Leibniz für Kinder

Dr. A. von Boetticher und Dr. A. Antoine
Dr. A. von Boetticher und Dr. A. Antoine

„Leibniz für Kinder“ heißt der Titel eines Buches, das zur Frankfurter Buchmesse erscheinen wird. Wer Schriften des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz kennt, wird sich wahrscheinlich fragen, wie die Komplexität und Vielschichtigkeit dieses Denkers Kindern nahegebracht werden kann. Eine Gemeinsamkeit zwischen Leibniz und Kindern ist offensichtlich. Leibniz hat Zeit seines Lebens nach dem „zureichenden Grund“ gefragt, nach dem „Warum“! Er hat versucht, Antworten zu finden und „nie aufgegeben, auch wenn sich viele seiner Ideen nicht richtig umsetzen ließen“. Er suchte immer Theorie und Praxis zu verbinden. So bahnte er den Weg für viele Entwicklungen: Jeder benutzt inzwischen einen Taschenrechner, dessen Vorläufer die Leibniz’sche Rechenmaschine ist. Ebenso ist die heutige Welt ohne Computer nicht mehr denkbar, auch für diese Entwicklung hat Leibniz das Fundament durch sein binäres Zahlensystem gelegt. Anreiz genug für die beiden Buchautorinnen Doktor Annette Antoine und Doktor Annette von Boetticher „Leibniz für Kinder“ zu schreiben.

Über Inhalt und Beweggründe befragte Renate Müller De Paoli für Convivio mundi e.V. Doktor Annette Antoine:

CM: Frau Doktor Antoine, Sie haben zusammen mit Frau Doktor von Boetticher ein interessantes Buchprojekt begonnen: “Leibniz für Kinder”. Welche Altersgruppe wollen Sie ansprechen?


Dr. Antoine: Wir wollen in der Tat, wie der Titel schon sagt, in erster Linie Kinder ansprechen und haben uns deshalb auf die Altersempfehlung „Ab 10 Jahre“ verständigt. In diesem Alter ist ein gewisses Grundverständnis für abstraktes Denken, wie es die Philosophie und die geschichtliche Einordnung der Person Leibniz erfordert, bereits gegeben. Zudem ist diese Altersgruppe bekannt für ihre große Neugierde und Offenheit gegenüber Fragen wie z. B. „Warum gibt es das Böse auf der Welt?“ oder „Gab es wirklich Einhörner und Riesen?“ – Fragen, die Leibniz Zeit seines Lebens interessiert haben. Nach oben lassen wir die Grenze offen, aber vermutlich sind Jugendliche ab 14 Jahren wieder anders anzusprechen, auch mit einem anderen Illustrationsstil. Wir freuen uns aber auch über jeden neugierigen Erwachsenen, der sich nebenbei über unser Buch mit Leibniz beschäftigen will.

CM: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen großen Universalgelehrten Kindern nahezubringen? Wie beginnen Sie ein solches Projekt? Sitzen Sie Wochen im Leibniz-Archiv und recherchieren? Wie läuft das, zumal Sie ja zu zweit an dem Buch schreiben?

Dr. Antoine: Die Idee entstand im Zusammenhang mit unserem letzten Buch: „Leibniz-Zitate“. Schon dort wollten wir einem breiteren Publikum den Zugang zu Leibniz erleichtern, indem wir ihn mit Kernaussagen selbst zu Wort kommen ließen. Nach dem positiven Echo suchten wir nach weiteren Möglichkeiten, Leibniz „unters Volk“ zu bringen. Die Idee, dass dieser äußerst vielseitige und wissbegierige Mann, der nicht nur ein bedeutender Denker war, sondern auch viele praktische Dinge erfunden hat, gerade auch Kinder ansprechen könnte, lag dabei nahe. Ausschlaggebend war die Lektüre des Buches von Salomo Friedländer: „Kant für Kinder“, das bereits 1924 in erster Auflage und als Reprint im Jahre 2004 vom Georg Olms Verlag in Hildesheim neu aufgelegt wurde. Dieses Buch richtet sich zwar, anders als der Titel vermuten lässt, eher an junge Erwachsene, aber es brachte uns auf den Gedanken, „Leibniz für Kinder“ in einer zeitgemäßen Form darzustellen. Erfreulicherweise zeigte sich der Georg Olms Verlag auch gleich interessiert an unserem Projekt und wird das Buch in seiner Reihe Olms junior herausbringen. Zum praktischen Verlauf des Buch-Schreibens: Wie man so etwas zu zweit macht, haben wir ja bereits bei unseren „Leibniz-Zitaten“ erfahren können. Nach Erstellen der Gliederung und der Einigung auf einen erzählenden Stil hat sich jede „ihre“ Kapitel herausgesucht und in Eigenregie verfasst. Wir sind besonders stolz darauf, dass man kaum stilistische Unterschiede bemerkt - selbst unsere Lektorin hat die Kapitel nicht eindeutig jeweils einer bestimmten Autorin zuordnen können. Es war unser Ziel, zu einem runden Ganzen zu finden. Selbstverständlich standen wir fast jeden Tag zumindest in Mailkontakt, haben uns Texte oder Infos zum Lesen zugeschickt, uns abgestimmt, Geschriebenes kommentiert etc.. So ein Projekt erfordert schon eine besonders intensive und vertrauensvolle Form der Zusammenarbeit, aber ich kann sagen, die hatten und haben wir auch.

CM: Meinen Sie nicht, dass in der heutigen Zeit das Interesse an Computern, Handys etc. größer ist als an Leibniz? Sicher, Leibniz ist als Vater des Computers zu sehen, aber wie erklären Sie z.B. einem 10jährigen das Leibniz’sche binäre Zahlensystem?

Dr. Antoine: Da haben Sie gleich die schwierigste Frage aufgegriffen! Die Mathekapitel, also auch die Infinitesimalrechnung, mussten rein ins Buch, das gehört einfach zu sehr zu Leibniz dazu. Das binäre Zahlensystem ist allerdings nur für wahre Mathefüchse zu knacken - das ist eben so, und man kann es im Prinzip auch nicht vereinfachen. In der Schule ist es Oberstufenstoff, und das nicht ohne Grund. Wir haben das Problem so gelöst: Leibniz hat mit der Aufstellung seines Systems einen gewissen Gedanken verfolgt, und zwar wollte er anhand der binären Zahlen 0 und 1 die Vollkommenheit von Gottes Schöpfung demonstrieren (0 steht dabei für Nichts und 1 für Alles). Diesen Gedanken haben wir versucht, nachvollziehbar zu machen - er ist ein Beleg dafür, wie Leibniz „getickt“ hat, um es mal so auszudrücken. Der Lösungsweg zur Errechnung der binären Zahlen ist zusätzlich in einem Erklärungskasten angeboten, damit diejenigen, die sich für so etwas interessieren oder auch schon älter sind, dies nachvollziehen können. Für das Verständnis des Kapitels ist es nicht zwingend erforderlich. Aber natürlich fehlt auch der Hinweis auf den Computer nicht bzw. das wird in einem Extrakapitel erläutert. Um die Bodenhaftung, also den Kontakt zur Zielgruppe in diesen anspruchsvollen Kapiteln nicht zu verlieren, haben wir sie dann auch von einer Mathematiklehrerin gegenlesen lassen. Neben den mathematischen Themen war die Leibniz’sche Monadenlehre noch eine besondere Herausforderung. Wie stellt man diese Monaden, die man nicht sieht, die keine vorstellbare Form haben und dennoch so viel bewirken, für Kinder dar? Wir hoffen, dass uns dies mit Unterstützung der Illustrationen von Beate Becker in anschaulicher Weise gelungen ist. Zu Ihrer ersten Frage: Sicher interessieren sich heute viele Kinder und Jugendliche für die neuen Medien, für Internet, Handys, MP3-Player und ähnliches. Ich sehe das bereits an meinem siebenjährigen Sohn. Das ist auch gut so, denn es gehört zur heutigen Zeit einfach dazu. Aber wir denken, man muss Kindern auch zeigen, was die Menschen früher bewegt hat, was es damals alles auf dem „Markt der Möglichkeiten“ gab, um diesen Kirchentagsbegriff einmal aufzugreifen - an Gedanken, an Lebensweisen oder auch an tollen neuen Gegenständen, die damals alle haben wollten (beispielsweise eine prächtige, hochmoderne Perücke). So lässt sich manches viel besser nachvollziehen und wir erkennen, dass heutige Erfindungen nicht unbedingt vom Himmel gefallen sind, sondern auf einer langen Entwicklungskette beruhen - eben weil Menschen schon immer Antworten auf ähnliche Fragen oder technische Visionen gesucht haben. Das bringt uns die Vergangenheit näher, sie wird be-greifbarer - und damit auch unser Platz in der Geschichte. Dieser Gedanke wird im Übrigen nicht nur von unserem „Leibniz für Kinder“ verfolgt - es gibt heutzutage eine ganze Fülle von Literatur, die Kindern Leben und Werk bedeutender Menschen unserer Kulturgeschichte vermitteln wollen. Und die Entwicklung des Computers ist ja in der Tat ohne Leibniz’ Vorarbeit so nicht denkbar!

CM: Für welche Leibniz’schen Erfindungen versuchen Sie das Interesse und die Neugierde zu wecken?


Dr. Antoine: Wir haben natürlich eine seiner größten Erfindungen im Programm, die Rechenmaschine, die als Vorläufer des Taschenrechners gelten kann. Seine Windmühlen im Harz haben zwar nie richtig funktioniert, aber an ihnen kann man einen wesentlichen Charakterzug von Leibniz wunderbar demonstrieren: Er hat nie aufgegeben, auch wenn sich viele seiner Ideen nicht richtig umsetzen ließen - oft stand ihm einfach noch nicht das passende Material zur Verfügung oder die Handwerker seiner Zeit hatten noch nicht die technischen Möglichkeiten wie heute. Und trotzdem ist der Gedanke, der dahinter steht, hochaktuell: nämlich die Nutzung der kreislaufmäßigen Wasser- und Windenergie. Bei späteren Nachbauten haben sich viele seiner Erfindungen dann richtig realisieren lassen. Einige kuriose Dinge werden auch erwähnt. Wussten Sie beispielsweise, dass Leibniz den Vorläufer des Dübels erfunden hat? Oder über einen Schuh mit Sprungfedern nachgedacht hat, zum schnelleren Vorwärtskommen? Wer sich für Erfindungen aller Art interessiert, müsste eigentlich in unserem Buch fündig werden - da ist für jeden Geschmack etwas dabei.

CM: Vorstellen könnte ich mir, dass ein junger Mensch gerade im Zuge der Globalisierung Leibniz’ Gerechtigkeitsgedanken und seine Idee einer universellen Weltharmonie gut nachvollziehen kann, dass er in Leibniz seine eigenen Ideen und Ideale findet und Leibniz gewissermaßen als eine Art “Verbündeten” betrachtet. Oder berühren Sie diese Tiefen des Leibniz’schen Denkens in dem Buch nicht?

Dr. Antoine: Doch - genau damit schließt unser Buch, das ist sozusagen Leibniz’ Vermächtnis für die heutigen Generationen. Unserer Meinung nach ist die Frage „Was bleibt von Leibniz?“ weniger mit der Aufzählung seiner bis heute nachwirkenden Erfindungen zu beantworten, sondern mit einer Verdeutlichung seiner Haltung, an die Welt heranzugehen - mit Offenheit, Respekt und Wertschätzung anderen Kulturen gegenüber und mit dem Bewusstsein, dass alles, ob Mensch oder Idee, miteinander in Zusammenhängen steht. Im Sinne von Leibniz’ Universalismus nach Lösungen für Probleme der Globalisierung wie Ungerechtigkeit oder Gewalt zu suchen, kann Impuls und Ausgangspunkt für die Bürger von morgen werden.

CM: Wie viel Persönliches erfahren die Kinder über diesen Denker? Meinen Sie, dass Sie Leibniz einen Platz auf der “Hitliste” der Idole sichern können?

Dr. Antoine: Um Leibniz’ Gedankenwelt an Kinder zu vermitteln, muss die Person für sie fassbar werden. Sonst bleibt das Ganze allein wegen der zeitlichen Distanz entrückt. So schildern wir auch Leibniz als Jungen, wir zeigen, wie es im Hannover des 17. Jahrhunderts aussah, was Leibniz gerne aß und wie er aussah, welchen Beruf er hatte und wen er besonders mochte. Vieles ist dabei anders, als es heute ist, aber manches kommt einem auch ganz vertraut vor. Und auch Leibniz’ familiäre Einbindung wird mit Hilfe eines Stammbaumes verdeutlicht. Uns ging es gerade auch darum, Verbindungslinien zwischen den Kindern und dem Menschen Leibniz zu ziehen - ein Argument, „Leibniz für Kinder“ zu schreiben, lag in seiner Persönlichkeit, wie Kinder an allem interessiert zu sein, alles auszuprobieren. Dabei ist ihm auch vieles misslungen, er war kein strahlender Held. Aber er ließ sich nie entmutigen und er hat immer zum Besten des Allgemeinwohls gehandelt. Ob das ausreicht, aus ihm ein Idol zu machen, ist schwer zu beantworten - aber vielleicht ist es, wie in der letzten Antwort bereits genannt, ein hörbarer Impuls im Konzert der vielen Stimmen, die heute auf Kinder wie auf Erwachsene von allen Seiten niedergehen.

CM: Wann wird Ihr Buch “Leibniz für Kinder” in den Buchhandel kommen?

Dr. Antoine: Zur Frankfurter Buchmesse soll es fertig sein, also Mitte/Ende Oktober 2008. Offiziell vorgestellt wird es dann am 3. November 2008 in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover.

CM: Können Sie sich vorstellen, dass es auch im Schulunterricht eingesetzt wird?

Dr. Antoine: Das können wir in der Tat, auch wenn wir es so konzipiert haben, dass Kinder es alleine lesen können, vielleicht mit Unterstützung eines Erwachsenen. Zur Zeit arbeiten wir an Begleitmaterial, das den Einsatz des Buches im Rahmen von Schulprojekten unterstützen soll. Dabei ist im Übrigen an einen interdisziplinären Einsatz gedacht - ganz im Sinne des Universalgelehrten als Philosoph, Mathematiker, Erfinder, Jurist, Historiker, Sprachwissenschaftler, Techniker, Naturwissenschaftler, Politiker, Wissenschaftsorganisator…

CM: Frau Doktor Antoine wir danken Ihnen.

Vita

Annette Antoine wurde 1968 in Bonn geboren. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften und erhielt ihren Doktortitel für eine Untersuchung der Berliner Spätaufklärung. Sie arbeitet als PR-Beraterin, aber ihre Forschungen zum 18. Jahrhundert haben sie nie ganz losgelassen. Dabei stieß sie immer wieder auf Leibniz, und als sie 2003 von Berlin nach Hannover zog, war schnell klar, dass sie sich eingehend mit Hannovers berühmtestem Mann beschäftigen wollte. So kam sie zum Leibniz-Kreis der Neustädter Hof- und Stadtkirche Hannover, seiner Begräbniskirche, und lernte dort Annette von Boetticher kennen. Die beiden schrieben gemeinsam zunächst das Buch „Leibniz-Zitate“ und dann „Leibniz für Kinder“. Annette Antoine ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 1 bis 7 Jahren.

Annette von Boetticher wurde 1955 in Halle/Saale geboren. Sie studierte Geschichte, Anglistik, Historische Hilfswissenschaften und Philosophie und schrieb ihre Doktorarbeit über den Zisterzienserorden im Mittelalter. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Niedersächsischen Institut für Historische Regionalforschung und Lehrbeauftragte an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover. Sie ist ehrenamtlich in der Gemeinde der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover tätig, wo Leibniz begraben liegt. Zum Thema Leibniz arbeitet sie zusammen mit Annette Antoine an verschiedenen Projekten. Annette von Boetticher lebt seit 1982 in Hannover, sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.



Geschrieben von Renate Müller-DePaoli
Montag, 18. August 2008