Uri Schneider im Gespräch

Uri Schneider im Gespräch

Uri Schneider im Gespräch
„…, dass wir keinen Sensationsjournalismus betreiben, sondern Aufklärung“


Uri Schneider bezeichnet sich selbst als „Wanderer zwischen Welten –
Europa und dem Nahen Osten, Israel und Palästina“. Der Journalist, Regisseur, Filmemacher und Produzent, bekannt u. a. durch Filme wie „Rette ein Kinderherz“, zeigt im Gespräch mit Renate De Paoli eine andere Seite des Journalismus: „Was wir den Menschen, über die wir berichten, vermitteln müssen, ist, dass wir keinen Sensationsjournalismus betreiben, sondern Aufklärung betreiben wollen, ihre Geschichten erzählen wollen.“ – wie die Geschichte der mutigen „Aus–dem–Meer–Frauen“:


Herr Schneider, vielleicht erklären Sie zunächst einmal, wie es zum Aufbau von „tele aviv productions“, Ihrer Produktionsfirma in Tel Aviv gekommen ist?

Das ist schnell erzählt. Mit einer großen Affinität für Israel und persönlichen Beziehungen beschloss ich 1994, auf dem Höhepunkt des Friedensprozesses, mein Glück als freier Fernsehjournalist in Tel Aviv zu versuchen. Als Fernsehjournalist braucht man Kameraleute, Videocutter, Rechercheassistenten, und so gründete ich die tele aviv productions – ein schönes Wortspiel, wie ich bis heute finde.


Nach welchen Kriterien suchen Sie Projekte aus?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal sind es Redaktionen, die mit einer Idee an mich herantreten. Oft biete ich Themen an, die ich für berichtenswert halte, und selbstverständlich bin ich näher am Puls der Geschehnisse in Israel und den Palästinensergebieten als die Redaktionen in Deutschland und Frankreich. In aller Regel drehen sich die Themen um den Nahostkonflikt, manchmal um die deutsch-jüdische Geschichte. Wir produzieren aber auch Filme, die gar nichts mit dem Nahen Osten zu tun haben, wie z.B. ein Dokumentarfilm über die religiöse Anti-Atomkraft-Bewegung in Japan nach Fukushima oder eine Reportage über die Vergessenen Veteranen der USA– junge Amerikaner, die im Auftrag von privaten Konzernen in den Irak und nach Afghanistan gegangen sind und danach um ihre Rechte als Veteranen kämpfen mussten. Ausschließlich über den Nahostkonflikt zu berichten, kann auf die Dauer zermürbend sein. Auch fehlt nach ein paar Jahren oft der journalistische Erkenntniswert. Zuviel dreht sich im Kreis.


Wie erfolgt die Umsetzung, da Sie ja äußerst brisantes, sensibles Material in Ihren Beiträgen präsentieren – ich denke nur an „Abrahams zerstrittene Kinder“ oder „Rette ein Kinderherz“?

Mit der höchstmöglichsten Sensibilität, wie es solche Themen eben erfordern. Da braucht es viel Vertrauensarbeit, viel Fingerspitzengefühl. Was wir den Menschen, über die wir berichten, vermitteln müssen, ist, dass wir keinen Sensationsjournalismus betreiben, sondern Aufklärung betreiben wollen, ihre Geschichten erzählen wollen. Die Umsetzung selbst ist oft eine Gratwanderung. Einerseits versuchen wir, so diskret wie möglich zu arbeiten, andererseits sind wir darauf angewiesen, die Bilder einzufangen, die wir für unsere Reportagen brauchen.


„Kultur ist die Unterschrift von Zivilisationen“ steht auf der Homepage von „tele aviv productions“. Welche Unterschriften können Sie im Nahen Osten entziffern?

Der Nahe Osten, ganz besonders Israel, ist so unterschiedlich wie seine Einwanderer. Israel ist ein Kaleidoskop von Menschen, die aus der ganzen Welt in den jüdischen Staat eingewandert sind. Es gibt säkulare und religiöse Kulturen, ashkenasische und sephardische, traditionelle, moderne, post-moderne und alle nur erdenklichen Modelle dazwischen. Es gibt Nebeneinander, aber auch ständige Kulturkämpfe, rivalisierende Systeme, die nicht selten antidemokratische Züge annehmen, wenn sie sich der einen oder anderen Ideologie verbunden sehen.


Arte hat kürzlich einen Beitrag von Ihnen über israelische Frauen ausgestrahlt, Frauen, die palästinensischen Kindern ermöglichen, zum ersten Mal in ihrem Leben ans Meer zu fahren. Wer sind diese „Aus–dem–Meer–Frauen“? Was bewegt diese mutigen Frauen?

Entstanden ist die Bewegung aus der Gruppe Machsom Watch. „Machsom“ ist das hebräische Wort für Checkpoint, also die militärischen Kontrollpunkte im Westjordanland und an den Übergängen vom Westjordanland ins Kernland Israel. Die Frauen von Machsom Watch, eine Gruppe von einigen hundert Friedensaktivistinnen, stellen sich tagtäglich an die Checkpoints um eventuelle Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und an die zuständigen Offiziere und Behörden weiterzuleiten. Aus dieser Bewegung entstanden die „Aus-dem-Meer-Frauen“. Was vordergründig wie die Organisation von Freizeitfahrten aussieht, hat für die Aktivistinnen tiefere Beweggründe. Sie wollen der Enge der Militärbesatzung und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit der Palästinenser etwas entgegensetzen: die Weite des Meeres. Die perfekte Gegenmetapher. Dazu kommt, dass viele der Palästinenser Juden und Israelis nur als Soldaten oder Siedler kennen. Der Kontakt zu den Aktivistinnen zeigt ihnen auch menschlich einen anderen Horizont, vermittelt wortwörtlich und im übertragenen, gesellschaftlichen Sinne eine simple Nachricht: Wir sind alle Menschen.


Sie selbst bezeichnen sich gern als „Wanderer zwischen Welten – Europa und dem Nahen Osten, Israel und Palästina“. In Ihrem Film „Rette ein Kinderherz“, der einem – wie der kleinen herzkranken Estub aus Äthiopien – Tränen der Begeisterung und Rührung in die Augen treibt, sagt einer der operierenden Kardiologen: „Es geht nicht in meinen Kopf, woher der ganze Hass kommt!?“ Welche Erklärung haben Sie?

Der Hass stammt von einem wohl jahrtausendealten Konflikt. Gläubige Juden und Muslime würden sagen, er habe mit Abraham angefangen, als er seinen Erstgeborenen Ishmael und dessen Mutter in die Wüste schickte. Weder in Israel noch in den Palästinensergebieten haben sich je politische Führer gefunden – mit der Ausnahme des ermordeten israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin – die den politischen Willen, die Kraft und nicht zuletzt das Charisma hatten, eine Friedensideologie konsequent umzusetzen. Fundamentalistische Kräfte beherrschen oder beeinflussen auf beiden Seiten die Politik. Und Religion war einer pragmatischen Politik noch nie dienlich. In der Politik geht es um Kompromisse, soll Shimon Peres einmal gesagt haben, in der Religion um Kompromisslosigkeit.


Herr Schneider, in zwei Jahren – im Dezember 2018 – jährt sich der 70te Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die schon in Artikel 1 verkündet: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Wird es Grund zu feiern geben?

Wenn ich unsere Nachbarschaft ansehe, nein.


Herr Schneider wir danken Ihnen.


Geschrieben von Renate Müller De Paoli
Freitag, 30. September 2016

Uri Schneider im Gespräch

„…, dass wir keinen Sensationsjournalismus betreiben, sondern Aufklärung“