Die Kinder von Auschwitz

Interview mit Alwin Meyer

Welchen Namen, welches Gesicht haben die Kinder, die die Hölle des Konzentrationslagers Auschwitz überlebten. 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz versucht der Autor Alwin Meyer in seinem Buch „Vergiss Deinen Namen nicht – die Kinder von Auschwitz“, 2015 im Steidl-Verlag, Göttingen erschienen, auf 750 Seiten Antworten zu finden. Er berichtet im Gespräch mit Renate Müller De Paoli über ihre Geschichte und ihre unglaubliche Lebensleistung nach der Befreiung:

Herr Meyer, 1972 – nunmehr vor 43 Jahren – haben Sie mit den Nachforschungen über die Kinder, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben, begonnen. Wer sind die „Kinder von Auschwitz“?

Die Kinder sind mit ihren Familien nach Auschwitz verschleppt worden oder kamen dort unter unvorstellbaren Bedingungen zur Welt. Aufgrund der sich im Archiv der Gedenkstätte Auschwitz befindlichen Dokumente und Zeugenaussagen steht fest, dass insgesamt mindestens 232.000 Kinder und Jugendliche im Alter von ein bis 17 Jahren nach Auschwitz verschleppt wurden. Allein 216.000 waren Juden sowie 11.000 Sinti und Roma. Sie kamen aus allen Teilen Europas.

Am 27. Januar 1945 in Auschwitz befreit werden konnten lediglich 416 Kinder, die 13 Jahre oder jünger waren, sowie 234 Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren. Darunter waren auch Neugeborene und Kleinkinder.

Die befreiten Kinder waren nur noch Haut und Knochen. Die Menschen, die sich um sie kümmerten, befürchteten vielfach, dass sie nicht überleben würden. Sie sahen wie Skelette aus, hatten Bisswunden von Hunden, ihre Körper waren von Geschwüren bedeckt, ihre Augen von Eiter verklebt, lange Zeit lief das Essen wie durch ein Sieb durch sie hindurch, sie hatten Tuberkulose, Lungen- und Hirnhautentzündungen… So starben nach der Befreiung noch etliche Babys und Kinder an den Folgen der Haft.

Die Zahlen haben Namen und Gesichter. Da ist zum Beispiel Yehuda Bacon, er war zehn Jahre alt, als Deutsche seine tschechische Heimatstadt Ostrava im März 1939 besetzten. Wie wenig der Junge noch kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs auf das vorbereitet war, was auf ihn und seine Familien zukommen sollte, bezeugt sein Verhalten beim Einmarsch der deutschen Truppen. „Wir Kinder“, erzählte mir Yehuda Bacon, „standen am Straßenrand und fassten die Panzer an. Die feierliche Stimmung und die Hakenkreuzfahnen machten auf uns einen tiefen Eindruck.“

Ende 1943 wurde die Familie Bacon in Waggons „in den Osten“ deportiert. Gleich nachdem die Familie Bacon in Auschwitz eingesperrt worden war, beobachtete Yehuda folgende Szene: „Ich sah einen Russen, der eine Salami von irgendwo genommen hatte und in sie hinein biss. Ein SS-Mann schlug mit einem Knüppel auf ihn ein und brüllte: ‚Spuck aus, lass die Wurst!’ Er riss sie ihm weg. Aber das Stück, in das der Mann schon hinein gebissen hatte, ließ er nicht los. Und ich verstand nicht, warum er nicht diesen Biss vom Mund nimmt. Er wurde unmenschlich verprügelt. Aber er verschluckte diesen Biss. Später habe ich verstanden, was Hunger einem Menschen antun kann.“

Die im slowakischen Städtchen Turany geborenen Zwillingsschwestern Olga und Vera Grossmann wurden mit sechs Jahren nach Auschwitz transportiert. Dort wurde ihr Vater sofort weggeführt. Vera, Olga und ihre Mutter kamen in das „Versuchslaboratorium“ des SS-Arztes Mengele.

Für die Zwillingsschwestern war Auschwitz buchstäblich „die Hölle“. Vera erinnert sich: „Sie gaben uns Spritzen in die Wirbelsäule. Wir wussten nicht, was für Spritzen das waren. Sie hatten jedoch schlimme Auswirkungen, denn wir mussten uns ständig übergeben, uns war schwindlig, wir bekamen Beulen und wir fühlten uns schrecklich schwach.“

Keines der befreiten Kinder konnte Auschwitz vergessen. Olga Grossmann muss sich jeden Tag an den Lagerabschnitt „Frauenlager“ in Auschwitz-Birkenau erinnern, wo sie eine zeitlang zusammen mit ihrer Schwester und Mutter zubringen musste: „Da war ein Block mit vielen Kindern, auch Babys. Weinen, Stöhnen und Schreie erfüllten den Raum. Angst kroch in mir hoch. Auch schwangere Frauen waren dort und lagen auf den Pritschen. Ich erlebte dort etwas ganz Schreckliches. Ich sah, wie ein Baby aus dem Schoß der Mutter genommen und lebend in den Heizofen geworfen wurde. Das ist etwas, über das ich nie hinweggekommen bin, zu keinem Zeitpunkt meines Lebens. Immer hat mich dieses Bild verfolgt.“

Oder da ist Heinz Salvator Kounio aus Thessaloniki. Mit 2800 jüdischen Kindern, Frauen und Männern wurde er im März 1943 nach Auschwitz verschleppt. Nach der Selektion wurden 417 Männer und 192 Frauen als Häftlinge in das Lager eingewiesen und mit den Häftlingsnummern 109371 bis 109787 (Männer) bzw. 38721 bis 38912 (Frauen) registriert. Die anderen wahrscheinlich 2.191 Menschen wurden in den Gaskammern getötet.

Unter den eingelieferten „Männern“ befand sich der 15jährige Heinz Kounio. Er bekam in den linken Unterarm die Nummer 109565 eintätowiert, sein Vater Salvator die Ziffer 109564, seine Mutter Hella die Zahl 38911 und seine ein Jahr ältere Schwester Erika die Nummer 38912.

„Ich war gerade erst fünfzehn geworden. Ich hatte gerade begonnen, mir mein zukünftiges Leben vorzustellen. Meine Seele war noch unbeschädigt. Das sollte brutal zerstört werden.“

Von den einst 56.000 Juden, die in Thessaloniki gelebt hatten, blieben, so Heinz Kounio, „nur 1.950 am Leben“. „Wir freuten uns zwar, dass wir, meine Eltern, meine Schwester und ich noch lebten und unsere Nähe spüren und uns gegenseitig helfen konnten.“ Anderseits erfüllte die Familie Kounio mit Traurigkeit und Wut, dass 22 Kinder, Frauen und Männer aus ihrer nahen Verwandtschaft tot waren. Sie wurden umgebraucht, weil sie Juden waren. Jeder Gedanke daran war und ist unerträglich.

Wie sind Sie vorgegangen? Wie ist es Ihnen gelungen, das Vertrauen der „Kinder“, die ja nunmehr erwachsen sind und versucht haben, ihr Leben zu meistern, zu gewinnen?

Mit 21 Jahren fuhr ich das erste Mal in die Gedenkstätte Auschwitz und traf dort Tadeusz Szymański. Der ehemalige Häftling von Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald erzählte mir von den Säuglingen und Kindern im Lager, die Deutsche eingesperrt und fast alle ermordet hatten. Davon hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Das sollte mich nie mehr loslassen. Ich wollte mehr über die Kinder von Auschwitz wissen, wollte ihren Lebenswegen nachgehen, wollte ihre Lebensgeschichten zu Haus publik machen.

Tadeusz Szymański stellte die ersten vier Kontakte her. Ohne ihn wäre das zunächst nicht möglich gewesen. Das Misstrauen, auch einem jungen Deutschen gegenüber, war sehr groß. Alles konnte nach Auschwitz an Auschwitz erinnern. Deutsche, die deutsche Sprache waren und blieben für viele Kinder von Auschwitz für Jahrzehnte vor allem angstbesetzt, wie die folgenden Aussagen, die rund 15 Jahre nach der Befreiung aufgezeichnet wurden, beispielhaft zeigen:
„Wenn ich auf einem Ausflug oder im Rundfunk plötzlich die deutsche Sprache höre, fällt mir alles aus der Hand.“

„Jedes deutsche Wort bringe ich gleich mit dem deutschen Brüllgeschrei im Lager, mit den Kapos in Zusammenhang. Ich lehnte eine Dienstreise nach Deutschland ab, die sind dort alle gleich.“

„Bloß das Wort Deutsche genügt schon, um Angst bei mir hervorzurufen.“

Nachdem ich aufgrund der mit der Hilfe von Tadeusz Szymański geführten Interviews erste kleinere Artikel veröffentlichen konnte, begann ich in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre mit der intensiven weltweiten Spurensuche nach den Kindern von Auschwitz. Ihre Namen und Anschriften erfuhr ich vor allem von ehemaligen Häftlingen, aber auch von Bekannten, Freunden und Gedenkstättenmitarbeiterinnen.

Den Erstkontakt stellte ich in der Regel mit einem Brief her, indem ich mein Anliegen beziehungsweise mich kurz vorstellte, und dem ein von mir verfasster Artikel zum Thema beigefügt war. Einige Wochen später rief ich an. Viele waren nunmehr – Jahrzehnte nach ihrer Befreiung – bereit, mit mir zu sprechen, ja, waren erfreut, dass sich ein nach dem Krieg geborener Deutscher für ihre Lebensgeschichte interessierte.

Einige hatten Bedenken, sich mit einem Deutschen zu treffen, sagten mir jedoch sinngemäß: „Rufen Sie mich an, wenn sie einmal in der Nähe sind.“ Nur wohnte ich zwischen 700 und mehreren tausend Kilometern weit weg. Trotzdem entschloss ich mich, alle, die ich hatte finden können, zu besuchen. Diese jetzt erwachsenen Kinder von Auschwitz waren verständlicherweise zurückhaltend, sprach ich doch die Sprache und kam ich doch aus dem Volk, das ihr und ihrer Familie oder ihm und seiner Familie so viel Grausamens angetan hatte.

Wie Annäherungen möglich wurden, soll das folgende Beispiel zeigen: Der Mann bat mich, nachdem ich in seine Stadt gereist war und ihn telefonisch kontaktiert hatte, sich mit ihm in einem Bahnhofsgebäude zu treffen. Hier unterhielten wir uns gut eine halbe Stunde. Er wollte wissen, was für ein Deutscher ich bin und wie sich meine Familie während der Nazizeit verhalten hatte. Nach dem ersten Kennenlernen durfte ich zusammen mit ihm nach Hause fahren. Sein Haus betraten wir jedoch noch nicht, gingen zunächst in den Garten, setzten dort unser Gespräch für ungefähr eineinhalb Stunden fort. Danach bat er mich ins Haus und seine Frau bereitete für uns etwas zum Essen vor. Anschließend sprachen wir bis zum späten Abend, fast die ganze Nacht und den nächsten Tag miteinander. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte vor, in und nach Auschwitz sowie die seiner Familienangehörigen. Seine Eltern, fast alle Geschwister und Verwandten waren während der Shoah ermordet worden. Das gesamte Gespräch durfte ich aufzeichnen, dazu Reproduktionen von persönlichen Dokumenten und Familienfotos machen. Weitere persönliche Begegnungen und Gespräche folgten.

Kola Klimczyk ungefähr ein Jahr nach seiner Befreiung
Kola Klimczyk ungefähr ein Jahr nach seiner Befreiung Copyright Alwin Meyer

Mit allen Kindern von Auschwitz, mit denen ich sprechen durfte, habe ich – soweit sie noch leben – bis heute Kontakt. So konnte Vertrauen wachsen. Das war Voraussetzung dafür, dass mir im Laufe von Jahren und Jahrzehnten persönliche Aufzeichnungen anvertraut wurden. Zum Beispiel die ersten Briefe von Marujsa Kozlowa aus Witebsk, die sie an ihren wiedergefundenen wahrscheinlichen leiblichen Sohn Kola Klimczyk ins rund 1.000 Kilometer enfernte Krakau geschrieben hatte.


Sie schreiben: „Sie mussten lernen, das Lager seelisch zu überleben. Sie mussten wieder jung werden, um wie die anderen Menschen altern zu können.“ Wie sind die „Kinder“ mit diesen Wunden umgegangen? Wie hat sich ihre seelische Verletztheit gezeigt z. B. im Umgang mit anderen Kindern?

Die befreiten Kinder waren auffallend reizbar. Ihre Stimmungen waren stark schwankend. Gegenüber ihrer neuen Umgebung verhielten sie sich lange misstrauisch. Sie waren immer in Furcht, dass ihnen etwas entrissen wird: Kleidungsstücke, Essen, Spielsachen. Sie verteidigten es, als ginge es um ihr Leben, denn im Lager hatte jeder noch so kleine Gegenstand einen unmessbaren Wert gehabt. Sie hatten lernen müssen: Nur wer etwas für den nächsten Tag zurücklegt, hat eine Chance, am Leben zu bleiben. Wenn sie jemand verließ, setzten das die jüngsten Kinder mit „Tod“ gleich — eine Erfahrung, die sie im Lager täglich hatten machen müssen.

Die befreiten Kinder waren von Auschwitz geprägt. Einige Beispiele:

Ein Mädchen, das im Lager „Lidia“ gerufen wurde, bei ihrer Befreiung vier Jahre alt, spielte Lagerszenen nach. So wie es Lidia ihr kurzes Leben gelehrt hatte. Sie befahl ihren Spielkameraden, sie sollten sich hinknien und die Hände heben. Falls sie nicht ruhig seien, kämen sie „in den Ofen, denn Mengele kommt“. Oder Lidia gab das Kommando, alle sollten sich in eine Reihe stellen, worauf sie jedem ein Stück Holz gab, es wie ein Thermometer anschaute und sagte: „Na, du bist schon kaputt.“

Kola Klimczyk konnte nicht glauben, dass Menschen eines natürlichen Todes sterben. Als ein Verwandter seiner Adoptiveltern gestorben war, betrachtete er den Toten ganz genau, suchte nach Blutspuren, blauen Flecken, Wunden… Er war nicht zu überzeugen. Erwachsene waren für den Jungen wie Kinder, die keine Ahnung vom Leben hatten.

Sieben kleine in Auschwitz befreite Kinder waren im April 1945 zunächst in einem Kinderheim in der Nähe von Krakau untergebracht worden. Sie schliefen gemeinsam in einem großen Zimmer. Ein Junge namens Tolek wurde so krank, dass er, um die anderen Kinder nicht anzustecken, in ein anderes Zimmer verlegt werden sollte. Die anderen Kinder wehrten sich dagegen, sagten: „Nein! Ihr macht keine Selektion! Das geht nicht. Er muss hierbleiben.“ Letzten Endes wurde ein Kompromiss gefunden: Eines der Mädchen durfte sich bei Tolek im anderen Zimmer aufhalten, um dort auf ihn aufzupassen.

Alltägliche Erfahrungen brachte auch Yehuda Bacon zwangsläufig in Verbindung mit den im Lager gemachten Erfahrungen. Gleich nach dem Krieg sah er ein Begräbnis mit großem Sarg und Musik. Er musste fast lachen und dachte: „Sind denn die Leute wahnsinnig, um eines Leichnams willen solche Geschichten zu machen?“ Oder beim Besuch eines Konzertes oder im Theater berechnete er unwillkürlich, wie lange es dauern würde, die Zuschauer zu vergasen. Er versuchte sich vorzustellen, wie viele Kleider, Goldzähne und Säcke mit Haar von ihnen übrig bleiben würden. Er erinnert sich, dass er das erste Mal wieder weinen konnte, als einer seiner Lehrer starb. Dreizehn Jahre nach der Befreiung.

In quälend langen Jahren mussten sie lernen, das Leben aus einer anderen Perspektive als der des Lagers zu sehen. Viele versuchten ihnen dabei zu helfen: Adoptiveltern, Ärzte, Krankenschwestern, Familienangehörige, die überlebt hatten, Pädagogen, Organisationen…

Zum Beispiel kamen 1946 die ersten aus Auschwitz und anderen Lagern geretteten Kinder in das Kinder- und Jugenddorf Ben Shemen im damaligen Palästina. Richard Levinsohn, der fünfzig Jahre lang als Pädagoge in Ben Shemen tätig war, berichtete von seinen Erfahrungen: „Wir verteilten die aus den Lagern kommenden Kinder auf schon länger bestehende Gruppen. Wir ließen sie nicht nur unter sich sein. Sie kamen zusammen mit ‚normalen’ Kindern. Dieses Gemeinschaftsleben trug zum großen Teil zur Eingliederung der Kinder bei. Ihnen den Glauben an die Menschen wiederzugeben dauerte seine Zeit. Obgleich die schweren Erinnerungen diesen Kindern blieben, hatten sich fast alle innerhalb von einigen Jahren an ein normales Leben gewöhnt.“

Viele heirateten früh – oft jemanden, der auch die Shoah überlebt hatte. Mit wem sonst hätten sie leben können? Ohne viele Worte verstanden sie sich sofort. Ähnliche gemachte Erfahrungen schweißten sie zusammen, half ihnen den Alltag gemeinsam zu meistern. Alle anderen waren und blieben oft lange Zeit Fremde.

Vielen Kindern von Auschwitz gelang es, ein neues Leben zu beginnen. Sie gingen zur Schule, haben studiert, einen Beruf erlernt, Familien gegründet, Kinder bekommen, gefeiert und gelebt. Was für eine unvergleichbare Lebensleistung! Dass für sie und ihre Familien Zukunft trotz Erinnerung möglich war und ist.

„Ja, das ist richtig“, erzählt Jack Mandelbaum stellvertretend für viele andere: „Wir gründeten Familien, suchten ein neues Leben, heirateten, hatten Kinder. Wir gingen unseren Berufen nach, bauten unsere Geschäfte auf, schufen uns ein neues Zuhause. Das alles hielt uns von den schrecklichen Erinnerungen fern. Aber jetzt, wo wir älter und älter werden, können wir die Erinnerungen nicht mehr bändigen. Wir müssen täglich mit ihnen leben. Es hilft nicht, uns, mir zu sagen: ‚Das ist lange her’ und einfach weitermachen. Das geht nicht. Jeden Tag, jede Stunde ist dieser Schmerz da. Ich stehe morgens auf, wasche und rasiere mich, sehe in den Spiegel und sage mir: ‚Ich werde diesen Tag noch überstehen. Andere Menschen, die nicht im Lager waren, können das überhaupt nicht verstehen.“

Auch zum Beispiel Vera Grossmann hat nicht vergessen, was Auschwitz, was Mengele ihr als Kind angetan hatte: „Er gab mir Befehle, konnte mit mir tun, was er wollte. Er experimentierte an mir herum, wann immer es ihm passte. Wenn ich nicht tat, was er wollte, hätte er mich mit der Peitsche geschlagen oder noch Schlimmeres getan. Und immer diese Fragerei…“

Menschen, die ihr jetzt Ratschläge geben wollen, ihr sagen, was sie tun soll, kann sie nicht ertragen. „Wenn ich kritisiert werde, ist das für mich wie ein Angriff. Ich ‚schieße’ sofort zurück. Ihr bedeutet die Familie sehr viel. Ihr hat sie all ihre Kraft und Liebe gewidmet. „Ich habe mein Bestes getan. Ich habe gekämpft. Ich musste mir und anderen zeigen, dass Mengele nicht gesiegt hat.“

Oder dass sich manche Nachkommen der Überlebenden in Israel die Häftlingsnummer ihrer Vorfahren aus Solidarität mit ihren Großeltern tätowieren lassen, auch das zeigt deutlich: Die Wunden der Shoah sind und bleiben vorhanden, lassen sich nicht wirklich heilen. Das wird für viele, viele Generationen so bleiben. Da sollte sich niemand etwas vormachen. Wie anders könnte das auch sein nach Auschwitz, angesichts von aktuellem und dem zukünftig zu erwartenden Antisemitismus?

Und es genügt nicht, nur die zu erwähnen und an die zu denken, die irgendwann sprechen konnten, uns ihre Wunden zeigen, uns teilweise an ihrem Leben teilhaben lassen. Die anderen, die nach Auschwitz nie sprechen konnten, litten und leiden stumm. Von der Welt oft vergessen. Fast niemand hörte und hört ihr Leiden und das ihrer Kinder und Enkelkinder.

Fast alle überlebenden „Kinder von Auschwitz“ hatten nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee ihre Eltern, Geschwister und Verwandten verloren. Sie waren Waisen und kamen zu Adoptiveltern. Was wussten sie über ihre Eltern, ihre Familien? Konnten Sie je eine Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ finden?

Insbesondere die kleinen Kinder, die ganz wenig oder nichts über ihre Eltern wussten, bewegte zunehmend die Frage nach ihrer Herkunft. Auch Kola, den Emilia und Adam Klimczyk im Alter von zweieinhalb Jahren unter Lebensgefahr aus dem Lager gerettet und adoptiert hatten. Mit 14 Jahren machte er sich immer häufiger auf den von seinem Wohnort gut zehn Kilometer entfernten Weg ins ehemalige Lager. Er ging in die Baracken, schaute in jeden Winkel, durchsuchte jede Ecke. Kola hoffte, hier die Lösung des Rätsels seines Lebens zu finden. „Denn jeder will doch wissen, wer er ist“, sagte er mir einmal.

Mit der Hilfe von ehemaligen Häftlingen, die in Auschwitz gewesen waren und jetzt in der näheren Umgebung des ehemaligen Lagers wohnten, gelang es, Kontakte zu Frauen und Männern in anderen Ländern zu knüpfen, die seit vielen Jahren ihrerseits nach ihren Kindern suchten.

17 Jahre nach der Befreiung wurde unter anderem die Familie von Lidia, die gleich nach ihrer Befreiung im Alter von vier Jahren von einer polnischen Familie adoptiert worden war und seither mit Nachnamen Rydzikowska heißt, in der Ukraine gefunden. Ihre Identität wurde durch die eintätowierte Lagernummer 70072 zweifelsfrei nachgewiesen, denn in Auschwitz wurde diese zuerst der Mutter tätowiert, dann dem Kind die direkt folgende Nummer.

Bei ihrem ersten Besuch in der Ukraine wurde Lidia von ihren polnischen Eltern begleitet. Während dieses Aufenthaltes wurden die beiden Mütter immer eifersüchtiger aufeinander. Anna Botscharowa wollte, dass die wieder gefundene Tochter bei ihr blieb. Das aber wollte Bronisława Rydzikowska unbedingt verhindern, ihre Lidia sollte zusammen mit ihr zurück nach Polen fahren.

Für die ganz wenigen, die ihre Eltern wieder fanden, stellte sich sehr schnell die Frage, wen sie als ihre eigentliche Mutter, ihren eigentlichen Vater betrachteten. Die Antwort lautete fast immer: die Adoptiveltern, so wie bei Lidia. Sie fuhr zurück mit ihren Eltern in ihre „Heimat Polen“.
Auch Kola Klimczyk befand sich bei seinem ersten Besuch seiner wahrscheinlich leiblichen Mutter in Witebsk in diesem Konflikt: „Wer“, fragte er sich, „ist meine wirkliche Mutter?“ Die leibliche, die ihn unter Zwang in Auschwitz hatte zurücklassen müssen, oder die andere, die polnische Mutter, die ihn gerettet hatte? Seine Antwort fiel eindeutig aus: Kola fuhr zurück nach Polen, in das Land, das ihm zur Heimat geworden war, dessen Sprache er sprach, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte, wo ihm seine Adoptiveltern beigestanden hatten, das Leben zu meistern. „Für meine leibliche Mutter war das eine bittere Enttäuschung“, so Kola Klimczyk. „Sie weinte, als ich mich auf den Rückweg nach Polen machte. Sie hatte mich nun ein zweites Mal verloren. Aber ich konnte mich nicht an sie erinnern und keine wirklich emotionale Beziehung zu ihr aufbauen. Praktisch hat mich nichts mit der Frau verbunden, die mir das Leben schenkte. Sie besaß keine einzige der Eigenschaften, die ich in meiner Fantasie der eigenen Mutter zugeschrieben hatte. Sie blieb mir fremd.“

Ewa Krcz war zweifelsfrei, wie aus Originaldokumenten und der eintätowierten Nummer A 5116 hervorgeht, am 20. Mai 1944 mit einem Transport aus Ungarn nach Auschwitz deportiert worden. Im Juli 1963 reiste Ewa nach Ungarn. Ohne Ausnahme wollten die Familien, die Ewa für ihr verlorenes Kind hielten, dass die jetzt junge Frau sie als ihre Familie anerkennt. Alle wollten sie überzeugen: „Du bist unser Kind.“ Doch Ewa Krcz fand weder ihre Eltern noch andere Verwandte wieder.

Die älteren Kinder, die ihren Namen kannten und wussten, von woher sie nach Auschwitz deportiert worden waren, machten sich – nachdem sie von ihren Lageraufenthalten körperlich halbwegs genesen waren – auf den Weg dahin zurück, was einmal ihr Zuhause gewesen war. Inzwischen wohnten jedoch andere Familien in ihren Wohnungen oder Häusern. Vielen wurde feindselig entgegengetreten und der Zutritt zu ihrem Zuhause verwehrt. Sie waren ganz und gar nicht willkommen.

Auch die, die in ihre fast immer ausgeräumten Wohnungen oder Häuser zurückkehren konnten, fragten sich bald: Wie weiterleben können in dem Dorf, in der Stadt, in der Straße, aus der sie und ihre Angehörigen abgeholt worden waren. Dieses Haus, diese Straße, die Schule würde immer an die ermordeten Familienangehörigen erinnern. In dieser Umgebung konnte und wollte fast niemand der Kinder mehr leben. Nicht nur das: Sehr oft lebte kein einziger Familienangehöriger mehr.

Vielen der überlebenden Kinder ist es trotz Auschwitz gelungen, ein sinnerfülltes Lebens zu führen, was sie sich sehr hart haben erarbeiten müssen. Gleichzeitig ist das die Antwort auf die Frage nach ihrer heutigen Identität. So hat beispielsweise Israel Loewenstein, der in Berlin geboren wurde, den Entschluss, nach Israel in einen Kibbuz zu gehen, nie bereut. „In dem alten Milieu wäre ich verloren gegangen. Israel ist für uns ein neues Land, das von uns, die wir aus der Vernichtung kamen, aufgebaut wurde. Wir sind nicht als Herrscher hier her gekommen. Wir haben hier etwas aufgebaut, was uns die Möglichkeit gab und gibt, um zu existieren, wieder eine Familie zu gründen, in einem selbständigen jüdischen Staat zu leben. Wenn es einen Judenstaat zur Hitler-Zeit gegeben hätte, wäre es nie zur Shoah gekommen.“

Gleichzeitig ist da noch immer die Sehnsucht nach einem Leben, dass auch hätte sein können, nach der zerstörten Welt, den ermordeten Eltern, Geschwistern, Großeltern… So fragten und fragen sich viele bis heute, ob ihre Angehörigen tatsächlich in den Gaskammern umkamen – oder doch irgendwo überlebten? So konnte zum Beispiel Dasha Lewin, die aus dem kleinen tschechischen Dorf Odolice stammt und später in Los Angeles lebte, zeit ihres Lebens nicht akzeptieren, dass ihre Mutter, insbesondere ihre Schwester nie mehr zurückkommen würden. „Meine Schwester Sylva oder meine Mutter mussten am Leben sein. Bei meinem Vater war ich mir aufgrund seines Alters nicht so sicher. Nie konnte ich mir eingestehen: Sylva ist tot. Obwohl ich wusste, dass sie im Lager gestorben war. Genauso verhielt es sich mit meiner Mutter. Egal war mir, was andere Menschen sagten. Nicht einmal die in Funktion befindlichen Krematorien in Birkenau, die ich mit eigenen Augen gesehen hatte, konnten mich überzeugen. Ich habe lange, sehr lange nicht glauben können, dass das wirklich geschehen ist. Diese Art Hoffnung gab mir ein wenig inneren Frieden.“ Aber niemand kam zurück.

Tagaus, tagein sieht Eduard Kornfeld, der in der Slowakei geboren wurde und heute in Zürich lebt, seine Eltern und Geschwister „noch immer“ vor sich, kann sich an ihre Gesichter, ihre Gerüche, ihre Art zu sprechen erinnern. „Ich sehe sie ganz genau. In allen Einzelheiten.“

Gábor Hirsch lebt wie Eduard Kornfeld seit vielen Jahrzehnten in der Schweiz. Geboren wurde er im ungarischen Békéscsaba. Wenn er heute einen Wunsch frei hätte, würde er gerne seine Mutter wiedersehen. „Sie fehlt mir noch immer.“ So gerne würde er ihr Gesicht berühren, mit ihr sprechen, sie umarmen, den Klang ihrer Stimme hören… So wie alle heute noch lebenden und alt gewordenen Auschwitz-Kinder.

Dasha Friedová (später Lewin) mit Mutter und Schwester Sylva
(Copyright Alwin Meyer)


Schwangere Frauen wurden an der Rampe von Auschwitz sofort aussortiert und vergast. Nur Wenigen gelang es, ihre Schwangerschaft zu verheimlichen und der sofortigen Vernichtung zu entgehen. Falls es zu Geburten im Frauenlager kam, welche Überlebenschance hatten diese Neugeborenen?

Schwangere Frauen wurden in der ersten Zeit nach der Errichtung des „Frauenlagers“ (von März bis August 1942 im Stammlager Auschwitz, danach „verlegt“ in das rund drei Kilometer entfernte Auschwitz-Birkenau) sofort entweder mit Phenolinjektionen direkt ins Herz getötet, vergast oder totgeschlagen. Das galt sowohl für schwangere Frauen jüdischer als auch nichtjüdischer Herkunft.
Jedoch konnten manchmal Frauen ihre Schwangerschaften lange Zeit verbergen und es kam zu geheimen Entbindungen im Lager. Nach ihrer Geburt hatten diese Säuglinge kaum eine Überlebenschance. SS-Ärzte, SS-Sanitäter und ihre Hilfskräfte nahmen der Mutter das Kind weg und töteten es. „Bis zum Mai 1943 wurden alle im Auschwitzlager geborenen Kinder auf grausame Weise ermordet und zwar in einem Fass ertränkt. […] Bald hernach konnte die Mutter die vor den Block ins Freie herausgeschmissene und von Ratten zerfressene Leiche ihres Kindes erblicken“, erinnerte sich Stanisława Leszczyńska, von Beruf Geburtshelferin, die zwei Jahre im „Frauenlager“ in Auschwitz-Birkenau inhaftiert war und vielen Frauen bei der Geburt zur Seite gestanden hatte.

Ungefähr ab Mitte des Jahres 1943 wurden Neugeborene nichtjüdischer Abstammung mit Duldung der SS nicht mehr getötet. Die nichtjüdischen Babys wurden in die Lagerkartei aufgenommen und bekamen wie die erwachsenen Häftlinge eine Nummer eintätowiert. Da ihr linker Unterarm noch zu klein war, wurde die Zahl auf dem Schenkel oder dem Po angebracht.

Die französische Journalistin Marie-Claude Vaillant-Couturier, die als Aktivistin der Résistiance verhaftet und schließlich am 27. Januar 1943 nach Auschwitz gebracht wurde, erklärte dazu im Januar 1946: „Ja, im Prinzip durften die nichtjüdischen Frauen Kinder zur Welt bringen, und sie auch behalten. Aber angesichts der furchtbaren Verhältnisse im Lager blieben die Kinder nur selten mehr als vier bis fünf Wochen am Leben.“

Neben den Entbindungen im Frauenlager, kamen unter anderem auch im Lagerabschnitt „Theresienstädter Familienlager“ Kinder auf die Welt. Diese wurden zunächst am Leben gelassen. Als dieser Lagerabschnitt „aufgelöst“ wurde, sind alle in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet worden.

Im später auch liquidierten „Zigeunerlager“ wurden die Neugeborenen – im Gegensatz zu der Praxis im „Theresienstädter Familienlager“ – alle erfasst. Elisabeth Guttenberger, in Stuttgart geboren, wurde Mitte März 1943 in den Lagerabschnitt „Zigeunerlager“ eingesperrt. Sie berichtete über die dortigen Zustände: „Zuerst starben die Kinder. Tag und Nacht weinten sie nach Brot; bald waren sie alle verhungert. Auch die Kinder, die in Auschwitz zur Welt gebracht wurden, haben nicht lange gelebt. Das einzige, worum sich die SS bei diesen Neugeborenen kümmerte, war, dass sie gleich ordnungsgemäß tätowiert wurden. Die meisten starben wenige Tage – höchstens zwei Wochen nach ihrer Geburt.“

Bis Ende Oktober 1944 wurden alle im Frauenlager von Auschwitz-Birkenau geborenen jüdischen Kinder – mit der Ausnahme von acht Neugeborenen – sofort nach ihrer Geburt getötet. Vereinzelt kam es vor, dass nichtjüdische Frauen, deren gerade geborenes Kind nicht am Leben geblieben war, die Babys von jüdischen Frauen stattdessen zu sich nahmen. Auch so konnten einige wenige Neugeborene gerettet werden. Das war jedoch die ganz große Ausnahme.



Viele der Kinder mussten als „Versuchskaninchen“ für Ärzte wie Josef Mengele herhalten. Welche Rolle spielte das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin-Dahlem bei der Ausgestaltung der Experimente, z. B. bei Mengeles Versuchen an Zwillingspaaren?

„Jedes Zwillingspaar, das neu in die Baracke kam, musste als erstes einen detaillierten Fragebogen des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin ausfüllen. […] Diese Formulare enthielten mehrere Dutzend Fragen zum familiären Hindergrund, zum Gesundheitszustand und zu den körperlichen Besonderheiten des Kindes. Es wurde nach Alter, Gewicht, Augen- und Haarfarbe gefragt. Die Bögen wurden nach dem Ausfüllen umgehend nach Berlin geschickt. Wenn wir mit den Fragebögen fertig waren, brachte ich die Zwillinge zu Mengele, der ihnen weitere Fragen stellte“, erinnerte sich Ernö (Zvi Ernst) Spiegel, der zusammen mit seiner Zwillingsschwester Magda aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurde und dort vielen Zwillingen half. Der 29jährige war, so Otto Klein, der zusammen mit seinem Zwillingsbruder Ferenc aus dem ostungarischen Hajdúböszörmény in Auschwitz festgesetzt und an denen Experimente durchgeführt wurden, ein „außergewöhnlich netter und aufrichtiger Mann.“

Fest steht auch, dass eine ganze Reihe von Mengele initiierter und durchgeführter „Sammlungen“ und „Forschungen“ mit denen des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie korrespondierten wie zum Beispiel die Zwillingsexperimente oder das „Sammeln“ von heterochromen Augen von zuvor durch Herzinjektionen getöteten Kindern.

Mengele schickte nach der Tötung seines „wissenschaftlichen Materials“ Blutproben, Augen, Köpfe und andere Körperteile konserviert an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie in Berlin-Dahlem. Auf die Pakete kam der Stempel: „Eilig, kriegswichtiger Inhalt“, so Dr. Miklós Nyiszli, der zusammen mit seiner Frau Margareta und seiner Tocher Zsuzsana im Mai 1944 – aus dem 1940 von Rumänien an Ungarn „abgetretenen“ Viseu de Susi – nach Auschwitz deportiert und dort insbesondere für Mengele arbeiten musste. „Ungezählte solcher Pakete expedierte ich während meines Aufenthaltes im Krematorium nach Berlin-Dahlem, auf die ausführliche Antworten mit wissenschaftlichen Meinungen oder Anweisungen eingingen. Zwecks Bewahrung dieses Schriftwechsels erstellte ich ein gesondertes Dossier. Für die übersandten seltenen Materialien sprach das Institut Dr. Mengele fast immer seinen tiefsten Dank aus.“ Mengeles Lieferungen wurden am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie ausgewertet.



Im Buch ist ein Aquarell des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Franz Reisz abgedruckt, das er nach seiner Befreiung 1945 in Paris schuf, auf dem eine Unmenge von Kinderwagen zu sehen ist. Es trägt die Bildunterschrift: „Transport der leeren Kinderwagen zum Bahnhof aus dem Effektenlager.“ Was passierte mit diesen Kinderwagen?

Mütter mit Babys oder kleinen Kindern hatten diese in den Zwangstransporten oft noch im Kinderwagen mitnehmen dürfen. Nach ihrer Ermordung kamen diese zunächst ins „Effektenlager“, von den Häftlingen wurden diese Magazine auch Kanada genannt. Die Kinderwagen wurden von Zeit zu Zeit höchstwahrscheinlich – so wie die anderen geraubten Güter der ermordeten Kinder, Frauen und Männer - ins „Deutsche Reich“ transportiert und dort werdenden deutschen Müttern für ihre Babys überlassenen. Über einen solchen Transport heißt es im „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“ mit Datum vom 25. Juni 1944: „Aus den Magazinen […] werden leere Kinderwagen weggebracht. Sie werden auf dem Weg, der von den Krematorien zum Bahnhof führt, in Reihen zu je fünf Wagen geschoben; der Abtransport dauert über eine Stunde.“

Die polnische Schauspielerin Maria Zabrebinska-Broniewska (Häftlingsnummer 44739), die zwei Jahre in Auschwitz und anderen Lagern eingesperrt war, bekam einen der Kinderwagentransporte mit. Bald nach dem Krieg hat sie das in einem Bericht festgehalten: „Im ersten Augenblick versuchte ich noch, die Reihen zu zählen, aber bald merkte ich, dass es sich um eine unübersehbare Menge handelte, die ich zahlenmäßig gar nicht so schnell erfassen konnte. Weiße, elfenbeinfarbene, dunkelblaue, hellgrüne, größere und kleinere Wagen defilierten vor meinen Augen, und in jedem dieser Wagen hatte ja noch kurz vorher ein rosiges, gesundes Baby gelegen, die Zukunft und das Glück seiner Eltern […]. Diese leeren Kinderwagen waren gewiss für irgendwelche modernen Kinderheime, für die Kinder ‚der auserwählten Rasse’ bestimmt.“

Auch Orli Reichert, die mit dem ersten Frauentransport aus dem Konzentrationslager Ravensbrück am 26. März 1942 nach Auschwitz gebracht worden war, wurde Zeugin einer dieser „Kinderwagenparaden“. In ihrem gleichnamigen nachgelassenen literarischen Text heißt es: „Es war einmal eine schier endlose Reihe von Kinderwagen, die fuhren eine Straße entlang, die zu einem Bahnhof führte. Sie nahmen die ganze Breite der Straße ein. Es fuhren immer fünf Wagen nebeneinander. Eine kurze Zeit vorher hatten diese Wagen schon einmal diese Straße passiert, allerdings in entgegengesetzter Richtung. Sie waren vom Bahnhof gekommen. Damals waren sie vorsichtig und behutsam geschoben worden. In ihnen war beglückendes Leben gewesen. Beinchen hatten gestrampelt, erstaunte Kinderaugen hatten geguckt. Däumchen waren in den Mund gesteckt, und lächelnde Kinderaugen hatten von seligen, unbeschwerten Kinderträumen erzählt. Eine weite Reise hatten diese Kinderwagen gemacht. Von vielen Ländern konnten sie berichten. Da waren Wagen aus Paris, Budapest, Brüssel, Prag, Wien, Belgrad. Und nun fuhren sie wieder die Straße zum Bahnhof zurück. Leer waren sie und anstatt der behutsam schiebenden Mütter gingen Männer in Uniform hinter ihnen. Ungeschickt und mürrisch schoben sie die Wagen. Ein seltsames Bild. Eine endlose Reihe leerer Kinderwagen, und die Männer, welche sie schoben, waren die Mörder der Kinder und ihrer Mütter.“

Bis Februar 1943 waren aus den Vernichtungslagern Auschwitz und Majdanek schon 824 Eisenbahnwaggons allein mit geraubten Textilien und Ledererzeugnissen verschickt worden. Und im Zeitraum 1. Dezember 1944 bis 15. Januar 1945 wurden 99.922 Stück Kleidung sowie Wäsche für Kinder, 192.652 für Frauen und 222.269 für Männer nach Deutschland versandt.


Yehuda Bacon mit einem Freund um 1941 in Ostrava
Yehuda Bacon mit einem Freund um 1941 in Ostrava Copyright Alwin Meyer

Wie sehen die „Kinder von Auschwitz“ Deutschland, wie die „Täter“?

Für die Frauen und Männer, die Auschwitz als Kinder überlebt haben, ist das Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen schwierig geblieben. In den ersten Jahren nach ihrer Befreiung waren alle außer sich, voller Wut und Zorn über das, was ihnen und ihren Familien von Deutschen zugefügt worden war. Sie fürchteten und hassten die Deutschen zugleich.

Zum Beispiel Yehuda Bacon wollte keinerlei Kontakt mehr zu Deutschen. Schon in Auschwitz-Birkenau hatten er und andere Kinder und Jugendliche sich gefragt: „Was wird aus uns, wenn wir überleben? Die Deutschen, alle Deutschen, die waren für uns wie die SS, die Mörder.“ Sie wollten Rache nehmen. Die Kinder malten sich aus: „Nach dem Krieg bauen wir eine große Mauer und lassen dahinter alle Deutschen verhungern.“

Als Yehuda Bacon 1945 als Fünfzehnjähriger in seine tschechische Heimatstadt Ostrava zurückkam, sah er eine Gruppe deutscher Kriegsgefangener, die Schnee schaufeln mussten. Er erinnerte sich: „Mein Vater hatte, gezwungen von den Deutschen, während der Besatzung das Gleiche tun müssen.“ Und er hatte „diese tiefe Demütigung“ mit ansehen müssen. „Zunächst wollte ich den erstbesten Kriegsgefangenen mit einem Stein erschlagen.“ Aber der Junge machte es nicht. In diesem Augenblick „schoss“ ihm durch den Kopf: „Warum soll ich ihn prügeln? Ich kenne den Mann doch gar nicht! Ich weiß doch gar nicht, ob er etwas verbrochen hat!“

Gábor Hirsch ist seit 1957 oft nach Deutschland gereist. Unmittelbar nach der Befreiung wäre das „unmöglich“ gewesen. „Auch mir machten vereinzelt Hass- und Rachephantasien zu schaffen.“ Er nahm sich vor, „nie mehr“ deutsche Waren zu kaufen. Im Laufe der Zeit änderte sich das. Sein Interesse für Funktechnik war mit dafür verantwortlich. „Die Fachliteratur in Deutsch war ziemlich gut.“ Er fing an die Zeitschrift „Radio Mentor“, die in Berlin verlegt wurde, zu lesen. Das änderte manches.

Noch Jahrzehnte nach der Befreiung sah Eduard Kornfeld „in jedem Deutschen“, der ein paar Jahre älter als er war, „einen Mörder“. Später habe er bei jedem deutschen Jugendlichen, den er sah oder traf, gedacht: „Sein Vater ist ein Mörder oder der stammt von einem Massenmörder ab.“ Heute fragt er sich: „War sein Großvater an den Morden beteiligt?’“ Auf junge Deutsche „verspürt“ er „keinen Hass mehr“. „Sie sind nicht verantwortlich für die Morde ihrer Vorfahren.“ Eduard Kornfeld vermeidet nach wie vor, „wenn es geht“, den Kontakt mit Deutschen. Auch hält er sich „noch immer nicht gerne“ in Deutschland auf.

Dagmar Lieblová, die aus dem tschechischen Kutná Hora über Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt worden war, begann fünf Jahre nach ihrer Befreiung ein Germanistik- und Tschechisch Studium. Auf die Frage „Warum ausgerechnet Deutsch?“ antwortete sie: „Sofort nach dem Krieg habe ich natürlich nicht die deutsche Sprache gesprochen. Ich habe sie damals auch nicht so gut gekonnt. Aber schon der Beginn des Studiums hat mir gut gefallen. Wir hatten sehr gute Dozenten und Professoren. Mir hat das Studium Spaß gemacht. Auch war es interessant, zu beobachten, wie es in Deutschland weitergeht. Und natürlich kann ich nicht alles auseinander halten. Ja, damals in Auschwitz und Hamburg wurde deutsch gesprochen. Aber die deutsche Sprache kann doch nichts dafür.“

Vera Grossmann sagte mir einmal vor vielen Jahren zu den Tätern: „Müsste man nicht mit diesen Menschen Mitleid haben, die sich selbst so degradierten und zu Barbaren wurden?“ Und Gábor Hirsch meinte: „Ich wüsste nicht, wie ich als einer der Täter hätte weiter leben können. Ich bin froh, dass ich das Opfer und nicht der Täter bin.“


Herr Meyer wir danken Ihnen.

Vita: Alwin Meyer


Der Filmemacher und Autor Alwin Meyer, Jahrgang 1950, begann 1972 mit der weltweiten Spurensuche nach den Kindern von Auschwitz. In vielen Ländern führte er Gespräche mit Menschen, die bei ihrer Befreiung oft noch Kinder waren. Er hörte zu, fragte nach, kam wieder, fotografierte und filmte - getragen von dem Vertrauen derer, die ihm gegenübersaßen. 1990 erschien sein erstes Buch über die Kinder von Auschwitz. Einige Jahre später wurde seine gleichnamige einstündige Dokumentation unter anderem im deutschen, polnischen und tschechischen Fernsehen ausgestrahlt. Alwin Meyer ist Autor mehrerer Bücher, Ausstellungen und Dokumentarfilme. 1982 wurde er ausgezeichnet mit dem Preis „Das politische Buch des Jahres“ für den Band „Unsere Stunde, die wird kommen – Rechtsextremismus unter Jugendlichen“.2015


Geschrieben von Renate Müller De Paoli
Sonntag, 3. Mai 2015

Die Kinder von Auschwitz


Interview mit Alwin Meyer