die Gier des „Alles haben wollens“ das Gedicht „Das Ideal“ schrieb, oder die kurzen Songtexte von Gerhard Schöne, die als kleine Sketche wunderbar funktionieren – der abgehetzte Mensch, der nicht zur Ruhe kommt, oder der seine Mutter gerade im Altersheim ablädt. Die junge Autorin Janina Schmiedel hatte Convivio Mundi e.V. zwei kleine Texte zur Verfügung gestellt. Willi, der nach dem Tod seiner Frau Tine am liebsten sterben will. Nach vierzig Tagen Trauer sieht er die Obstbäume blühen, die Tine und er für die Kinder und Enkelkinder gepflanzt hatten – er beschließt, für Tine einen neuen Baum zu pflanzen. Oder Alfons, der sich im Altersheim in die tolle, draufgängerische Elsie verliebt.

Und immer wieder Musik zwischen den Texten. Wenn auch die Texte der Lieder nicht mit den gelesenen Texten abgestimmt waren, so war im Publikum das innere Mitgehen der Musikerinnen mit den Textvorträgen spürbar - und umgekehrt. Die Musik bündelte die Emotionen und half, die Texte auf sich wirken zu lassen.

„Stufen“ – das wohl bekannteste Gedicht von Hermann Hesse. Die Worte „Lebensstufe“ „Abschied“ „Lebensrufe“ „neue Bindungen“ „neue Räume“ zeugen nicht von Äußerlichem. Es geht nicht um die Generation von Vielfliegern, die jeden Monat in einer anderen Stadt leben und arbeiten. Hesse geht es um Lebensstufen von der Jugend bis zum Alter. Immer wieder müssen wir Abschied nehmen von liebgewonnen Gewohnheiten und Meinungen, wir werden gehoben und geweitet, ja selbst der Tod ist als neuer Raum vorstellbar.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

Die deutsch-jüdische Dichterin Mascha Kaléko beschloss die Texte des Abends. Kaléko, die 1938 in die USA emigrieren musste, beschrieb die Relativität der Zeit in dem faszinierenden Gedicht „Die Zeit steht still“, von dem Albert Einstein ihr schrieb, es habe die Relativitätstheorie bestens in poetische Worte gebracht. „Sozusagen grundlos vergnügt“ – die Lust am Schönen und Wunderbaren der Schöpfung, die Freude am Leben insgesamt führt Kaléko zu zwei Schlussfolgerungen:

Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben, Weil er sich selber liebt, den Nächsten lieben.

Und

Ich freue mich vor allem: Dass ich bin.

Das ist wohl die beste Idee, mit dem Alter zu leben. „Sich an das Wunder nie gewöhnen“, wie es bei Kaléko heißt.

Der Pflegenotstand in der deutschen Seniorenbetreuung war zwar nicht direkt ein Thema der Veranstaltung. Renate Müller De Paoli verwies aber auf einen Spiegel-Artikel über diese Misere mit dem Titel „Am Ende aller Kräfte“ (5/2018).


Geschrieben von Birgit Brenner
Freitag, 23. Februar 2018

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Texte über das Leben im Alter
Eine Veranstaltung von Convivio mundi e.V.