"West Side Story"

Dr. Halima Alaiyan (am Mikrofon) und die Gruppe in der Diskussion im Bundestag mit Tom König von den Grünen und Frau Hübinger von der CDU, 10.11.2011

Interview-Fragen an Frau Dr. Halima Alaiyan

„West Side Story“ einstudiert von deutschen, israelischen und palästinensischen Jugendlichen


In der „West Side Story“ nach der Musik von Leonard Bernstein begreifen die Jugendgangs erst am Ende, dass es sich nicht lohnt wegen dummer Vorurteile, Menschenleben zu opfern. Sie begreifen erst am Ende, dass es sich nicht lohnt, dafür ihre Träume von Liebe und einer besseren Zukunft (Song: „I have a love“ und „Somewhere“) zu opfern. Die Ärztin Dr. Halima Alaiyan, selbst gebürtige Palästinenserin, lebt seit 1966 mit ihren Kindern in Deutschland. Sie hat in Saarbrücken Medizin studiert und 2003 die Talat Alaiyen-Stiftung gegründet. Die Stiftung bringt Jugendliche aus Deutschland, Israel und Palästina zusammen. Im Gespräch mit Renate Müller De Paoli schildert Dr. Halima Alaiyan ihre Beweggründe:

Frau Dr. Alaiyan, Sie haben sich nach dem Tod Ihres Sohnes Talat entschlossen, eine Stiftung aufzubauen und Ihrem Sohn, der seit seiner Geburt an einer schweren Bluterkrankung, der sogenannten „Mittelmeerkrankheit“ litt und mit 21 Jahren verstorben ist, zu widmen. Sie wollen Brücken zwischen jungen Israelis und Palästinensern bauen und laden die Jugendlichen nach Deutschland ein. Warum wählen Sie gerade diesen Weg, ist Deutschland dabei eine Art neutraler Boden?

Die Stiftung trägt den Namen meines Sohnes, gewidmet ist die Stiftung den Palästinensern, den Israelis und den deutschen Jugendlichen für eine gemeinsame friedliche Zukunft. Als ein kleiner Grundstein für ein Leben in Sicherheit, Freiheit und Würde in der eigenen Heimat.

Nach Deutschland können und dürfen beide Gruppen fahren. Zwar ist es für die palästinensische Gruppe sehr mühsam, Kontrollen und Grenzen zu überqueren. Von Bethlehem bis Berlin benötigen sie mindesten 2-3 Tage. Die israelische Gruppe hat nur die Flugzeit von Tel Aviv nach Berlin, aber für die jungen Israelis ist die Tatsache nach Deutschland zu reisen, ein mit Befürchtungen behafteter Schritt, denn hier geschah der Holocaust. Hier in Deutschland wurde aber auch die Versöhnung und Wiedergutmachung eingeleitet. In Deutschland darf jeder sich frei bewegen, seine Meinung sagen, sich ohne Angst frei aussprechen, ohne Angst zu haben oder verhaftet zu werden. Dies ist keine Selbstverständlichkeit weder in Palästina noch in Israel.
In Deutschland kann ich den Jugendlichen die demokratischen Strukturen zeigen, sie können sie im Bundestag selbst im Gespräch mit Abgeordneten von Opposition und Regierung erleben. Dies wäre weder in Israel noch in Palästina möglich.
Hier in Deutschland lebe ich in Freiheit und Demokratie, ein Leben, das ich den Palästinensern zeigen möchte und ihnen die Hoffnung geben, dass es eines Tages in ihrem Land sein könnte.

Ankunft der palästinensischen Gruppe am Flughafen Berlin, 5.11.2011

Aus Ihrer Erfahrung: Was wissen Jugendliche aus Israel, Palästina und Deutschland nicht voneinander, was Vorurteile und Hass aufbrechen könnte?

Die Jugendlichen aus Palästina wissen nichts über den Holocaust, oder sehr wenig und auch nichts über die Ängste und die Traumatisierung der Israelis. Auch nichts was die Israelis über die Palästinenser denken und befürchten. Israelis wissen nichts über die Heimatlosigkeit der Palästinenser, über die Vertreibung, über die Unterdrückung sowohl in den besetzten palästinensischen Gebieten als auch in den arabischen Ländern, über das Leiden unter einer Besatzung oder in den Flüchtlingslagern leben zu müssen, über die Unfreiheit und Menschenrechtsverletzung an den Palästinensern, über den Wunsch der Palästinenser, eine sichere Heimat zu haben und in Frieden leben zu können auch mit ihren Nachbarn. Beide haben die gleichen Wünsche nach Sicherheit und Frieden, beide wissen nicht wie der Andere denkt. Beide Misstrauen einander.

Wie sieht ein solches Programm aus, was unternehmen die Jugendlichen gemeinsam in Deutschland? Was sollen sie bewusst kennenlernen und erfahren?

Erstens sollen sie möglichst viel über die Geschichte, der Judenverfolgung und Ermordung in Deutschland erfahren, über die Gründung des Staates Israel und die Wahrnehmung Israels in der Bundesrepublik Deutschland sowie über die Vertreibung der Palästinenser und den Verlust ihrer Heimat. Sie besuchen gemeinsam die Gedenkstätte Sachsenhausen, für alle ein tiefgreifendes Erlebnis.

Zweitens lernen sie durch einen gemeinsamen Besuch einer Synagoge, einer Moschee und Kirche andere Religionen und ihre Gotteshäuser kennen und erfahren und entwickeln Respekt für alle Religionen und ihre Gotteshäuser.

Und drittens besuchen sie den Bundestag und diskutieren mit Vertretern unterschiedlicher Parteien über Freiheit, Menschenrechte und Menschenwürde. Sie erfahren, was eine lebendige Demokratie ausmacht.

Gemeinsam betreiben sie Sport und gestalten ihre Freizeit. Durch Kunst, Sport, Musik und Theater versuchen wir die Jugendlichen als Gruppe in ihrem Zusammenhalt zu stärken „die Feindbilder abzubauen“, dass sie ein „neues Bild“ gewinnen“!!! Sie lernen, gemeinsam an einem Ziel zu arbeiten und sich gegenseitig zu helfen, unabhängig, woher sie kommen oder welche Religion sie haben. Sie haben z. B. dieses Mal die West Side Story eingeübt und sie am 8. November in der saarländischen Landesvertretung in Berlin mit Erfolg vorgeführt und dies nach nur 4 Tagen üben.

Mein Wunsch und meine Hoffnung ist, dass sich die Jugendlichen in Zukunft auf dem Gebiet der Politik, Wirtschaft, der Bildung und der Kultur menschlich und gesellschaftlich näher kommen, Vorurteile ablegen für die Zukunft ihrer Kinder, aber auch für ihre eigene Stabilität und Frieden.

Die ersten Stunden in Berlin, die Jugendlichen aus Deutschland, Israel und Palästina begegnen sich in der Jugendherberge und beginnen sich bei einem ersten Spiel ein bisschen kennenzulernen, 5.11.2011

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Jugendlichen, die Sie in das Austauschprogramm einladen, aus?

Die Organisationen vor Ort schreiben dies aus und suchen die Teilnehmer aus: Mädchen und Jungen, Juden, Christen und Moslems zwischen 16-18 Jahren. Voraussetzung ist, dass sie den Willen haben, sich mit dem Anderen, der auch als Feind wahrgenommen wird, auseinander zu setzen und über den Anderen etwas erfahren zu wollen.

Warum haben Sie sich für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren entschieden?

Sie sollen sich treffen, bevor sie zum Militär gehen. Mit 18 Jahren beginnt der Militärdienst für die Jugendlichen aus Israel.

Wie sieht der Kontakt zwischen den Jugendlichen in späteren Jahren aus, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Die Jugendlichen kommen nach Deutschland, um den so genannten „Feind“ kennenzulernen, etwas zu erfahren von den Menschen, die sie bedrohen, die ihnen Angst und Gefahr bringen! Sie kommen mit Vorbehalten, mit Vorurteilen, mit einem bedrohlichen Bild vom Anderen. Nach einigen Tagen stellen sie fest, dass sie alle gleich sind in ihren Ängsten, in ihrer Freude und ihren Zukunftswünschen. Z. B. wurde ein palästinensisches Mädchen leicht krank, sie fand bei einer Israelin, ihrer Zimmergenossin, Hilfe. Sie wurden danach unzertrennlich, sie wollen Freunde für das Leben sein. Seit 2007 stehen sie in einem engen Austausch. Auch in Krisenzeiten halten die Jugendlichen zueinander. Ein anderes Paar hat im Ausland geheiratet. Die meisten stehen mit einander per Mail, Facebook etc. in Verbindung. Die Jugendlichen glauben nicht mehr alles, sie sind kritischer und offener geworden.

Die Jugendlichen in der Moschee am Colombia Damm und in der Synagoge.

Wie reagieren Eltern, Lehrer und Freunde der Jugendlichen in Deutschland, Israel und Palästina auf die Veränderung? Werden die Jugendlichen sozusagen zum „Stein“, der immer größere Wellen gegen die Mauer von Vorurteilen, Verzweiflung und Hass schlägt?

Sie reagieren sehr neugierig, wollen mehr wissen und scheuen sich nicht über ihre Erlebnisse am Heimatort zu sprechen. Es werden viele Vorurteile abgebaut. Die Jugendlichen erfahren auch nach ihrer Rückkehr Kritik, aber sie haben neue Argumente aus eigener Erfahrung durch die Reise nach Deutschland. Die Jugendlichen sprechen es klar aus, dass die ihnen bisher erzählten Geschichten über die Anderen meistens nicht stimmten, erst jetzt haben sie sich vom Gegenteil überzeugt.

Convivio mundi e. V. selbst hat viele Erfahrungen im Ringen gegen Unwissenheit und Vorurteile, die Menschen entgegengebracht werden, sammeln können. Welche Schritte haben den Erfolg Ihrer Arbeit bestimmt?

Letztendlich mein persönlicher Weg. Ich weiß, was ich über Israelis gedacht habe, als ich 1966 nach Deutschland kam: Israel ist der Feind der Palästinenser und umgekehrt. Durch die Israelis wurden die Palästinenser heimatlos, ohne Rechte, ohne Identität. Über 5 Millionen leben noch unter primitivsten Bedingungen und unter Angst und hoffnungslos in Flüchtlingslagern. In den Augen vieler Israelis wollen die Palästinenser sie umbringen und vertreiben. Jeder hat Angst vor jedem, keiner hat Vertrauen zueinander. Erst als ich in Deutschland über die Vernichtung der Juden in Europa informiert wurde und die Gedenkstätte Mauthausen besucht habe, konnte ich Israel anders sehen und verstehen. Ich empfand mit den Juden und ihr Verlangen nach Sicherheit. Erst wenn Palästinenser und Israelis die Versöhnung wollen und Hand in Hand gehen, um gemeinsame Ziele für sich zu erreichen, erst wenn sich beide nicht mehr als Opfer sehen, erst wenn beide sich von der menschlichen Seite erleben, erst wenn beide eine Heimat haben, werden sie Frieden mit sich und mit dem Anderen schließen können. Das ist unser Ziel bei allen jährlichen Begegnungen. Das ist es, was in der Jugendbegegnung geschieht und was sich auch langfristig bewährt.

Welche Stolpersteine mussten aus dem Weg geräumt werden?

Viele Vorurteile auf beiden Seiten, auch hier bei uns in Deutschland. Es ist nicht einfach, auch heute, so eine gemeinsame Jugendbegegnung zu organisieren und erfolgreich durch zuführen.

Die Gruppe diskutiert im Bundestag mit Tom König (Grünen) und Frau Hübinger (CDU), 10.11.2011

Wie reagieren Politik und Institutionen auf Ihren Weg?

An diesen Schaltstellen müsste ja eigentlich der Stein ins Rollen kommen oder Politik und Institutionen, aber auch viele Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind vorsichtig, sobald Palästinenser dabei sind. Es ist leicht, Sponsoren und politische Unterstützung zu bekommen, wenn es nur Deutschland und Israel betrifft, aber sobald das Wort „Palästinenser“ auftaucht, wird die Sache schwieriger und mühsamer! Ein Scheitern der Begegnung jedes Jahr ist immer möglich wegen mangelnder Finanzierung. Ich hoffe auf Dauersponsoren, die uns die Finanzierung sichern für einige Jahre. Bisher haben wir über 400 Jugendlichen diese Begegnung ermöglicht, ich hoffe auf Tausende in der Zukunft.
Viele haben Angst, wenn sie Palästinensern helfen, als Antisemit und Anti-Israel gesehen zu werden. Zum Glück ändert sich dies zunehmend.
Ich bin dankbar, dass die Landesregierung im Saarland und auch viele Privatpersonen im Saarland und Berlin meine Stiftungsarbeit unterstützen. Ich bin allen Helfern dankbar für ihre ehrenamtliche Hilfe.

Frau Dr. Alaiyan, Sie selbst sind Palästinenserin, südlich von Tel Aviv in Ibdes geboren, 1966 sind Sie nach Deutschland gekommen und haben 1980 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Sie haben eine Autobiografie geschrieben mit dem Titel: „Vertreibung aus dem Paradies“. Welche Vorstellung haben Sie vom „Paradies“? Wie soll das „Paradies“ aussehen?

Eine eigene sichere Heimat, in der jeder gleiche Rechte und Pflichten hat, in der jeder in Demokratie und frei leben kann. Das ist leider bei den Palästinensern noch nicht der Fall. Auch in Israel geht es oft nicht demokratisch zu und Menschenrechte werden verletzt.
Ein Paradies, in dem die Menschenrechte verteidigt und Menschenwürde geachtet wird, in dem alle Menschen gleich sind in einer Heimat ohne wenn und aber. In einer Heimat, in der die Minderheit geschützt wird, in der ein Recht für alle praktiziert wird.


Frau Dr. Alaiyan, wir danken Ihnen.

Sonntag, 27. November 2011

Aufführung der West Side Story