Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende


Selbstbestimmung und Fürsorge am Lebensende


Haben Sie schon einmal mit Ihren Angehörigen über den Tod gesprochen?
Nach den Erfahrungen von Ulrich Domdey, Vorstandvorsitzender der Stiftung Hospizarbeit Niedersachsen und Hospizbeauftragter im Bistum Hildesheim müssten 85% der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland diese Frage mit Nein beantworten.
Der eigene Tod ist noch immer ein Tabuthema, auch wenn in den letzten Jahren immer wieder und sehr emotional das Thema "Aktive und passive Sterbehilfe" in den Medien präsent war.
Ulrich Domdey sprach auf unserer Veranstaltung am 09.05.2009 über seine persönlichen Erfahrungen aus 20 Jahren Begleitung Sterbender und Trauernder.
Das wichtigste beim Umgang mit todkranken Menschen ist, ihre ausgesprochenen und unausgesprochenen Botschaften zu verstehen. Nach den Erfahrungen von Herrn Domdey und den Erkenntnissen der modernen Psychologie geht es dabei in der Hauptsache um 4 Wünsche.

* Der Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit. Ist dieser Wunsche wegen der Art der Erkrankung nicht zu erfüllen, dann tritt der Wunsch nach der Linderung von Schmerzen an seine Stelle. Auf Grund des sehr restriktiven Umganges mit Betäubungsmitteln ist Deutschland auf diesem Gebiet weit hinter anderen europäischen Ländern zurück. Eine Professur für Schmerzmedizin und somit Forschung auf diesem Gebiet gibt es in Deutschland erst seit wenigen Jahren.
* Der Wunsch nach Akzeptanz trotz Krankheit. Angehörige, Ärzte und Helfer sind hier gefordert, auch im kranken Menschen immer noch den Menschen zu sehen und nicht nur die Krankheit.
* Der Wunsch nach Selbstbestimmung. Dieser Wunsch lässt sich am kürzesten mit den Worten ausdrücken: "Ich hab's doch nicht im Kopf!" Leider fiel gerade dieser Wunsch in den letzten Jahren den Sparmaßnahmen der Politik zum Opfer, denn es bleibt den Ärzten immer weniger Zeit, den Patienten in den Entscheidungsprozess mit einzubinden.
* Der Wunsch nach sozialer Integration. Angehörige, Freunde und Kollegen machen sich in der Regel oft rar, wenn die Krankheit und der baldige Tod bekannt werden.

Zu all diesen Wünschen hatte Ulrich Domdey Beispiele parat, die zeigten, wie die Lebensqualität des Patienten in seinen letzten Tagen gesteigert werden konnte, indem man diese Wünsche erfüllte. Und dabei geht es nicht darum, das Sterben "schön" zu machen. Denn Sterben ist nicht schön und wird es auch nicht durch Hospizarbeit. Aber mit der Steigerung der Lebensqualität wurden aus dem "höchstens noch 3 Tage" oft einige Wochen, und der Sterbende hatte die Möglichkeit, im Gespräch mit den Helfern der Hospizbewegung, sein Schicksal anzunehmen. Gerade für diese letzten Gespräche sind enge Angehörige nicht immer die richtigen Ansprechpartner, wie er betonte, da sich die Einstellung zur Krankheit beim Betroffenen anders entwickelt als beim Angehörigen. Auch führt die Krankheit in vielen Fällen zu einem ungewöhnlichen Reifungsprozess, der sich sonst nur mit Lebenserfahrung erreichen lässt.
Es war Ulrich Domdey ein besonderes Anliegen darauf hinzuweisen, das Patienten, die unter Berücksichtigung der o.g. Punkte betreut wurden, am Ende nicht mehr nach aktiver Sterbehilfe fragten. (Was einige bei ihrer Einlieferung durchaus getan hatten.)

Im Zweiten Teil seines Vortrages ging er auf die Frage ein, wie die Selbstbestimmung gewährleistet werden kann im Falle von Demenz, geistiger Behinderung oder Medikamenteneinfluss. Denn wichtigster Punkt bei der Selbstbestimmung ist die aktive Willensbildung. Ist dies nicht mehr möglich, stehen Arzt und Angehörige vor dem Problem, den vermutlichen Willen des Betroffenen zu ermittleln. Zum Glück ist in diese Frage auch in Deutschland Bewegung gekommen. Vorsorgevollmacht, Betreuungsvollmacht und Patientenverfügung sind die juristischen Hilfsmittel in einer solchen Situation. Aber gerade die Patientenverfügung erfordert, das sich jeder mit dem Thema mindestens einmal ausführlich auseinandersetzt und eine Entscheidung trifft. Auch dabei helfen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Stiftung Hospizarbeit. Und es war nicht verwunderlich, das gerade zu diesem Thema die meisten Fragen gestellt wurden.

Was die politische Seite angeht, so ist auch bei diesem Thema die Frage nach den Kosten nicht weit. In einer Kernaussage sind sich dabei Stiftung Hospizarbeit und Bundesärztekammer einig: "Sterben ist nicht normierbar."

Convivio mundi dankt an dieser Stelle noch einmal Ulrich Domdey für seinen Vortrag und wünscht ihm und den vielen Helfern der Hospiz Stiftung Niedersachsen viel Erfolg in ihrer Arbeit.


Geschrieben von Steffen Brosig
Sonntag, 10. Mai 2009