Eginhard Vietz im Interview

Interview mit Eginhard Vietz,
Vietz GmbH Pipeline Equipment, Hannover


Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen einem Mittelständler und einem Konzernvertreter"

Eginhard VietzDer mittelständische Unternehmer Eginhard Vietz aus Hannover gab kurz vor Eröffnung der Industriemesse in Hannover am 13. April 2007 Convivio mundi (CM) folgendes Interview.

Ihm gelang es, aus einem kleinen 2 Mann-Betrieb ein weltweit agierendes Unternehmen im Pipeline-Bau, die Vietz GmbH Pipeline Equipment aufzubauen. 2006 wurde ihm der Messepreis für das innovativste Unternehmen verliehen. Seine Erfahrungen u.a. in China, Russland und Irak können für viele eine wichtige Orientierung im Globalisierungsprozess sein.

CM: Convivio mundi steht für „Zusammenleben der Welt“. Wir wollen Brücken bauen zwischen Kulturen und Religionen. Für uns stellt sich die Frage, was kennzeichnet den Menschen als Person? Die Kunst und die Wissenschaft und diese angewandt in der Technologie geben uns die besten Beispiele für das, was der Mensch sein könnte. Sie selbst haben geschäftliche Beziehungen zu vielen Ländern angebahnt, sozusagen "Brücken" - durch den Pipelinebau. Sie waren in China und hatten dort Schwierigkeiten. Sogar der damalige Bundeskanzler Schröder musste sich einschalten.

Vietz: Ich war vor Jahren der Meinung, in China gute Freunde zu haben, habe mich dann aber gezwungener Maßen mit der Mentalität der Chinesen auseinandersetzen müssen, weil ich durch Betrügereien viel Geld verloren habe. Als ich vor 26 Jahren nach China kam, bin ich von Deng Xiaoping empfangen worden. Ich habe China als fahrradfahrende Nation erlebt. Ob in Peking, in Nanjing oder sonst wo, wenn Sie aus dem Hotel schauten, sahen Sie nur schwarze Köpfe auf Fahrrädern. Das ist heute alles vorbei.

Ich habe in China für das deutsche Entwicklungsministerium über den Pipelinebau Vorträge in allen Provinzen gehalten. Wie strategisch die Chinesen das geplant haben, erkennen Sie daran: Ich sprach in Urumchi, der tiefst gelegenen Stadt der Welt – sie liegt 250 m unter dem Meeresspiegel, ca. 800 km von der kasachischen Grenze entfernt. Da waren bestimmt 3.000 Leute im Haus der Republik bei meinem Vortrag. Ich glaube, wenn 3 oder 4 der Leute, die anwesend waren, etwas davon verstanden, was mein Dolmetscher übersetzte, war das viel. Aber die Regierung von Deng Xiaoping hat damals den Schwerpunkt in diese Region gesetzt, weil es da Öl gibt. Heute wird dort am meisten Öl gefördert und ich bin sicher, tausend oder mehr von den 3.000 Leuten sind heute Spezialisten auf diesem Sektor.


CM: Wussten Sie denn damals, dass es dort Öl gibt?

Vietz: Nein, das habe ich erst später erfahren, als ich nach ca. 15 Jahren wieder hinflog, als dort die Pipelines gebaut wurden. Bei den Chinesen war ich immer in die obere Schicht eingebettet und dachte, das sind Freunde. Nun bauten wir eine Pipeline von Shanghai bis nach Urumchi 4.200 km, um eine Chemiefabrik von BASF in der Nähe von Shanghai mit Energie zu versorgen. Die haben für ca. 80 Millionen Maschinen gekauft. In einer unglaublich kurzen Zeit sind dann diese 4.200 km gebaut worden – in ca. 2,5 Jahren. Alles mit meinen Maschinen, die gut funktioniert haben. Dann machten die mir klar, die Maschinen würden sie nicht mehr in Deutschland kaufen, wir sollten gemeinsam ein Joint Venture machen. Ich dachte, das ist die Idee. Der Markt in China ist sehr groß, mein Joint Venture Partner hätte ca. 1,3 Millionen Mitarbeiter und wäre gleichzeitig mein Hauptkunde. Ich dachte, das läuft dann von selbst. Wir haben gefeiert: „Das sind Partner, das sind Freunde.“

Mitte des Jahres 2004 habe ich ein Grundstück gekauft und im Januar 2005 begann die Produktion. 250 Leute aus China und 4 Leute aus Hannover einschließlich des technischen Betriebsleiters. Anderthalb Wochen pro Monat war auch ich in China. Nach einiger Zeit, etwa im März, merkte ich, hier stimmt etwas nicht. Ich habe mich dann offiziell verabschiedet, bin aber nicht weggefahren. Mit einem Bekannten, einem ehemaligen Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, der meine Vortragsreihe damals organisiert und in Dresden studiert hatte und hervorragend Deutsch sprach, legte ich mich auf die Lauer. Dann kam ein VW-Bus, 8 Leute stiegen aus, 8 aus der Halle stiegen ein. Wir sind dann hinterhergefahren. 8 km weiter stand genau die gleiche Halle, der gleiche Produktionsstand von meinen Zeichnungen wie in der Halle, in der ich Gesellschafter war. Die sind in der Nacht hin und haben alle Zeichnungen kopiert und dort produziert.

Ich habe das Joint Venture sofort beendet, alle Leute rausgeschmissen. Ich ging zum Arbeitsamt, und habe neue Leute eingestellt, auch Ingenieure. Einer von denen war besonders gut und ich habe den nach einiger Zeit zum technischen Leiter gemacht. Es stellte sich bald heraus: ein Agent von der gleichen Firma. Der hat alles ausgeplündert, was auszuplündern war. Ich habe dann zwei Leute von der deutschen Botschaft mit dazu geholt, und er hat dann alles zugegeben. Wir haben einen Brief auf Chinesisch verfasst mit Hilfe der Botschaftsvertreter, den er unterschreiben sollte. Ich gehe mit dem Brief in sein Büro und erwische ihn, wie er vom Hauptrechner Daten auf seinen Laptop lädt. Wir haben dann die Polizei geholt.

Erst meinten die, ich müsse das mit dem alleine klären. Nun habe ich in meinem Besprechungsraum das große Bild von meinem Treffen mit Schröder und dem chinesischen Ministerpräsidenten hängen. Da haben die gemerkt, das ist eine Nummer größer. Nun kamen vier hochrangige Polizeibeamte, die mich anhörten und verkündeten, sie würden den Mann verhaften und den Laptop mitnehmen. Morgen um 14.oo Uhr sollten wir im Präsidium vorsprechen, Experten mitbringen und dann sollte der Laptop geöffnet werden. Am nächsten Tag hieß es, wir sollten einen Tag später kommen, das ginge heute nicht. Das war Mittwoch. Am Freitag kommt der Mann mitsamt Laptop in mein Büro und sagt: Was wollt Ihr? Ich bin weg!

Durch Einfluss von oben ist der freigekommen mit allen Daten. Dann habe ich noch immer nicht aufgeben wollen und dachte erst, mit eigenen Leuten weiterzumachen, musste es aber dann reduzieren. Dieser Mann ist im vorletzten Jahr mit einem LKW nachts vor meiner Halle vorgefahren und hat mit einem Nachschlüssel einen Tresor, der ungefähr 20-30 Zentner wiegt, und den Hauptrechner geklaut. Die Polizei hat gleich erkannt, wer das gewesen war. Ich flog gleich nach Peking und sprach beim Polizeipräsidenten vor, der mir sagte, er könne da leider nichts machen, er könne nur innerhalb seiner Provinz ermitteln, der Mann lebe in einer anderen Provinz, da reichten seine Befugnisse nicht. Das war von höchster Stelle abgedeckt, die wollten Hightech haben.


CM: Sie sind davon überzeugt, dass es von der politischen Hierarchie abgedeckt war?

Vietz: In meinem Fall, mit Sicherheit. Als ich mit Schröder in Peking war, hat der Bundeskanzler in meiner Anwesenheit per Dolmetscher den Ministerpräsidenten darüber informiert. Der hat den Wirtschaftsminister dazugeholt, und ihn angewiesen, den Nachbau meiner Maschinen sofort einzustellen. Das ist dann auch geschehen, aber an anderer Stelle haben die wieder angefangen und machen mir nun weltweit Konkurrenz. Ich habe danach immer wieder versucht, an den Wirtschaftsminister ranzukommen. Auch über die deutsche Botschaft ist mir das nicht gelungen.

Wenn ich vorher das Buch von Frank Sieren „Chinacode“ gelesen hätte, einem Journalisten, der jahrelang für die Wirtschaftswoche in Peking war und die Mentalität der Chinesen mehr ergründet... Die Werte, wie wir sie kennen und sie fördern wollen, sind bei den Chinesen nicht verbreitet. Da kennt man nur die kleine Familie, es zählt Mann, Frau und Kind, weiter geht’s nicht. Man ist freundlich zu allen, sagt alles zu und überlegt aber immer, wie kann ich das für mich und meine Familie nutzen.

Das ist im arabischen Raum wieder ganz anders.

Die Russen wiederum sind unwahrscheinlich selbstbewusst. Die tragen sehr viel vor sich her, füllen es oft aber gar nicht aus. Die überhebliche Art, in der die oft auftreten, vermittelt Ihnen, wir können alles, wir sind eine Weltmacht! In Brasilien sind die Leute fröhlich, sie lieben das Leben, kommen aber auch auf den Punkt, wenn es ums Geschäft geht.

Die Inder z.B. sind harte Verhandler, aber sie sind nicht link. Wenn Sie einmal mit den Indern ein Geschäft abgeschlossen haben, dann läuft das, aber bis es dazu kommt, wird mit allen Tricks gearbeitet, um zu einem günstigen Preis zu kommen. Das beherrschen die Inder als Handelsnation perfekt und mit viel Psychologie.

Das erste Mal war ich in Indien mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister Fischer vor ca. 8 Jahren. Wir waren in Bombay und die Außenhandelskammer vor Ort sorgte für Interessenten für die jeweiligen Produkte bzw. auch eine Vertretung dort zu installieren.Ein Unternehmer dort baute eine Wasserpipeline von 2 m Durchmesser von einem ca. 300 km entfernten Stausee nach Bombay und er wollte dafür moderne Technik einkaufen. Er holte mich also morgens früh ab. Ich sah dort zum ersten Mal auf der Fahrt durch ein Elendsviertel, wie die Menschen auf der Straße leben und sterben. Dort war eine Senke mit Wasser; am einen Ende verrichteten die einen ihre Notdurft, am anderen Ende putzten sich die anderen ihre Zähne. Jetzt kamen wir zu der Baustelle, auf der nur Frauen und Kinder arbeiteten, ca. 2.500. An der Stelle, wo unsere Technik zum Einsatz kommen sollte, spielten zwei Kinder im Sand, die dort hätten arbeiten müssen. Derjenige, der mich abgeholt hatte, verpasste dem einen Kind einen solchen Fußtritt, dass es auf dem Rücken liegen blieb. Ich konnte in dem Moment nicht mehr sprechen. Ich bekam kein Wort heraus und sagte nur noch: Hotel, Hotel. Ich dachte damals: „nie wieder Indien“ – und ich war zuvor schon viel herumgekommen.

Aber solche Armut, wie es sie in Indien gibt, habe ich sonst nirgendwo gesehen, auch nicht in Brasilien oder anderswo. Es ist unerträglich, aber ich habe mich von verschiedenen Leuten dort belehren lassen, dass es in dem Glauben so tief verwurzelt ist, dass eine Schicht die Anweisungen gibt und die andere hat sie auszuführen. Die Menschen glauben sogar, dass sie eine Schicht, eine Kaste höher kommen in einem zweiten Leben, wenn sie sich danach verhalten. Das kann ein Europäer nicht verstehen.

CM: Wie sehen Sie generell die Lage des Mittelstandes? Es wird viel über die Hedgefonds und die damit verbundenen Gefahren für die Unternehmen diskutiert, auch über Basel II. Viele Unternehmen werden in Übernahmen getrieben, die sie gar nicht wollen. Wie denken Sie darüber?

Vietz: Jeder Unternehmer muss etwas unternehmen mit unterschiedlichsten Qualifikationen.

Ich habe sicherlich in meinem Leben sehr viel Glück gehabt, Leute zu treffen, die mir den Weg gewiesen haben. Ich bin Schweißfachingenieur und habe mich beizeiten auf den Pipelinebau konzentriert, nachdem ich jahrelang bei der Schweißtechnischen Versuchsanstalt Hannover für den Rohrleitungsbau zuständig war. Ich habe erahnt, dass es im Bereich Pipelinebau ein Wachstum geben wird, jede Industrienation braucht Öl und Gas. Vor 26 Jahren habe ich dann klein angefangen als 2-3-Mann-Betrieb, der anfangs nur im Umkreis Hannover tätig war. Dann arbeiteten wir in Düsseldorf, womit Mannesmann der größte Pipelinebauer saß, dann in Bayern. So waren wir in ganz Deutschland.

Dann kam der Einbruch vor ca. 10 Jahren , Firmen wie Mannesmann oder Preussag sind damals liquidiert worden. Der Esser hat ja noch eine Auszeichnung bekommen für seine Schandtat; die Mitarbeiter, die Mannesmann aufgebaut haben, haben sich im Grabe umgedreht. Damals habe ich erkannt, wir müssen jetzt an den Export gehen. Das muss man dann auch selber wollen, das wird Ihnen keiner sagen als mittelständischer Unternehmer, sie müssen Zeitung lesen, sich umsehen und erkennen: Wo kann ich meine Dienstleistung anbieten?

Nachdem ich das erste Mal in China gewesen war, wollte ich mit Helmut Kohl nach Peking fahren. Da erhielt ich von dem Kanzleramtsminister ein dämliches Schreiben. Zwei Monate später erhielt ich von der IHK eine Einladung zum „Chinasprechtag“ und sollte noch Geld bezahlen. Ich schrieb sofort einen Brief und wollte aus der IHK austreten. Aus dieser Situation heraus kam es zum ersten Mal zu einem Gespräch mit der IHK und wir fanden dann viele Möglichkeiten, u.a. meine Reise mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister Fischer nach China. So kam es zu unserer ersten Vertretung in China.

Jeder mittelständische Unternehmer muss seine Strategie ausrichten. Was ich jetzt mitmache, habe ich z.B. nicht erahnt: Wir haben nicht damit gerechnet, wie schwierig es ist, Wachstum zu beherrschen. Wir haben vom vorletzten zum letzten Jahr 30 % Wachstum in der Firma, in diesem Jahr bis März schon 60 % mehr. Und das alles in der Produktion zu beherrschen, das ist die Problematik. Man kriegt ja keine Leute. Hier im Unternehmen suche ich ca. 50 Mitarbeiter in den verschiedensten Qualifikationen! Da könnte schon der eine oder andere auf die Idee kommen – ich bin jetzt 66 Jahre – warum nicht den ganzen Krempel verkaufen? Ich habe für meine Firma schon einen großen Geldbetrag genannt bekommen – das ist unvorstellbar, ich habe mit Null angefangen! Ich habe natürlich die ganzen Jahre nur gearbeitet. Verkaufen kommt für mich nicht in Betracht. Mir macht die Arbeit Spaß und vor allem der Erfolg. Ich habe selber weltweit eine neue Technik patentieren lassen – ich bin ja nicht Kaufmann, sondern Unternehmer. Deswegen können sie den einen Unternehmer mit dem anderen nicht vergleichen. Gott sei Dank gibt es genug bekloppte mittelständische Unternehmer, die so denken wie ich. Das bringt den wirtschaftlichen Erfolg. Nicht die Konzerne, die da vorne stehen und sagen, wir verlagern unsere Gewinne ins Ausland, schaffen das wirtschaftliche Wachstum. Der Mittelstand schafft es.


CM: Es ist eine neue Generation im Mittelstand herangewachsen, die gelernt hat, mehr Gewicht auf den schnellen Gewinn und das Mitmischen an den Aktienmärkten zu legen und nicht auf die Produktion und das Innovative, das den Mittelstand bisher immer kennzeichnete. Wie sehen Sie diesen Generationswechsel?

Vietz: Es hat sich ja schon gezeigt, als die Blase des Neuen Marktes auf dem Höhepunkt war, die dann zusammengebrochen ist. Da habe ich mich auch oft gefragt, wie ist es möglich, dass Leute, die nichts hatten, plötzlich Millionen besaßen. Bin ich einfach zu blöd?, habe ich gedacht. Aber es hat sich ja schnell als Blase herausgestellt. Heute ist wieder eine solche Richtung zu erkennen. Sie haben völlig recht! In der letzten Ausgabe der Wirtschaftswoche waren 50 Beispiele genannt, wie man sich selbständig machen könnte, mit welchen Ideen man Geld verdienen könnte.

Alle waren aus Datenverarbeitung und Finanzen, nicht ein einziger technischer Bereich wurde empfohlen, dass gesagt würde, hier ist ein Hightech–Bereich, der hat Zukunft. Auf der anderen Seite, als am 20. Januar in der Alten Oper in Frankfurt die Techniken für den Deutschen Innovationspreis nominiert wurden, da waren tolle Erfindungen dabei, vor allem im medizinischen Bereich. Da wurde einer ausgezeichnet, der ein Verfahren entwickelt hatte, wodurch sich Teile der Leber neu bilden. Das ist keine Blase, das ist für die Zukunft, da sehe ich schon unseren Standort Deutschland bestätigt.

Aber die anderen holen auf. Die Richtung, Ideen im technischen Bereich zu entwickeln und da etwas draus zu machen, bringt viel mehr, als wenn ich überlege, für meine EDV noch ein Programm vorzuschalten oder so etwas. Das schafft keine Arbeitsplätze, ist nur für den kurzfristigen Gewinn. Es gibt aber auch tolle Ideen, wo Wachstum zu erkennen ist.Aber wir brauchen auch qualifizierte Mitarbeiter, und da kommen wir auf unser Bildungssystem zu sprechen. Es muss vieles verbessert werden, um das Leistungsniveau zu heben und zwar in allen Schichten. Man muss Leute fördern, wie sie veranlagt sind, dazu muss nicht jeder Abitur haben. Ich selber habe auch kein Abitur. Aber wir brauchen einen höheren Bildungsstand, um weltweit konkurrenzfähig zu sein. 0815-Serienprodukte, die kommen aus den Ländern, wo kein hoher Bildungsanspruch existiert.


CM.: Sie entwickeln große Ausbildungsprojekte in anderen Ländern. Welche Projekte sind das?

Vietz: Ich unterhalte im Sudan ein Ausbildungsinstitut für Pipelinebau. Dort werden Schweißer und Bauleiter ausgebildet. Das ist zustande gekommen auf einer Ministerreise und mir bekannt war, dass im Sudan 80 % der Ölvorkommen an die Chinesen verkauft worden waren. Keine sudanesische Firma baut weder eine Pipeline noch fördert sie Öl, denn die restlichen 20 % machen die Inder. Das war mir klar, wenn ein Land so viel Öl hat – Sudan liegt in Afrika an 3. oder 4. Stelle., dann brauchen sie Experten. Ich trug also meine Idee vor, Sudanesen zu qualifizieren, so dass sie selber Pipelines bauen können. Die waren begeistert, und das Ausbildungsinstitut ist nach meinen Plänen erbaut worden und wir haben die modernste Technik da hinein gestellt. Die Schweißtechnische Lehr- und Versuchsanstalt Duisburg hat dann für mich als Subunternehmer die Ausbildung durchgeführt. Wir hatten einen Bombenerfolg, bis die Chinesen alles blockiert haben.

Die Chinesen haben mit der sudanesischen Regierung einen Deal gemacht: Sie haben meine Rechnungen nicht mehr bezahlt, ich habe meine Leute abgezogen. Jetzt werden Chinesen von Chinesen in meinem Institut ausgebildet, die dort auf den Baustellen arbeiten, aber nicht mehr nach unseren Richtlinien. Ich werde mit Frank Sieren für das ZDF in der ersten Maiwoche in den Sudan fliegen, um an diesem Fall zu dokumentieren, wie die Chinesen agieren, die sich selbst keine Konkurrenten ausbilden lassen wollen. Diejenigen, mit denen ich in der sudanesischen Regierung zu tun hatte, sind traurig darüber.

Das hatte ich im Kopf, als ich mit Johannes Rau in Nigeria war und den Vorschlag zusammen mit dem deutschen Botschafter dem nigerianischen Staatspräsidenten vortrug. Das ist aufgenommen worden, doch in Nigeria dauert alles länger. Aber in diesem Jahr werden wir ein solches Ausbildungsinstitut in Nigeria gründen.


CM: Wie viele Leute können pro Jahr ausgebildet werden?

Vietz: In Khartum waren es ungefähr 240-260 pro Jahr. In Deutschland ist es ca. das doppelte in dem Bereich.

In diesem Jahr war ich mit Herrn Wirtschaftsminister Glos u.a. in Malaysia. Es gibt dort ein German-Malaysian Institut, in dem mit deutscher Entwicklungshilfe ausgebildet wird. Ich stellte fest, dass es dort keinen Bereich Pipelinebau gab und schlug dem Institutsleiter vor, aktiv zu werden.

Jetzt ist ein neues Institut in Planung. Ich bin wieder hingeflogen und habe das neue Gebäude angeguckt, mich mit der Wirtschaftsministerin getroffen und dann vor 4 Wochen den Vertrag unterschrieben. Ich habe den Auftrag übernommen, im Rahmen dieses Instituts eine Abteilung Pipelinebau zu begründen. Einmal werden dort Schweißer und Ingenieure ausgebildet. Der zweite Bereich ist: Kunststoffrohre und die damit verbundene Technologie. Der dritte Bereich ist, ein Labor nach internationalem Standard zu errichten. Dieses Labor wird der TÜV unter meiner Verantwortung aufbauen. Wir werden für 3 Millionen Euro Ausstattung liefern. Mitte nächsten Jahres wird das eingeweiht und dann kann die Ausbildung beginnen.

8 malaysische Vertreter werden jetzt zur Hannover Messe kommen und sich in der Schweißtechnischen Versuchsanstalt Hannover ansehen, wie das abläuft. Ich habe die Verantwortung für die ganze Geschichte, weil ich davon profitieren will, denn die werden an meinen Maschinen ausgebildet und werden auch hinterher mit meinen Maschinen die Pipeline bauen wollen. Auch hier Hilfe zur Selbsthilfe! Am Anfang werden es deutsche Ausbilder sein, später werden die Besten dann zum Ausbilder qualifiziert, und nach ca. 2 Jahren können sich die Deutschen zurückziehen. Das ist auch nicht Entwicklungshilfe, sondern die Fa. Petronas, die die Formel 1 Rennen gesponsert hat, und der malaysische Staat werden dann jeweils 50 % des Instituts tragen. (Petronas ist im gesamten südostasiatischen Raum der größte Öl- und Gasproduzent, nicht nur in Malaysia.) Die Finanzierung ist also optimal.

Dies kann ich dann alles verwerten, um Geräte und Technologien zu liefern für den Pipelinebau. 21.000 km werden in der ganzen Region in den nächsten Jahren gebaut. In Russland sind es 25.000 km in drei Jahren, laut Putin. Die Ostseepipeline ist dabei eigentlich nur Peanuts, was die Kilometer betrifft.

E.Vietz mit seinem Laserschweißgerät
E.Vietz mit seinem Laserschweißgerät

CM: Sind Sie an der Ostseepipeline beteiligt?

Vietz: Ja, dank Schröder kann ich bei der Ostseepipeline zum ersten Mal die neue Technologie, die ich weltweit habe patentieren lassen, einsetzen. Ich habe Kontakt zum technischen Leiter dieses Projekts bekommen, der in der Schweiz sitzt. Alle Vertreter der beteiligten Firmen und Institute waren hier und wir haben festgelegt, dass wenn wir bis September vorlegen, dass unsere Erfindung funktioniert, wird auf dem ersten Verlegschiff meine patentierte, neue Technik eingesetzt. Wir müssen die technischen Dinge dokumentieren, der TÜV steht schon Gewehr bei Fuß. Diese Technik sagt für uns natürlich großes Wachstum voraus. Denn mit der heutigen Technik, wo wir auch Wettbewerber haben, schaffen ca. 300-350 Leute, mit 20 oder 30 Maschinen pro Tag ca. 1,2 km Pipeline mit 1 m Durchmesser zu bauen. Mit der Lasertechnik bauen 10 Leute an einem Tag 5 km Pipeline.

CM: Sie sprechen ja von einem Quantensprung. Wie funktioniert diese Lasertechnik?

Vietz: Heute wird das Rohr in V-Form vorbereitet und das V muss durch Schweißen mit Zusatzwerkstoff aufgefüllt werden, dass eine homogene Verbindung entsteht. Beim Laserschweißen werden die Rohre stumpf zusammengesetzt. Der Lichtstrahl geht durch und an den Enden wird 1,5 Millimeter des Materials flüssig und verbindet sich homogen, wie wenn Sie zwei Wassertropfen zusammenbringen. 100 % iger Grundwerkstoff!

CM: Seit wann arbeiten Sie an dieser Erfindung?


Vietz: Seit 3 Jahren! Es war meine Idee, aber die Idee war damals wenig wert. Man muss immer weiter denken, immer besser, immer schneller. Zuerst war ich bei einem Professor der Technischen Universität Aachen und schlug ihm eine Versuchsreihe vor. Nach vier Stunden Diskussion kam ich auf die Frage, wem denn das Patent gehöre, wenn die Versuche zu einem guten Ergebnis kämen. Das Patent sollte also der Universität gehören, obwohl ich alles bezahlen wollte. Dann bekam ich einen Wink, es gebe einen neuen Diodenlaser, so groß wie ein Container. Das war natürlich für die Baustelle schlecht einsetzbar. Bald danach bekam ich die Information, die Universität München habe einen kleineren Diodenlaser. Aber auch dies scheiterte an der Patentfrage. In Bremen fand ich dann jemanden an der Universität, der von der Idee begeistert war und mir auch schriftlich geben wollte, dass das Patent dann mir gehören sollte. Wir begannen dann mit den Versuchen; allerdings hatte der Laser nur 2 KW Leistung, damit konnten wir 3 mm schweißen. Anfänglich war meine Idee, das Rohr in V-Form vorzubereiten und einen 3 mm Steg stehen zu lassen, den man dann auffüllen konnte, während man mit jetziger Technik den Luftspalt auffüllt.

Es ist mir dann gelungen von einer russischen Universität einen Laser zu kaufen, den wir zu einem 20 KW-Laser entwickelten, der so groß ist wie zwei Kühlschränke nebeneinander. Die ganze Welt sagte, das gibt es gar nicht.Die Versuche beim Bremer Institut waren gemacht und die Leute dort denken unternehmerisch und sind keine Erbsenzähler. Ich kann als Mittelständler nicht jeden Schritt immer schriftlich machen und noch vom Anwalt prüfen lassen. Jetzt ist der Patentanwalt eingeschaltet und ich habe mittlerweile schon 200.000 Euro ausgegeben, um in allen Wirtschaftsländern dieser Welt diese Technik patentieren zu lassen.

CM: Wann startet der Bau der Ostseepipeline?

Vietz: Die Ostseepipeline wird mit 32 mm Material gebaut, weil sie ja unter Wasser verlegt wird.Wir arbeiten also mit dem 32 mm Material, je dicker, je schwieriger und dann können wir 20 mm oder 22 mm ohne Probleme schweißen. Dann kommen auf den Stahl eine Kunststoffisolierung plus eine 150 mm Zementummantelung, so dass kein Wasser an den Stahl herankommt. Die ganze Pipeline wird in einem ausgebaggerten und ausgesaugten Graben verlegt und dann wieder zugemacht. Doch ich habe gelesen, jetzt gibt es wieder Streit: das litauische Parlament hat beschlossen, seine Meilenzonen von 3 auf 11 km auszudehnen, damit die Pipeline doch durch ihr Gebiet verläuft und sie Gebühren erheben können. Eigentlich sollte es im Januar losgehen......

Ich kann Schröder nur ein Kompliment aussprechen, dass er sich bereit erklärt hat, Vorsitzender des Aufsichtsrates für die Ostseepipeline zu sein. Alle Erbsenzähler, die das kritisieren, haben keine Ahnung. Wir haben es mit der Ukraine und Weißrussland erlebt, wie schnell es geht: die drehen dann an dem Hahn, und wir stehen im Trockenen. Die Entscheidung ist richtig, durch die Ostsee zu bauen und nicht durch ein Drittland. Da können die alle reden, wie sie wollen. Die Realität sieht anders aus, sobald ein Regierungswechsel eine andere Lage bringt.

Es wird allerdings schon eine weitere Pipeline über Ungarn, Bulgarien und Rumänien nach Mitteleuropa gebaut, die vom Kaspischen Meer durch die Türkei mit Verbindung zum Mittelmeer verläuft. Es ist also nicht mehr so, dass einer den Hahn zudrehen kann und Mitteleuropa steht auf dem Trockenen; das gibt es nicht mehr.


CM: Es wird auch diskutiert, dass Russland sich sehr bewusst als Rohstoffmacht aufbaut? Der eiserne Vorhang ist seit 18 Jahren gefallen. Wir haben 18 Jahre die Möglichkeit gehabt, Osteuropa in innovativere Bahnen zu bringen. Die deutsch-russische Freundschaft ist ein wichtiger Impulsgeber für diesen Prozess. Gäbe es nicht noch viel mehr Möglichkeiten, Russland mit wissenschaftlichem und technologischem Knowhow zu versorgen, so dass auch dort der Aufbau schneller vorangeht?

Vietz: Sie müssen die Historie der Russen erkennen. Unter dem Zar war Diktatur, unter Stalin Diktatur, alles, was danach kam – Chruschtschow, ... - Diktatur, die Weltwirtschaft wurde auf 5 Jahre geplant und die Satelliten wie Ungarn und DDR angezapft. Die haben kaum eine eigene Entwicklung gemacht, und jetzt ist von heute auf morgen alles weg. Solche Leute wie Chodorchowky, eine gewisse Schicht ist dann reich geworden und die große Bevölkerung ist bettelarm. Man hat nicht ins Bildungssystem investiert.

Die Chinesen haben eine andere Strategie gehabt. Der Deng Xiaoping hat vorher gesehen, wie sich China entwickeln wird. Er sagte mir, als er mich nach meiner ersten Vortragsreise empfing: China wird nie eine Demokratie nach westlichem Vorbild werden, wir müssen 1 Mrd. Menschen ernähren, das ist unsere Hauptaufgabe. Wir müssen dirigistisch vorgehen, aber wir werden uns langsam öffnen. Und genauso ist es gekommen.

In Russland wurde alles schnell geöffnet, aber ohne ein Konzept. Die Menschen vor allem in den ländlichen Gegenden leben in ärmlichsten Verhältnissen. Sie sind sich selbst überlassen. Und da Russland keine Produktion mehr auf die Beine stellt, können sie nur noch Rohstoffe verkaufen. Das ist Gas und Öl und davon profitiert nur eine kleine Schicht, der Rest fällt hinten runter. Der militärische Bereich wird noch aufrecht erhalten, aber da werden die nicht mehr mithalten können. Putin versucht, das geschickt zu überspielen und spielt den einzigen Trumpf, den Russland noch hat, den Energiesektor, aus. Da wird einem Himmelangst, wenn Sie das in Russland sehen. Wenn Sie von Peking aus nach Frankfurt fliegen, da wird Ihnen klar, wie groß Russland ist. Sie fliegen stundenlang über unendliche Weiten, keine Stadt, kein Dorf.


CM.: Hat der Westen nicht auch Fehler begangen nach dem Fall des Eisernen Vorhanges? Hier griff die Neue Ökonomie um sich und hat auch den osteuropäischen Raum infiziert. Viele im Westen wollten gar nicht aufbauen, sondern nur schnell etwas für sich gewinnen.

Vietz: Hier hat sicherlich die EU versagt und ganz besonders Deutschland unter Kohl, das muss ich sagen. Ich habe hier meinen politischen Einfluss geltend gemacht, als Merkel Kanzlerin wurde, dass sie die Politik Schröders gegenüber Russland weiterführe. Wir können mehr von Russland profitieren, als von Amerika. Der Markt in Amerika ist gesättigt. Die Freundschaft Schröders zu Putin ist nur zu begrüßen. Unter Kohl hätten wir bereits eine bessere Verständigung gebraucht. Stattdessen hat man immer wieder betont, dass wir zum Westen gehören müssen und die Russen noch immer als kalte Krieger gesehen. Dadurch haben die Impulse gefehlt, dass sich auch Russland mehr hätte öffnen können. Die EU hätte beizeiten beginnen können, Russland aufzunehmen und nicht, wie jetzt gerade diskutiert, Raketen in Polen an der russischen Grenze stationieren. Damit kann man keine Freundschaft erwecken. Man kann Russland nicht außen vorlassen und jeder Politiker muss erkennen, unser Markt ist Russland.

In Russland wird es ähnlich sein wie in Saudi-Arabien oder in Dubai heute. Dort sind die dabei, eine Wirtschaft aufzubauen, weil die ganz genau wissen, irgendwann ist das Öl zu Ende. Genauso wird es in Russland kommen. In die Wirtschaft wird eine Dynamik kommen! Wer da präsent ist und über Jahre eine Freundschaft aufgebaut hat, der wird dann auch dort zurechtkommen. In 10-15 Jahren wird Russland ein Wachstum haben wie heute in Indien und China.


CM: Sind Sie auch im Nahen Osten vertreten?

Vietz: Wir haben in Kuwait und in Saudi-Arabien eine Vertretung. Qatar ist für uns sehr interessant. In Qatar ist die größte Gasverflüssigungsanlage der Welt installiert, wovon auch Deutschland profitieren wird. Im neuen Hafen in Wilhelmshaven werden diese Gastanker anlanden und im Januar wird eine neue Pipeline ins Ruhrgebiet gebaut, dort wird dann das Flüssiggas durchgeleitet.

Auf dem Gebiet ist Qatar führend. Dort stehen diese Anlagen zur Verflüssigung, da können zur gleichen Zeit 16 Riesentanker befüllt werden. Das kann sich keiner vorstellen, der es nicht gesehen hat. Der arabische Raum ist für uns hochinteressant.Die brauchen vor allem Wasser. Wir haben von Holländern gerade einen größeren Auftrag, die dort eine Wasserleitung von 3 m Durchmesser über 600 km bauen.

CM: Wie sind Ihre Kontakte in den Irak?

Vietz: Das ist ein herrlicher Stichpunkt! Vor dem 2. Golfkrieg haben wir umfangreiche Geschäfte im Irak getätigt. Ich war unmittelbar vor dem Krieg noch in Bagdad auf einer Messe, als schon lange die Sanktionen in Kraft waren. Wir haben damals über das Programm „Öl für Lebensmittel“ umfangreich Geräte verkauft. Damals hatte ich die Möglichkeit, mit dem deutschen Botschafter Dr. Elmer zu sprechen. Der sagte mir, der Krieg werde nicht mehr aufzuhalten sein, aber die Amerikaner würden ein Desaster erleben, schlimmer als Vietnam. Wie oft habe ich an seine Worte gedacht.

Wir hatten vor dem Krieg einen Auftrag und nun kam der Krieg. Die Geräte waren fertig produziert, wir wollten ausliefern. Aber wohin? Nun hatten wir hier für 8 Millionen Geräte stehen und konnten nichts mehr damit machen. Ich dachte, jetzt gehst Du pleite, das kann man ja nicht auffangen. Dann habe ich – das ist Mittelstand - mit sehr viel Einsatz alle Geräte nach Kasachstan verkauft. Zwei Monate später kam die Freigabe, wir sollten die Geräte an die türkisch-irakische Grenze liefern, damit sie dann nach Basra gebracht werden konnten. Da haben wir noch einmal neue Geräte gebaut.

Wir haben jetzt nach dem Krieg schon trotz amerikanischer Intervention jede Menge Aufträge abgewickelt, und warten jetzt auf das Akkreditiv für den nächsten. Cheney, der mit Halliburton zusammenhängt, hat alle Register gezogen, das Caterpillar dort liefern soll. Doch die Iraker haben das verhindert und bestanden auf unseren Maschinen.

Jedenfalls haben wir aufgrund dieses Auftrags eine neue Technik entwickelt, damit keiner unserer Mitarbeiter in den Irak reisen muss, um diese Geräte zu reparieren. In jedem Gerät, das wir nach dem Krieg geliefert haben, sind 200 Sensoren, durch die wir uns über GPS in jedes Gerät einwählen und demjenigen vor Ort genau sagen können, was und wie zu reparieren ist. Das ist ein Riesenerfolg, denn nachdem zwei Ingenieure aus Sachsen im Irak entführt waren, haben alle gesagt, als sie hörten, dass wir in den Irak liefern: Können Sie verantworten, dort Leute hinzuschicken? Nein, wir brauchen niemanden hinzuschicken.

Man braucht Ideen, um diese Probleme zu lösen.


CM: Das Öl wird in kurdischem Gebiet gefördert. Die irakische Regierung ist doch de facto von den Amerikanern eingesetzt. Sind es kurdische Stellen, die auf Ihren Maschinen bestehen und die Geschäfte mit Amerikanern ablehnen?

Vietz: Es ist noch viel schwieriger, als ein Außenstehender es überhaupt erkennt. Die leitenden Stellen dort sind Iraker. Aber die müssen sich alles, was an Investitionen getätigt wird, genehmigen lassen, weil das gesamte Öl an die amerikanische Armee geliefert wird. Die müssen also bei der amerikanischen Armee das Geld anfordern. Nur die Armee gibt Gelder für Investitionen im Ölbereich frei. Das sind die Tatsachen. Die irakische Bevölkerung hat nichts von dem Öl, deshalb geht es auch dort überhaupt nicht weiter. Es ist eine Schande für die westliche Welt, was die Amerikaner dort machen. Die Iraker müssen selber zu sich finden – ohne Amerikaner.

Die Amerikaner sehen in der ganzen Region ihre Felle davonschwimmen. Und diese Scheinheiligkeit: auf der Messe kurz vor dem Krieg, von der ich sprach, waren 80 % der ausgestellten Produkte amerikanische Baumaschinen, trotz Embargo, die über Dubai und Kuwait hereingebracht worden waren.


CM: Und dazu haben die Amerikaner noch die Idiotie begangen, alles zu entfernen, was Baath-Partei war, obwohl dort ein Potential lag, das Land zu befrieden.

Vietz: Es ging auch gar nicht um Saddam Hussein: es ging ums Öl, um die Macht, im gesamten Raum am Ölhahn zu sitzen und noch den Iran damit zu knebeln. Es mag sein, wie es will. Ich finde das Selbstbewusstsein der Iraner in der Region gut. Ich wünsche denen keinen Krieg. Ich habe genug persönlich davon erlebt. Ich bin in den Ostgebieten geboren worden, habe nie meine Eltern kennen gelernt, bin vertrieben worden – das wünsche ich niemandem. Aber in dieser Region kann es nicht angehen, das nur die Amerikaner das Sagen haben. Daher kommt ja auch der ganze Terrorismus. Und meiner Meinung nach auch dadurch, dass die Israelis vielen Unrecht angetan haben. Ich möchte wissen, wie Sie reagieren, wenn Ihr Nachbar auf Ihr Grundstück kommt und sagt, die Hälfte ist jetzt meins, ich baue hier einen Zaun hin und keiner hat hier was zu melden. Es traut sich keiner, das anzusprechen, aber das Ganze kann nur wieder friedlich werden, wenn auch die Israelis erkennen, dass sie mit Gewalt nichts erreichen, dass sie den Palästinensern ihr Lebensrecht geben müssen, dann kann sich das in Generationen wieder bessern.

Aber mit Mauern und Unterdrückung kann man nicht Frieden schaffen.


CM: Machen Sie im Iran Geschäfte?

Vietz: Wir machen auch jetzt Geschäfte, es werden ja viele Pipelines gebaut. Die Iraner haben keine große Industrie, sie leben vom Ölverkauf. Sicherlich fließt auch einiges vom Ölverkauf in die Atomforschung. Aber warum gesteht man den Israelis eine Atombombe zu....? Frieden in dieser Region schafft man nicht mit Druck und Gewalt.

CM: Nur durch Entwicklung! Wie schon Paul VI es benannte: Frieden heißt Entwicklung! Und dort, wo Armut und Unterdrückung vorherrscht, da werden immer mehr Menschen Rattenfängern folgen. Sehen Sie denn im Iran, dass gemäßigtere Kräfte den fundamentalistischen Strömungen den Boden entziehen könnten?

Vietz: Eine bestimmte Scharfmachertruppe ist zur Zeit an der Macht, wie auch Leute vor Ort, mit denen ich spreche, es nennen. Die gehen nicht davon aus, dass dieser Präsident noch einmal gewählt würde. Viele jüngere Menschen im Irak sind sehr westlich eingestellt. Für mich ist beschämend, wie Frauen dort behandelt werden.

CM: Noch einmal zum Sudan, zu Dafour?


Vietz: Dafour ist ein Politikum, nachdem man dort sehr reiche Ölvorkommen entdeckt hat: Die sudanesische Regierung hat die Ölbohrrechte in Dafour an die Chinesen verkauft. Dort leben viele Christen und deswegen sind die Reiterbanden dort unterwegs, um die Christen dort zu vertreiben, damit die Chinesen nach Öl bohren können. Das ist auch der Grund, warum die sudanesische Regierung die UNO nicht einschalten will. Das hat mir auch der deutsche Botschafter in Khartum so gesagt.

CM: Was für ein Wahnsinn, das ein solcher Völkermord aus geostrategischen Interessen toleriert wird.


Vietz: Ich muss schon sagen, dass die Entwicklung Chinas mir etwas Angst macht. Die Chinesen kaufen sich überall ein. Z.B. im Iran bei der größten staatliche Gasorganisation mit 50 %. In Brasilien bei Petrobras mit 30 %, einer Riesenorganisation für Öl und Gas in ganz Südamerika. In Argentinien haben die Chinesen die Bohrrechte für 2/3 des Landes gekauft. In Algerien sind die Chinesen mit 50% an der staatlichen Gasgesellschaft beteiligt. Da besteht die Gefahr, dass aus diesen Ländern eines Tages nicht mehr genug Gas kommt, weil die Chinesen das alles haben. 2008 werden die Chinesen schon die Weltexportmeister sein.

Nachdem jetzt Airbus entschieden hat, in China zu montieren, ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass spätestens nach zwei Jahren China einen eigenen Airbus baut, vielleicht noch eine Nummer größer. Mit dieser Zusage geht das ganze Knowhow von Airbus an China.Wie kann man das verhindern?


CM: Leibniz hat sich ja sehr für den Wissensaustausch zwischen China und Europa stark gemacht. Er würde wahrscheinlich sagen: Europa muss besser werden, nicht nur den Transrapid liefern, sondern die nächste revolutionäre Technik entwickeln.


Vietz: Als ich mit Schröder in Peking war, saßen Schröder, Herr von Pierer und der Arbeitgeberpräsident Rogowski abends noch zusammen. An diesem Abend erzählte mir von Pierer, dass Siemens bei einem Projekt in China 16 Millionen durch Betrügereien verloren habe. Ein Jahr danach veranstaltete die „Wirtschaftswoche“ ein Forum in Berlin zum Thema „China – Gegenspieler oder Partner“ und ich war eingeladen, einen Vortrag zu halten. Vor mir sprach Herr von Pierer, der den Mittelstand aufforderte, in China zu investieren, das sei der Markt der Zukunft. Ich begann dann meine Rede damit, Herrn von Pierer zu erinnern, was er mir damals in Peking über Verluste durch Betrügereien erzählt hatte. Da sprang von Pierer auf und sagte: “Das war eine private Äußerung, die gehört nicht hierher.“ Ich sagte:“ Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen einem Mittelständler und einem Konzernvertreter!“ Alles im Raum applaudierte, Herr von Pierer hat mit mir kein Wort mehr gesprochen.

Da sehen Sie den Unterschied, ob es das eigene Geld ist oder das Geld des Konzerns. Ich habe meine Erfahrungen in verschiedenen Vorträgen weitergegeben, und den Leuten berichtet, in welche Fallen ich hineingetappt bin. Ich sage nicht, dass keiner mehr in China investieren soll. Ich sage nur, die Leute sollen gewarnt sein, damit sie beizeiten die Dinge erkennen können.

CM: Was wäre der wichtigste Rat, den Sie geben können?

Vietz: Serienproduktion kann ich jedem nur empfehlen. Aber wer in China Hightech produzieren will, kann gleich alles aus der Hand geben und Konkurs anmelden.

CM: Sie hatten vorhin erwähnt, Deng Xiaoping habe auch vorausgesehen, dass sich das Bildungssystem entwickeln müsse. Nun hatte China die Kulturrevolution zu verkraften. Kommt die konfuzianische Tradition wieder zum Tragen?

Vietz: Wenn bei der Vielzahl der Ingenieure, die dort ausgebildet werden – ich glaube, es sind 500.000 jedes Jahr -, nur 10.000 dabei sind, die über den Tellerrand blicken können, dann ist das schon eine Entwicklung, die vor 5-8 oder 10 Jahren noch nicht so war. Die Chinesen lernen sehr schnell dazu. Deshalb suchen sie auch einen europäischen Partner, um die Vorgehens- und Denkweise aufzunehmen. Der Zeitpunkt, an dem sie in der Lage sein werden, ohne Europäer zurechtzukommen, rückt näher. An einigen Beispielen kann man das gut erkennen. Beim neuen Auto, das jetzt auf den Markt gekommen ist, nachdem das erste schlecht bewertet wurde, haben sie dazu gelernt. Die 1,4 Mrd. Menschen haben alle Hunger. Und man sagt ihnen auch: Ihr könnt alle schnell reich werden! Ich habe ja nach einiger Zeit auch Familien kennen gelernt, die haben mich dann eingeladen. Da lebt eine dreiköpfige Familie auf 10 m2 mit dem Fahrrad im Zimmer. Das sind dann schon Leute gewesen, die ins Ausland durften und Maschinen im Wert von Millionen eingekauft haben. Es ist einfach ein riesiger Bedarf da und jeder möchte etwas davon abbekommen. CM: Sie sagten, dass sich China überall einkauft. Vietz: Ja, z.B. auch in Australien, deshalb boomt es z.Zt. in Australien. Die Chinesen kaufen die Kohle.

CM: Aber die Chinesen haben auch ein sehr ehrgeiziges Kernenergieprogramm, um aus dieser Abhängigkeit herauszukommen, ein durchaus vernünftiger Weg.

Vietz: Ich habe meine Bedenken, was die chinesische Atomtechnik betrifft. Gott sei Dank ist noch nichts passiert. Ich bin für Atomkraft, man muss nur einen sehr hohen technischen Standard haben, um das wirklich zu beherrschen. Deutschland hat eine hervorragende Kerntechnologie, wir hätten das exportieren können. Das ist alles von der Politik totgemacht worden.

Wenn ich jetzt höre, es sollen 40 neue Kohlekraftwerke gebaut werden mit hohem CO2-Ausstoss- das muss man offen ansprechen, dass es ohne Kernkraft nicht funktioniert.

Ich hätte nichts dagegen, wenn in meiner Nähe ein Atomkraftwerk gebaut würde.Die Chinesen haben sofort gehandelt, als die Entscheidung fiel, dass im Jahre 2008 in Peking die Olympiade stattfinden werde. Die Regierung hat sofort beschlossen, im Umkreis von 200 km um Peking alle Kraftwerke mit Filteranlagen auszustatten. Heute merkt man dort den Unterschied ganz deutlich, früher kam im Winter, als alle heizten, kaum einmal die Sonne durch. Die Deutschen, die solche Filteranlagen bauen, waren über Jahre ausgebucht für das Nachrüsten der Kraftwerke dort.

Zur Biographie

Ich bin in Potsdam von meinen Großeltern großgezogen worden. Meine Mutter ist von den Polen erschossen worden, mein Vater im Krieg gefallen. Ich bin drei Tage vor dem Mauerbau aus der DDR abgehauen. Keiner hat mir gesagt, was ich machen soll. Ich stand ganz alleine da. Es gab Gerüchte, dass da etwas passieren würde, es sind ja Tausende in die Flüchtlingslager gegangen, um in den Westen zu gelangen. Ich war dann im Flüchtlingslager Uelzen und in Hannover ging ich zur Schweißtechnischen Versuchsanstalt, ich hatte in Potsdam Schweißer gelernt. Ich bekam nach einiger Zeit einen 7-Jahres-Vertrag. Die wollten, dass ich mein praktisches Wissen einbringe und ich hatte auch schon theoretisches Hintergrundwissen. Ich wurde dann gleich Lehrschweißer und habe andere ausgebildet, bin erst Schweißfachmann, –techniker und dann Schweißfachingenieur geworden und dabei immer ausgebildet. In der letzten Phase bin ich für den Pipelinebau zuständig gewesen und war an die Handelskammer Bremen ausgeliehen, um dort eine Abteilung für Schweißtechnik aufzubauen. Ich habe das eingerichtet und Vorträge gehalten usw. Und dann wollten die mich dort behalten, was aber mein Chef in Hannover nicht zulassen wollte. So kam es dann, dass ich beschloss, mich selbständig zu machen und die Schweißtechnische Versuchsanstalt verließ. Ich habe gesehen, dass der Pipelinebau meine Zukunft war.


(Bildnachweis: Die Bilder wurden uns von der Firma Vietz zur Verfügung gestellt.)


Geschrieben von Birgit Brenner
Dienstag, 17. April 2007