Die etwas andere Weihnachtsbotschaft

Vorweihnachtsbotschaft aus Kobane, Syrien 2018

Professor Gerhard Trabert, Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ schickte
Convivio mundi folgende Vorweihnachtsbotschaft aus dem Kriegsgebiet Kobane in Syrien.

Die etwas andere Weihnachtsbotschaft


Verfasst in Nordsyrien, in der sogenannten Rojava-Region, einem Gebiet, indem kurdisch-arabisch-jesidisch-assyrische…. Bevölkerungsgruppen eine basisdemokratische Gesellschaftsordnung aufgebaut und realisiert haben. Eine Gesellschaftsordnung, in der ein friedliches, emanzipatorisches Miteinander verschiedener Ethnien und Religionsgemeinschaften praktiziert wird und in der eine wahrhaft gelebte Gleichstellung von Frau und Mann, durch die Frauen implementiert wurde.

Dort befinde ich mich in der christlichen Vorweihnachtszeit im Jahre 2018. Das dritte Mal in diesem Jahr. Wieder habe ich medizinisches Equipment, ein Dermatom, Medikamente und weitere Utensilien, die in einem Waisenhaus in Kobané dringend benötigt werden, im Gepäck. Unser Verein "Armut und Gesundheit" (www.armut-gesundheit.de) unterstützt diese, von einem internationalen Embargo betroffene Region, seit fast drei Jahren.

Bild einer Untersuchungssituation aus dem Flüchtlingslager in Ayn Issa ca. 30 km nördlich von Raqqa in Nordsyrien.(Copyright: Gerhard Trabert)

Gedankensplitter: Die Angst vor dem modernen Krieg


Ich spürte für einige Tage was es bedeutet, Angst vor einem „modernen“ Krieg zu haben. Die moderne Kriegsführung fängt mehr denn je mit einer medialen Attacke an. Deshalb ist einer der ersten Schritte zu einem Kriegsszenario, die Manipulation, die Instrumentalisierung, die Macht über die Medien zu bekommen und schließlich zu besitzen. Unabhängige Medien zu verbieten, Journalisten einer freien Presse zu verhaften, ein- und wegzusperren. Dann droht, in diesen unfreien Medien, ein Despot, ein brutaler Autokrat, Recep Tayyip Erdogan in einer selbstherrlichen blumigen Sprache mit der Vernichtung von Kindern, schwangeren Frauen, Müttern, Vätern, von Menschen die ihm nicht passen. Natürlich sagt er dies nicht direkt, sondern er verfährt in der stufenweisen rassistischen Strategie der Dehumanisierung. Die angeblichen Gegner werden mit falschen Fakten und Daten generalisierend diskriminiert, stigmatisiert und letztendlich dehumanisiert. In Rojava leben „nur“ Kurden, was eindeutig falsch ist, Kurden sind generell Terroristen, was eindeutig falsch ist, und Kurden bedrohen die Türkei, was eindeutig falsch ist. Es findet keinerlei differenzierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen statt. Die Dehumanisierung liefert dann die Legitimation der Tötung von Menschen. Wir Deutsche haben dies hautnah oder zumindest historisch im Nationalismus erfahren, die perfide Legitimation der Tötung von Menschen jüdischen Glaubens oder auch sogenannten unwerten Lebens, die Tötung von behinderten oder psychisch kranken Menschen.

In einem nächsten Schritt wird die eigene militärische Potenz, in martialischen Bildern in den bildgebenden Medien präsentiert. Ständig werden die eigenen hochtechnologisierten Waffen vorgeführt. Panzer (in Deutschland als Exportschlager gebaute Panzer), Artilleriemonster, fliegende Bomber, überall und jeden Winkel beobachtende Drohnen usw. Das Ziel dieser Kriegsführung, die Demoralisierung des angeblichen Feindes.

Ich war für einige Tage ein Mensch der diesem Terror auch ausgesetzt war. Ich hörte in jeder Nachrichtensendung auf allen Fernseh- und Radiokanälen diese Vernichtungssprache, sah ständig diese Waffengewalt und wusste, wenn diese Kriegsmaschinerie anläuft gibt es kein Entrinnen. Es ist eine Illusion, dass die modernen Waffensysteme zwischen Zivilisten und militärischen Kämpfern, zwischen Kindern und Erwachsenen unterscheiden würden. Das bezeichnet dann die moderne Kriegsführung zynisch: Kollateralschaden. Fliehen, ein Versteck, einen Schutzraum suchen, ist bei der Zerstörungskraft dieser Waffen nicht mehr möglich. Ich habe mich gefreut, wenn es geregnet hat, wenn der Himmel stark bewölkt war, dies hat ein wenig Sicherheit suggeriert. Dann wussten wir, dass Drohnen nicht gut eingesetzt werden können, dass Flugzeuge mit ihren Raketen und Bomben nicht erfolgversprechend agieren können. Wie schnell sich das Leben in dieser Angst verändert. Dieser Angst, diesem absoluten Kontrollverlust so hilflos ausgeliefert zu sein können keine Worte wirklich beschreiben. Es gibt einfach keinen Schutz mehr und diese Angst nimmt immer mehr Raum im eigenen Denken und Fühlen ein. Am Ende steht entweder absolute Panik und Verzweiflung, oder die Akzeptanz von Tod und Sterben, dem eigenen Sterben, oder der verzweifelte Versuch dieser brutalen Vernichtungsgewalt mit Gewalt etwas entgegenzusetzen.

Welche Angst muss ein Mensch verspüren, wenn er die ersten Raketen- und Bombeneinschläge hört??

So werden also gesellschaftliche Konflikte von Menschen im 21. Jahrhundert gelöst.

Ist es falsch, ist es zynisch, was ist es, was bedeutet es unter diesen Text „Frohe Weihnachten!“
zu schreiben? Frohe Weihnachten!

Kobanè in der Vorweihnachtszeit 2018

Prof. Dr. Gerhard Trabert
gerhard.trabert@armut-gesundheit.de
www.armut-gesundheit.de

Die etwas andere Weihnachtsbotschaft


Vorweihnachtsbotschaft aus Kobane, Syrien 2018