Wilhelm Busch zum 100ten Todesjahr

Dr. Hans Joachim Neyer
Dr. Hans Joachim Neyer

Wilhelm Busch zum 100ten Todesjahr
Interview mit Dr. H. J. Neyer - Direktor des Wilhelm-Busch-Museums Hannover

Dr. Hans Joachim Neyer, geboren am 23.4. 1947 in Ibbenbüren/Westfalen, studierte Sprachen, Geschichte und Philosophie. Nach seiner Promotion 1983 war er u.a. Projektleiter der Ausstellung „Absolut modern sein - culture technique in Frankreich 1889 - 1937“ bei der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Berlin (Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Berlin 20.3.-8.5.1986) und „1789 - 1989 Zweihundert Jahre Französische Revolution“ bei den Freunden der Staatlichen Kunsthalle Berlin (Ausstellung 20.4. - 28.5.1989). Von 1986 bis Ende 1993 war er für die allgemeine Ausstellungsplanung und - organisation sowie für die Öffentlichkeitsarbeit beim Werkbund-Archiv Berlin verantwortlich. Seit Januar 1994 ist er Direktor des Wilhelm-Busch-Museums, Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik und Geschäftsführer der Wilhelm-Busch-Gesellschaft Hannover e.V.
Dr. Neyer ist seit Beginn des Jahres 2005 Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrats und seit Juni 2008 Honorarprofessor der Hochschule der Bildenden Künste Braunschweig.
Renate Müller De Paoli führte das Interview mit Doktor Hans Joachim Neyer für Convivio mundi e. V.:

CM: Herr Doktor Neyer, im Archiv der oberpfälzischen Stadt Sulzbach-Rosenberg sind neue Zeichnungen von Wilhelm Busch gefunden worden: „Der Kuchenteig“ - eine große Sensation im 100ten Todesjahr! Handelt es sich um eine neue Bildergeschichte? Welche Verbindung hatte Busch nach Sulzbach-Rosenberg?

Dr. Neyer: Die entdeckte Geschichte aus 10 Bildern gehört in die Zeit der Erarbeitung von Max und Moritz, konkret hat Busch bereits den Bäckerstreich vor Augen. Mit Sulzbach hat Busch nichts zu tun, wohl aber mit der Firma Seiler, die Kalender druckte und die in diesem Jahr 2008 ihr Firmenjubiläum feiert. Bei der Durchsicht des Firmenarchivs in Sulzbach stieß man auf den Umschlag mit der Aufschrift "unverlangt". Den Umschlag hatte Busch wahrscheinlich in München übergeben, wo die Firma auch vertreten war.

CM: Im Busch-Museum läuft zur Zeit die Ausstellung „Wilhelm. Busch erotisch, komisch, gnadenlos“. Wieso haben Sie diesen Titel ausgerechnet im 100ten Todesjahr gewählt?

Dr. Neyer: Der Tod ist die Zusammenfassung des Lebens. Als erste Ausstellung zum 175. Geburtstag zeigten wir die Ausstellung "Herzenspein und Nasenschmerz. Karikaturen und Comic im Wilhelm-Busch-Museum." Es ging um die Geschichte der Karikatur und um den Platz, den Busch innerhalb dieser Geschichte innehat. Die Karikatur gibt es seit 1600 und Wilhelm Busch kommt auf halber Strecke bis heute gerechnet hinzu. Was hat er selbst von anderen geerbt, was gibt er an Nachfolgende weiter. Danach folgte die Ausstellung "Pessimist mit Schmetterling. Wilhelm Busch: Maler, Zeichner, Dichter, Denker". Wie der Titel verspricht: Eine Gesamtdarstellung. Und jetzt eben: "Wilhelm Busch - erotisch, komisch, gnadenlos". Bei dieser Ausstellung geht es auch um persönliche Fragen an Wilhelm Busch. Z.B. Viele seiner Geschichten enden grausam! "War Busch selbst ein Sadist?" Busch war nicht verheiratet: "Wie hielt er es mit den Frauen?" Diese Ausstellung läuft noch im Wilhelm-Busch-Museum bis zum 9. November 2008

CM: Komisch und gnadenlos kann sicher jeder, der Busch ein bisschen kennt, nachvollziehen, aber erotisch?

Dr. Neyer: Warum nicht erotisch? Schauen Sie die Bilder an: Warum steht die fromme Helene auf Zehenspitzen, während sie durch das Schlüsselloch ihren Vetter Franz bei der Morgentoilette beobachtet? Damit der Leser den Anblick ihres schönen Gesäßes besser genießen kann! Falsch: Das gilt für den heutigen Mann. Der Leser von 1870 schaute auf - die Wade!! So gibt es noch viele erotische Pikanterien im Werk von Wilhelm Busch. Oder meinten Sie Wilhelm Busch selbst? Trauen Sie ihm keine sexuellen Bedürfnisse zu? Wie auch immer: Wir wissen davon nichts! Punktum!

CM: Busch hat ja nie geheiratet. Er sagt, glaube ich in seiner kurzen Autobiographie, als ich heiraten wollte, hatte ich kein Geld... Ist das der einzige Grund?

Dr. Neyer: Wie auch immer: Wir wissen davon nichts! Und ein Nachsatz: Seine übergroße Popularität verpflichtet Busch nicht, seine eigene Seele preiszugeben. Würden Sie ja auch nicht tun. Und Sex ist heute doch Privatsache - außer in Gala und Sex and the City: Aber das ist Werbung und Kommerz. Also eh gelogen.

CM: In dieser Autobiographie „Von mir über mich“ drängt sich einem das Gefühl auf, besonders nach seinem Aufenthalt in Antwerpen, er bedauert, nicht gewagt zu haben, „Mein Brot mit Malen zu verdienen!“.

Dr. Neyer: So wie er malen wollte, hätte er wohl kein Geld verdient. Dann kam das Angebot von Braun dazwischen und er hat 25 Jahre Bildergeschichten gezeichnet und nicht schlecht verdient. Mit 52 Jahren ist er dann in der Malerei seinen eigenen Weg gegangen, in dem das beste der Holländer "aufgehoben" ist.

CM: Wie würden Sie Buschs Einfluss auf Karikaturisten, die ihm folgten, einschätzen?

Dr. Neyer: Die amerikanischen Comics um 1900 sind ohne Busch so nicht zu denken. Heutige Zeichner verehren Busch als ihren Meister. Zuletzt gehört von Franziska Becker, die letzten Sonntag Ihre Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum eröffnet hat.

CM: 2008, das 100te Todesjahr, Herr Doktor Neyer, wie wird Busch heute gesehen, wird er gelesen? Finden junge Menschen Zugang zu Busch oder beschränkt es sich auf seine Freundes-Kreise?

Dr. Neyer: Der schwarze Humor von Busch ist hochmodern. Siehe das Schlussbild in der Geschichte "Zwei Diebe" (HKG I, Sp. 194). Allein der mediale Träger ist veraltet. Wer schaut heute noch stehende Bilder an, wenn er erwachsen wird. Man müsste Busch digitalisieren.

CM: Herr Doktor Neyer wir danken Ihnen.

Wichtige Veröffentlichungen von Dr. Hans Joachim Neyer zu Wilhelm Busch sind:

Herzenspein und Nasenschmerz. Karikaturen und Comics im Wilhelm-Busch-Museum, Hannover 2006

Böse, falsch und hässlich: komische Helden aus Deutschland Buschs Einfluss auf den amerikanischen Comic In: Pessimist mit Schmetterling. Wilhelm Busch – Maler, Zeichner, Dichter, Denker, hg. von der Wilhelm-Busch-Gesellschaft e.V. Hannover

„Kein Ding sieht so aus, wie es ist. Am wenigsten der Mensch…“. Wilhelm Busch, seine Bildergeschichten und der amerikanische Comic In: Wilhelm Busch. Das Comic-Album. Seine schönsten Bildergeschichten und wie Max und Moritz Amerika eroberten, hg. von der Madsack Supplement GmbH in Zusammenarbeit mit Hans Joachim Neyer, Hannover 2007



Geschrieben von Renate Müller-DePaoli
Montag, 16. Juni 2008