Interview mit Gisela Zoch-Westphal

Gisela Zoch-Westphal
Gisela Zoch-Westphal

Mascha Kaléko zu Ehren

Die Schauspielerin Gisela Zoch-Westphal las am 29. November im Literaturhaus Berlin-Charlottenburg „Mascha Kaléko“.

Die jüdische Lyrikerin feierte am 7. Juni ihren 100. Geburtstag.

Mascha Kaléko und Gisela Zoch-Westphal verband eine enge Freundschaft. Kurz vor ihrem Tod im Januar 1975 übertrug Mascha Kaléko die Verantwortung für ihr Werk der Schauspielerin und Schriftstellerin. Mit unglaublichem Einsatz hat sich Gisela Zoch-Westphal seitdem um das Werk der Dichterin bemüht und zahlreiche Bände mit Texten von Mascha Kaléko, darunter viele unveröffentlichte aus dem Nachlass, herausgegeben.

In Berlin führte Renate Müller De Paoli für Convivio mundi am 30. November, einen Tag nach der Lesung, das folgende Gespräch:

CM: Frau Zoch-Westphal, sie haben gestern hier im Berliner Literaturhaus zum 100. Geburtstag von Mascha Kaléko eine beeindruckende Lesung gegeben. Dabei haben Sie einige Original-Tonbandaufnahmen von Mascha Kaléko vorgespielt. Aus welcher Zeit stammen diese Aufnahmen?

Zoch-Westphal: Das ist ganz schwer zu orten. Da bin ich auch überfragt. Ein Teil stammt aus der ersten Deutschlandreise, die sie 1956 angetreten hat und dann ein Jahr geblieben ist. Ich habe schon 1975 im Auftrag vom Südwestfunk eine Soiree gestaltet und zwar in einer Länge von zwei Stunden und vierzig Minuten. Dafür habe ich zum ersten Mal Originalaufnahmen von Mascha Kaléko suchen lassen, aber die Unterlagen hat der Südwestfunk. Ich kann Ihre Frage leider nicht genauer beantworten.

CM: Mascha Kaléko hat Sie kurz vor ihrem Tod mit der Verwaltung ihres gesamten Nachlasses betraut? Wie haben Sie Mascha Kaléko kennen gelernt?

Zoch-Westphal: Wir haben uns bei einem Abendessen in Zürich kennen gelernt, wo mein Mann und ich geladen waren, und das zu ihren Ehren stattfinden sollte. Es war eine kleine Runde von zwölf Personen. Es war ihrer literarischen Agentin Ruth Liepman nach langer Zeit gelungen, wieder ein Buch von ihr auf den Markt zu bringen. Bei einem kleinen Schweizer Verlag – dem Walter Verlag – war das Buch „Verse in Dur und Moll“ herausgekommen. Das waren keine neuen Gedichte, sondern eine Anthologie aus dem „Lyrischen Stenogramm“ und den „Versen für Zeitgenossen“. Der Generalkonsul in Zürich kannte Mascha Kaléko persönlich aus der Zeit, als er im diplomatischen Dienst in Israel gewesen war. An diesem Abend habe ich gar nicht mit Mascha Kaléko persönlich gesprochen, sondern nur mit Erstaunen und Neugier zugehört, was die anderen geredet haben – ich war damals die Jüngste in der Runde.

Dann meldete sich wenige Monate darauf Radio Zürich und fragte mich, ob ich einen Vortragsabend mit Mascha Kalékos Gedichten geben könnte. Die waren damals sehr erstaunt, dass ich ihre Gedichte kannte. Sie war eigentlich in Vergessenheit geraten. Mir wurde gesagt, es sei ein Autoren-Abend vorgesehen gewesen, aber Mascha Kaléko sähe sich außerstande, den Abend zu bestreiten. Da war gerade der furchtbare Schicksalsschlag passiert. Ihr 31 jähriger Sohn – ihr einziges Kind – war plötzlich in Amerika gestorben. Und ihr Mann lag todkrank in einem Züricher Hotel.

Sie war anwesend bei diesem Abend. Es war ungeheuer voll - die Leute waren alle wegen Mascha gekommen, nicht meinetwegen. Es gab einen Applaus, der nicht enden wollte. Und anschließend sprach sie dann noch zwei Gedichte: „Interview mit mir selbst“ und die „New Yorker Sonntagskantate“. Dann dankte sie mir und fragte, ob wir noch ein Glas Wein zusammen trinken könnten. Ich konnte nicht und sagte: "Es tut mir so furchtbar leid, aber ich habe kleine Kinder und der Babysitter geht nach Hause." Ich war so traurig, ich dachte, ich sehe sie nie wieder. Aber Mascha Kaléko hat von dem Tage an die Verbindung gehalten; ab und zu kam ein Gruß aus Jerusalem und ein Mal im Jahr kam sie nach Zürich, weil ja auch ihre literarische Agentin dort lebte. Dann haben wir uns immer gesehen. Sie war bei uns zu Hause mit ihrem Mann. Sie besuchte jeden Vortragsabend meines Mannes, wenn sie in Zürich war. So war eigentlich eine starke Verbindung da.

Im Dezember 1973 starb Mascha Kalékos Mann. Auf der Todesanzeige stand das Gedicht „Memento“ mit den Schlußzeilen: „Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, / doch mit dem Tod der andern muß man leben.“ Natürlich schrieb ich auf die Anzeige hin und bekam einen sehr lieben Brief von ihr, der auch in dieser Ausstellung liegt.

Als sie im letzten Lebensjahr aus Berlin von ihrem letzten Vortragsabend zurück nach Zürich kam, sahen wir uns auch einige Male. Doch immer wieder musste sie Verabredungen kurzfristig absagen, weil es ihr so schlecht ging. Das war die Todeskrankheit, die dann mit Riesenschritten voranschritt. Sie machte mich zur Vertrauten ihrer letzten Lebenswochen. Mascha Kaléko wusste, dass sie sterben würde. Sie war eigentlich in froher Erwartung auf den Tod. Das Leben war so schwer geworden nach dem Tod ihres Mannes dreizehn Monate vorher und nach dem Tod des Sohnes, den sie nie verkraftet hat.


CM: Was war das Faszinierendste an Mascha Kaléko?

Zoch-Westphal: Ich würde es gerne mit den Worten von Horst Krüger sagen, die ich auch gestern im Vortrag zitiert habe. Es war die Authentizität ihrer Erscheinung. Der Horst Krüger hat das wunderschön gesagt. Sie war wie ein Gedicht von Mascha Kaléko. Sie war so kongruent mit ihrer Poesie und mit ihrer Ausstrahlung, das war faszinierend. Es war immer eine Melancholie um sie, egal wie pointiert und witzig sie sich ausdrückte. Sie war ja von großer Lebhaftigkeit und einem unglaublichen Charme, der doch immer durchstrahlte, wenn sie nicht gerade in tiefer Melancholie versunken war. Sie war einfach jemand, die einen sofort beeindruckte. Das habe ich sogar in den letzten Wochen im Krankenhaus erlebt, Ärzte und Schwestern haben sie geliebt. Ich lag fünfzehn Jahre später vier Wochen lang in genau diesem Krankenhaus und wurde angesprochen: „Waren Sie nicht mal vor längerer Zeit täglich hier? Sie haben doch damals eine Dichterin betreut.“ Mascha Kaléko war allen unvergesslich geblieben. Das spricht doch Bände.


CM: Warum hat sie so lange gezögert, bis sie aus dem Exil in Amerika nach Deutschland zurückgekehrt ist? Sie hat doch unsäglich unter dem Heimweh gelitten.

Zoch-Westphal: Das lag an dem, was dazwischen lag - der Holocaust. Es sind Angehörige von ihr umgekommen in den Konzentrationslagern - sie hatte gar keinen Mut, zurückzukehren. Das war eine so schwer verletzte Liebe zu diesem Land, da hat sie geglaubt, sie schafft diesen Sprung nicht. Aber durch Alfred Polgar wurde die Verbindung zu Rowohlt wieder hergestellt. Ernst Rowohlt, mit dem sie ja eine enge freundschaftliche Bindung hatte, hat so um sie geworben, dass sie dann nachgegeben hat. So kam sie 1956 zum ersten Mal nach Deutschland.

CM: Wie würden Sie die Verbindung zu Heinrich Heine sehen?

Zoch-Westphal: Das sagt Mascha am besten selber in ihrem Gedicht „Deutschland, ein Kindermärchen“. Wenn Sie aber etwas Faszinierendes darüber lesen wollen, dann besorgen Sie sich bitte die Festschrift über das Symposium in New York, das anlässlich ihres 100. Geburtstages in der New York University im Deutschen Haus stattgefunden hat. Darin lesen Sie einen Vortrag von Andreas Nolte, der sich um Mascha Kaléko in Amerika sehr verdient gemacht hat. Sein Referat ist über Heine und Mascha Kaléko – ganz wunderbar.

CM: Wie hat sie ihre Zeit in Jerusalem gesehen?

Zoch-Westphal: Oh, Jerusalem bedeutete für sie nach dem Exil in den USA die noch schwerere Emigration. Sie war so isoliert, so einsam dort. Sie verstand sehr wenig Hebräisch im Gegensatz zu ihrem Mann, der, so viel ich weiß, die Sprache fließend sprach, weil er in der chassidischen Tradition aufgewachsen war. Sie konnte gerade das Nötigste zum Einkaufen sprechen. Und sie schrieb deutsche Gedichte. Sie hat zwar einige Freunde gehabt, mit denen sie sich englisch unterhalten konnte. Gerade neulich habe ich eine jetzt 85jährige Freundin von Mascha Kaléko kennen gelernt, die sie bereits aus Berlin kannte, als sie selbst noch ein Kind war. Die hatte Mascha in Amerika wieder getroffen und dann in Israel. Also ab und zu gab es freundschaftliche Kontakte.

CM: Ich habe gelesen, dass sie noch kurz vor ihrem Tod mit der Schriftstellerin Ingeborg Drewitz ernsthaft über eine Rückkehr nach Berlin nachgedacht hat?


Zoch-Westphal: Auch mit Horst Kröger, der sie sehr ermutigt hat. Vielleicht hat sie in Gedanken damit gespielt, doch sie hätte keinesfalls die Kraft gehabt. Die praktische Umsetzung wäre undenkbar gewesen.

CM: Wie sieht der Nachlass von Mascha Kaléko aus? Sie haben ja in großer Arbeit dankenswerter Weise schon viel veröffentlichen können. Was existiert noch? Wie viele Briefe gibt es?

Zoch-Westphal: Etwa 1.000 Briefe, die ich noch nicht alle kenne. Denn sie liegen inzwischen in Marbach. Ich hatte zuerst das, was ich in zwei Reisen aus Jerusalem nach Europa geholt habe, ihr Archiv und ihre Unterlagen. Inzwischen ist viel viel mehr zusammengekommen. Das wird im Literaturarchiv in Marbach, wohin ich es schon ziemlich früh gegeben hatte, sehr gut verwaltet. Das ist für mich eine große Entlastung, zu wissen, das der Nachlass dort gut aufgehoben ist. Es ist mittlerweile so viel Positives geschehen, mit dem ich gar nicht rechnen konnte. Sie glauben nicht, wie deprimiert ich war, als Mascha Kaléko mir das alles anvertraute. Ich ging nach Hause und sagte zu meinem Mann: Mascha Kaléko überträgt mir die Verantwortung für ihr Werk! Wie soll ich denn das machen? In kleinen Schritten ist es mir gelungen!

CM: Sehr gelungen!

Zoch-Westphal: Es war eine Chance, dass ich bei deutschen, schweizerischen und österreichischen Sendern als Sprecherin und Schauspielerin gearbeitet habe. Die habe ich ausnahmslos alle angeschrieben und vorgeschlagen, etwas über Mascha Kaléko zu liefern, ein Manuskript für eine Sendung. Ich habe keine einzige Absage gekommen. Ich war so entschlossen, mich mit aller Energie durchzusetzen. Das war gar nicht nötig; die Türen gingen von selber auf. Mascha hatte die Hand im Spiel.

CM: Frau Zoch-Westphal, wie haben Sie den 100. Geburtstag vorbereitet?

Zoch-Westphal: Den 100. Geburtstag von Mascha Kaléko habe ich schon vor zwei Jahren anvisiert. Ich habe Verschiedenes versucht, um diesem Geburtstag etwas Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Meine Idee war, an dem Haus in der Minetta Street No.1 in Greenwich Village in New York eine „Hier wohnte – Tafel“ anzubringen, denn in ihrem Gedicht Minetta-Street spielt sie mit dem Gedanken und eine Zeile heißt: „Wo wird wohl einst die Hier wohnte-Tafel hängen“ und die letzte Zeile heißt: „Ich stimme für Minetta Street“. Es war so, dass sich in diesen achtzehn Jahren dort fast ein Heimatgefühl entwickelt hat. Das waren die glücklichsten Zeiten ihrer Ehe und mit ihrem heranwachsenden Sohn. Ich habe bereits vor zwei Jahren an das deutsche Generalkonsulat geschrieben. Schon nach wenigen Tagen hatte ich einen Brief zurück und der Kulturattaché schrieb: „Ich bin ein Fan von Mascha Kaléko“. Das hatte ich natürlich nicht erwartet. Er wollte gleich zu dem Haus gehen und die Bedingungen erkunden. Im Rahmen der ganzen Vorbereitungen ergab sich die Begegnung mit Andreas Nolte. Er hatte an der University of Vermont Germanistik studiert und sprach mich an, dass er ein Buch über die Sprichwörter in Mascha Kalékos Dichtung unter dem Titel „Mir ist zuweilen so, als ob das Herz in mir zerbrach“ schreibe. Während seiner Arbeit hat er mir unzählige e-mails geschrieben und wir haben einige Male telefoniert. Andreas Nolte fand die Idee der Tafel an ihrem Wohnhaus auch sehr schön und ihm konnte ich dann alles in die Hand geben. Er hat alles bis zur Anbringung der Tafel gemacht, was auch in der Festschrift genau dokumentiert ist. Dann sagte Andreas Nolte „Wir wollen nicht nur eine Tafel anbringen. Ich versuche, ein Symposium in New York auf die Beine zu stellen.“ Und das ist gelungen. Wir haben zwei Tage mit sehr interessanten Referenten verbracht.


CM: Wie ist überhaupt das Wissen über Mascha Kaléko in Amerika?

Zoch-Westphal: Das kann man nicht verallgemeinern. Einige germanistische Fakultäten sind sehr an ihrer Lyrik interessiert. Es gibt eine junge Schauspielerin, die mit Mascha Kaléko-Abenden reist und die schon an verschiedensten Universitäten in Amerika ihr Programm gemacht hat.

CM: In deutscher Sprache oder in englischer Übersetzung?

Zoch-Westphal: In deutscher Sprache.

Mit Übersetzungen ist es sehr schwierig. Es ist Einiges versucht worden.. Es gab eine französische Übersetzung meines Vortragsprogramms, weil ich im Pariser Goethe-Institut vor 20 Jahren einmal einen Abend hatte, der simultan übersetzt wurde. Es war sehr gut übersetzt, aber letztlich trifft man das Typische an Mascha Kaléko-Gedichten nicht. So gab es auch englische Übersetzungen. Es gibt viele Leute, die sich momentan daran versuchen. Das Beste ist von Andreas Nolte. Das werden Sie schon an der einen Strophe auf der Plakette sehen. Es gibt eine italienische Übersetzung von „In meinen Träumen läutet es Sturm“, die von der Universitá di Catania herausgegeben wurde, von einer deutschen Professorin übersetzt. Eine russische Übersetzung gibt es auch.


CM: Und in Israel? Wer kennt dort Mascha Kaléko?

Zoch-Westphal: Kein Mensch! Die haben ganz andere Sorgen und Deutsch spricht kaum jemand. Die Leute, die dort Deutsch sprechen, sind 100 Jahre alt.

CM: Junge Menschen heute finden einen schnellen Zugang zu Mascha Kalékos Gedichten.

Zoch-Westphal: Ich habe am Konservatorium in Zürich 15 Jahre lang eine Dozentur für Sprecherziehung gehabt. Eines Tages hatte ich in einer Zwischenstunde diesen Band „In meinen Träumen läutet es Sturm“ mit den nachgelassenen Gedichten auf dem Tisch liegen, weil ich etwas für einen Vortragsabend memorierte, den ich gab.


Da kam eine Studentin und sagte: „Ach, Sie kennen auch Mascha Kaléko?“

Die hatte nie nachgesehen, wer das Buch herausgegeben hatte und dachte, es sei ein Privileg der Jugend, Mascha Kaléko zu kennen.

CM: Wie erklären Sie sich, dass die Jugend auf ihre Gedichte so reagiert?

Zoch-Westphal: Weil sie so echt sind, weil sie so unverstellt aus dem Leben berichten und jedes Gefühl dort ein Echo findet.

CM: Frau Zoch-Westphal ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.



Bildnachweis:
Das Portraitfoto von Frau Gisela Zoch-Westphal wurde von Frau T.Niemann aufgenommen uns für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.

Geschrieben von Renate Müller de Paoli
Mittwoch, 12. Dezember 2007