Händels "Solomon" - ein erstaunliches Oratorium

Prof. Becker-Voss
Prof. Becker-Voss

Händels "Solomon" - ein erstaunliches Oratorium

Georg Friedrich Händels selten musiziertes Oratorium wurde am 21./22. April in der Marktkirche Hameln aufgeführt. Inspirierend dirigierte Marktkirchenkantor Prof. Becker-Voss Händels Musik mit vielen 8-stimmigen Chorsätzen und Arien. Händel hat in seiner Komposition die Musik selber zum Ausgangspunkt der Reflektion gemacht. Wo findet man sonst eine Musik, die sich selbst zum Thema hat? Und eine arabische Königin kommt zum jüdischen König, um mit ihm über die Bedeutung von Musik und Kultur für den Frieden zu sprechen? Was für eine Perspektive!

Händel komponierte das Oratorium 1748 in nur 2 Monaten. Er hatte das Oratorium wie auch die Oper in Italien kennen gelernt, führte aber das englische Oratorium zu einer besonderen musikalischen, von der Oper unabhängigen Form. Der Librettist des „Solomon“, - englisch für Salomon - ist leider nicht bekannt. Im 1. Buch der Könige im Alten Testament können wir aber ausführlich die Quellen studieren, auf die sich der Librettist bezogen haben muss. Denn die biblische Geschichte erzählt uns von der Blütezeit des alttestamentarischen Volkes Israel mit den Königen Saul, David und dessen Sohn Salomon. Der Librettist lässt allerdings die vielfältigen kriegerischen Auseinandersetzungen und internen Machtkämpfe außer Acht, sicher voraussetzend, dass den Zuhörern zu seinen Lebzeiten die Geschichte aus der Bibel vertraut war, auch dass Salomon nach einer Phase der Weisheit und Tugend am Ende fremden Götzen opferte.

Dafür geht der Text in drei Akten neben vielen Lobpreisungen Solomons verschiedene Stufen menschlicher Beziehungen durch: Die Liebe zwischen Mann und Frau, die Mutterliebe und die Liebe zur Kunst und zur Weisheit – eine Form der Anteilnahme am anderen Menschen, die zum Frieden und zu Gott führt.
Im 1. Akt zeichnet Händel neben zwei gewaltigen Lobpreisungschören, die die Einweihung des Tempels begleiten, die wachsende Liebe zwischen Salomon und seiner ihm aus Staatsräson angetrauten ägyptischen Frau (der 1. Akt enthält allein 9 Arien).
Im 2. Akt zeigt sich der dramatische Aspekt des Oratoriums, als Salomon den Streit zweier Frauen um die Mutterschaft eines Säuglings mit dem Spruch beantwortet, der ihm den Ruhm des weisen Richters eintrug. Salomon befiehlt, das Kind mit dem Schwert zu zerteilen, worauf sich die falsche Mutter durch ihre unterwürfige Einwilligung in dieses Urteil verriet, während die wahre Mutter in einer bewegenden Arie von ihrem Recht auf das Kind zurücktrat, um dessen Leben zu retten: „Take him all – but spare my child“ („Nehmt ihn hin – aber schont mein Kind“). Salomon konnte daraufhin der wahren Mutter das Kind zusprechen, was Volk und Priester zu neuen, in poetischen Bildern sprechenden Lobchören anspornt. Die Mutter singt vom Frieden, der sein sanftes Gefieder über Salomons Reich ausbreiten wird und vergleicht es mit dem Gesang des Hirten, der alle Menschen zu Tränen rührt.
Der dritte Akt beschäftigt sich mit dem Staatsbesuch der Königin von Saba, einem Königreich im Süden der arabischen Halbinsel, der wegen des Reichtums und des florierenden Handels von den Römern „Glückliches Arabien“ genannt wurde. Die Bibel berichtet, dass sie, von der Weisheit und dem kulturellen Reichtum Salomons gehört und die Reise unternommen hat, um die Wunder mit eigenen Augen zu schauen. Im Libretto heißt es freier übersetzt: „Die Königin von Saba hat sich in diese Lande aufgemacht, um von Dir in der himmlischen Musik unterwiesen zu werden.“
der Lage ist. Schon die alten Griechen hatten die Macht der Musik auf das menschliche Gemüt erkannt und gewürdigt... Nachdem im 16. Jahrhundert die heilige Cäcilia zur Schutzpatronin der „Was nun folgt, ist eine Musik über Musik, eine Art klingende Demonstration, wozu die Musik in Musik erhoben worden war, kam es in England gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Mode, zum Cäcilientag Oden oder Kantaten aufzuführen, in denen die Macht der Musik besungen wurde. Händel komponierte in den Jahren 1736 und 1739 zwei Cäcilienoden, und wenn man will, kann die Episode im 3. Akt von „Solomon“ als Händels dritte Cäcilienode bezeichnet werden“ (zit. aus d. Programmheft, Text von Dr. Chr.Gaiser).
Denn Salomon führt der Königin von Saba vier verschiedene Chöre vor, die die vier grundverschiedenen Gemütsstimmungen des Menschen verdeutlichen sollen,
einen betörenden, leidenschaftlichen Chor, einen kriegerischen, aufstachelnden Chor, der ein Schlachtengetümmel besingt, einen verzweifelten Gesang verschmähter Liebe und ein einfaches Friedenslied. Die Königin von Saba ist sehr beeindruckt von dem Geschenk, das Salomon ihr mit der Musik gemacht hat. Statt eines üblichen großangelegten Schlusschors steht der ungewöhnliche, etwas verschmitzt komponierte Satz:
„The name of the wicked shall quickly be past, But the fame of the just shall eternally last“.

(“Der Name der Bösen soll schleunigst vergehn, doch der Ruhm der Gerechten soll ewig bestehen“)

Der Kantor Prof. Becker-Voss bezeichnete interessanterweise die Kompositionsweise des wohl bekanntesten Werks Händels, des „Messias“, als eine Skizze im Vergleich zum fertigen Gemälde, das im Solomon aufzufinden sei.
Natürlich gibt das Werk reichlich Anlass zu weitergehenden musikalischen Betrachtungen.
Hier sei aber noch eine politische Bemerkung erlaubt: Händel könnte sehr wohl den zu seiner Zeit mehrmals zitierten Vergleich zwischen dem Georg II und Salomon gekannt und/oder auch genutzt haben, um in den Lobpreisungen Salomons auch dem Wunsch nach großer Weisheit König Georg II Ausdruck zu verleihen. In gewisser Weise könnte man sehr wohl Händels „Solomon“ als Idealbild für ein funktionierendes Staatswesen auffassen, eine Richtung, die nicht nur Händel für das in Kriege verwickelte England wünschte.
In dieser Hinsicht wäre der Schlusschor herrlich ironisch an den Herrscher gerichtet.
„Die Musikdarbietung beim Staatsbesuch der Königin von Saba im 3. Akt erscheint vor diesem Hintergrund in einem neuen Licht und lässt sich verblüffend gut auf unsere heutige (kultur)politische Situation übertragen: wohl dem Staate, der die Künste pflegt, denn der Ruf dieses Staates wird – bildlich gesprochen – bis ins ferne Saba dringen....“ (zit. aus dem Programmheft, Text von Dr. Chr. Gaiser)



Geschrieben von Birgit Brenner
Freitag, 27. April 2007