Eine Brücke zwischen Sprachen

Dr. Carina Olms
Dr. Carina Olms

Eine Brücke zwischen Sprachen – zweisprachige Sachbücher schaffen eine ganz neue Wertschätzung für die Muttersprache

Worte wie „Pisa“ oder „Integration“ lösen inzwischen in Deutschland bei vielen Bürgern nur noch ein Abwinken oder Schulterzucken aus. Viel ist zwar in den letzten Jahren diskutiert worden, doch spürbare Verbesserungen und Veränderungen lassen auf sich warten.

In Hildesheim geht der Olms-Verlag nun mit seiner bilingualen Sachbuchreihe für den Kindergarten- und Grundschulbereich einen besonderen Weg. Renate Müller De Paoli sprach mit Dr. Carina Olms:

CM: Frau Dr. Olms, in Deutschland wird viel über das Thema „Integration“ diskutiert. In Niedersachsen versucht die Landesregierung unter dem Motto „Die Polizei ist bunt“, verstärkt junge Menschen mit Migrationshintergrund in den Polizeidienst zu holen. Dieses Programm soll auf Schulen, Verwaltung und andere Institutionen ausgeweitet werden. Waren Probleme und auch Fehleinschätzungen im Integrationsprozess Anstoß für Sie, die BiLi-Reihe im Olms-Verlag herauszugeben? Wie kamen Sie auf die Idee diese Reihe von zweisprachigen Sachgeschichten für Kindergarten- und Grundschulkinder zu entwickeln?

Im Grunde spielten von Beginn an zwei Aspekte eine Rolle: Zum einen der enorme Gewinn, den ein erstes Fremdsprachen(kennen)lernen erwiesenermaßen schon im frühen Kindesalter bedeutet, und zum anderen die Frage der sprachlichen Integration von Familien mit Migrationshintergrund. Die Schwierigkeit bestand darin, ein Buchkonzept zu erarbeiten, das sowohl einsprachig aufwachsenden Kindern einen ersten Zugang zu anderen Sprachen bietet als auch zwei- und mehrsprachigen Kindern und deren Familien Gelegenheit geben sollte, sich frei und unbefangen der deutschen Sprache zu nähern und zugleich ihre nicht-deutsche Muttersprache zu pflegen.

CM: Sie haben zunächst mit Tiergeschichten begonnen. Warum? Wie sind die bilingualen Bildersachbücher aufgebaut?

Bei der Planung unserer bilingualen Sachgeschichten war es uns gerade für den Kindergarten- und frühen Grundschulbereich wichtig Themen zu wählen, die bei Kindern gefragt sind und zu denen die Kinder häufig schon in ihrem alltäglichen Umfeld Erfahrungen sammeln konnten. Tiere gehören nach wie vor zu den beliebtesten Themen in dieser Altersgruppe, wie sich im Übrigen auch bei zweisprachigen Lesungen in Kindergärten und Grundschulen immer wieder bestätigt.

Die Sachgeschichten sind in übersichtliche Erzählabschnitte untergliedert, so dass der unten stehende fremdsprachige Text gut erfasst werden kann. Die Illustrationen, die die entscheidenden Szenen der Geschichte aufgreifen, erleichtern das Textverständnis. Und die zweisprachigen Wortangaben zu den Kleinillustrationen dienen gewissermaßen als Bildwörterbuch im Kleinen. Ein größeres Bildwörterbuch befindet sich gleich am Anfang jedes Buches. Hier werden das jeweilige Tier bzw. seine einzelnen Körperteile in zwei Sprachen vorgestellt. Eine weitere sprachliche Hilfestellung – natürlich auch bilingual –, bietet ein Lesezeichen am Bändchen, das die grundlegenden Wörter zum Thema ‚Hund‘, ‚Katze‘ oder ‚Bär‘ aufnimmt und sich von Seite zu Seite ‚mitnehmen‘ lässt.

Zusätzlich zu den Kenntnissen, die bereits in den zweisprachigen Sachgeschichten über die Katze Bijou, den Setter Johnny oder die Bärenfamilie vermittelt werden, gibt es am Ende jedes Buches einen Tier-Steckbrief. Hier werden nochmals die wichtigsten Informationen zum jeweiligen Tier zusammengetragen. Der Steckbrief geht jedoch deutlich über die Sachgeschichten hinaus und kann gewissermaßen als Nachschlagewerk zum Thema benutzt werden – gerade für ältere Kinder oder auch für vorlesende Eltern recht hilfreich.


CM: Wie haben Erzieher in den Kindergärten und Grundschullehrer auf die BiLi-Reihe reagiert? Finden sie Akzeptanz?

Die bisherigen Erfahrungen mit Eltern sowie in der bilingualen Kindergarten- und Grundschulpraxis sind durchweg positiv. Eltern und Erzieher etwa finden das Konzept „Zwei Sprachen in einem Buch“ sehr gelungen, da sie gleich auf derselben Seite nachlesen können, falls sie einen Begriff einmal selbst nicht kennen („Auch wenn mein Kind nachfragt, muss ich nicht mehr ‚ich weiß es nicht‘ sagen“ – Zitat einer Mutter). Sehr geschätzt werden von beiden Seiten auch die zahlreichen begleitenden Kleinillustrationen mit zweisprachiger Wortangabe, die – egal ob in der Bildungseinrichtung oder zuhause – vielfältige Gesprächsanregungen über die Sachgeschichten hinaus bieten („I also like the little pictures with the vocabulary written under it that mark the border of each page. They are really useful when you want to start a conversation with the children about the details of the life of the particular animal and to learn the English words.” – Zitat einer Erzieherin).
Besonders erfreulich zu beobachten sind die Reaktionen von Kindern mit Migrationshintergrund, wenn sie voller Stolz die BiLi-Sachgeschichten in ihrer Muttersprache lesen: Sie profitieren nicht nur in sprachlicher und sachlich-inhaltlicher Hinsicht („Ich habe die Geschichte besser verstanden als andere, weil die Texte zweimal vorgelesen wurden.“ – so ein Grundschulkind, das den Text insgesamt besser verstand, weil es manche Wörter in seiner Muttersprache Türkisch besser verstand als im Deutschen und umgekehrt), sondern beziehen aus der zweisprachigen Lektüre eine ganz neue Wertschätzung für ihre Muttersprache, wodurch wiederum ihr Selbstwertgefühl in der Interaktion mit anderen Kindern gestärkt wird.

CM: Welche Rolle können Eltern spielen? Institutionen der wissenschaftlichen Frühpädagogik, ebenso wie die Stiftung Lesen und die Akademie für Leseförderung verweisen auf die Wichtigkeit des Vorlesens für die frühkindliche Entwicklung. In Deutschland wächst jedes 3. Kind in einer Familie mit Migrationshintergrund auf. Können z.B. türkische Eltern die Praxis des Vorlesens mit „Johnny, der Setter“ aus der BiLi-Reihe, das in deutscher und türkischer Sprache erschienen ist, umsetzen?

Die Rolle der Eltern bei der zwei- oder mehrsprachigen Erziehung ist kaum hoch genug zu schätzen. Nicht nur im einsprachigen Kontext, sondern gerade auch in Familien mit mehreren Sprachen ist das häusliche Vorlesen der Schüssel zur späteren Sprachbeherrschung. Das zweisprachige Vorlesen trainiert das Sprachempfinden der Kinder (s. u.) und vermittelt ihnen zugleich, dass Sprachen zwar verschieden, dabei jedoch gleichwertig sind – eine wichtige Erfahrung gerade für Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Dass von der zweisprachigen Lektüre aber nicht nur die Kinder profitieren, zeigt ein schönes Beispiel aus Jülich bei Aachen: Hier werden die Bücher im Rahmen von Integrationskursen und „Deutsch für Ausländer“-Kursen der VHS eingesetzt und finden sowohl bei der Kursleitung als auch bei den Teilnehmerinnen – meist junge Mütter aus dem türkischen, arabischen oder russischen Sprachraum – großen Anklang.


CM: Eines der ersten zweisprachigen Bücher in der BiLi-Reihe ist „Bijou, die Findelkatze“, erschienen in deutsch-englischer Sprache. Welche Bedeutung haben die BiLis generell für das Erlernen von Fremdsprachen?

Grundsätzlich sollen unsere BiLis die natürliche Neugier der Kinder wecken, ihnen Freude an anderen Sprachen vermitteln und einen Impuls für deren frühen Erwerb geben. Mit den BiLis nähern sich die Kinder auf eine gleichsam spielerische Art und Weise einer Fremdsprache statt zusammenhanglose Vokabellisten oder Grammatikformen auswendig zu lernen. Wir sehen unsere bilingualen Sachgeschichten eher als Wegbereiter für einen späteren erfolgreichen Fremdsprachenerwerb als ein Sprach-Lehrbuch im klassischen Sinne – das können und wollen unsere BiLis auch gar nicht sein!

Frühes Fremdsprachenlernen eröffnet den Kindern vielfältige Chancen: Der Umgang mit verschiedenen Sprachen führt erwiesenermaßen zu einer Sensibilisierung gegenüber den Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten von Sprachen generell. Davon profitieren wiederum Sprachgefühl und Wortschatz – auch in der eigenen Muttersprache – und das Erlernen weiterer Fremdsprachen wird begünstigt sowie überhaupt die Merkfähigkeit und Sprechbereitschaft der Kinder steigt. Unsere BiLis bieten darüber hinaus noch einen weiteren Pluspunkt, nämlich die sachbezogene Themenwahl in Form von kindgerechten Sachgeschichten. So stellen sie nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich eine Bereicherung für die Kinder dar.


CM: Welche Sprachkombinationen sind bisher erschienen und was ist weiterhin geplant?

Die ersten drei Titel unserer zweisprachigen Tier-Sachgeschichten – Bijou, die Findelkatze, Johnny, der Setter sowie Bärenleben – sind jeweils in der Basissprache Deutsch in Kombination mit einer anderen Sprache erschienen. Jeder Fremdsprache ist eine Farbe zugeordnet, so dass die gewünschte Ausgabe schnell zu erkennen ist: Hellblau steht für Englisch, Braun für Russisch und Grün für Türkisch. Im September 2009 werden mit Französisch (Orange), Spanisch (Rot) und Polnisch (Violett) weitere Sprachen folgen. Weiterhin denkbar wären bilinguale Ausgaben etwa in Deutsch-Italienisch oder Deutsch-Griechisch.


CM: Planen Sie auch über das Grundschulalter hinaus Schüler mit zweisprachigen Sachbüchern anzusprechen?

Zeitgleich mit den neuen Sprachpaaren der Tier-Sachgeschichten wird im September eine zweite Staffel BiLis mit zweisprachigen Sachgeschichten zur Kultur erscheinen, die SchülerInnen etwa zwischen acht und zwölf Jahren in einige unserer wichtigsten kulturellen Einrichtungen – wie das Museum, das Theater, die Bibliothek u. a. – einführen. Drei Protagonisten im entsprechenden Alter bieten den jungen Leserinnen und Lesern ein ansprechendes und vielseitiges Identifikationspotential. Komik und Spannung der Geschichten unterstützen die sachbezogenen Inhalte der Erzähltexte, welche durch zusätzliche ‚Insider‘-Informationen zur jeweiligen Institution ergänzt und erweitert werden. Ein großformatig illustrierter Rundgang durch das jeweilige Gebäude, verbunden mit einer systematisch geordneten, zweisprachigen Wörterliste zum Thema vervollständigt die Sachgeschichten. Die ersten beiden Titel – Wir gehen ins Museum und Wir gehen ins Theater – werden zunächst in den zwei Sprachpaaren Deutsch-Englisch und Deutsch-Spanisch erhältlich sein. Weitere Sprachen –Französisch, Italienisch und Türkisch etwa – werden folgen.


CM: Bekannte Künstler, Wissenschaftler oder Politiker gehen inzwischen in Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Sie versuchen als Vorlesepaten, die Freude an Büchern und am Lesen bei Kindern und Jugendlichen zu wecken. Können Sie sich vorstellen, dass „berühmte Vorlesepaten“ mit und ohne Migrationshintergrund aus den BiLis z.B. in deutsch/türkischer Sprachkombination vorlesen? Welchen Effekt hätte das auf die Kinder und evtl. auch auf die Eltern?

Tatsächlich haben wir bereits prominente Unterstützung erhalten, nämlich bei der Buchpremiere unserer Tier-Sachgeschichten auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse. Die amerikanische Entertainerin und frühere Kindergärtnerin Gayle Tufts sowie die gefeierte Newcomer-Autorin Alina Bronsky lasen jeweils in ihren Muttersprachen – also Englisch und Russisch – aus einem der BiLi-Bücher vor, der entsprechende deutschsprachige Part wurde von unserer Autorin Ria Gersmeier übernommen. Die vollbesetzten Ränge bewiesen einmal mehr, wie groß das Interesse von Seiten der Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen an dem Thema ‚Frühkindliche Mehrsprachigkeit‘ ist. Und mit dem deutsch-türkischen Comedy-Künstler Murat Topal konnten wir auch für das Türkische einen bekannten BiLi-Paten gewinnen. Er schreibt: „Die zweisprachigen BiLi-Kinderbücher sind wirklich toll und durch und durch gelungen. Die schönen Geschichten sind unterhaltsam, sehr informativ und gut übersetzt. Ich hatte viel Spaß beim Vorlesen und konnte auch meinen türkischen Wortschatz mal wieder auffrischen. Sehr gut finde ich auch die Info auf den letzten Seiten und das Vokabular-Lesezeichen. Bitte mehr davon.“

Der Bekanntheitsgrad unserer Vorleser und Mitstreiter ist für Kinder sicher nicht so entscheidend wie die Tatsache, dass überhaupt in zwei oder mehr Sprachen vorgelesen wird – und dazu oftmals in der eigenen Muttersprache der Kinder (s. o.). Die Bedeutung unserer BiLi-Partner liegt vielmehr darin, dass sie durch ihr Engagement für das Thema sensibilisieren und gegenüber anderen Erwachsenen eine Vorbild-Funktion erfüllen, zumal wenn sie selbst aus einem mehrsprachigen Kontext kommen. Häufig ist gerade Eltern mit Migrationshintergrund gar nicht bewusst, welches Potential in einer mehrsprachigen Erziehung ihrer Kinder liegt, und lassen dieses ungenutzt verkümmern. Diese brachliegenden Schätze sollten doch unbedingt gehoben werden – und auf sie aufmerksam zu machen, ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer prominenten Unterstützer.


CM: Frau Dr. Olms, wie sieht es bei Ihnen in der Familie aus. Lesen Sie ihrer kleinen Tochter Alina – ich glaube, Alina ist 3 Jahre alt – aus den BiLis vor?

Alina kennt unsere Tier-BiLis mittlerweile in- und auswendig, allerdings haben wir uns bisher auf die deutsch-englischen Ausgaben beschränken müssen. Umso mehr freuen wir uns auf die neuen Sprachpaare, da wir zuhause Kinderbücher vornehmlich auf Französisch und Spanisch lesen. Es ist immer wieder erstaunlich festzustellen, wie viel von der fremdsprachlichen Lektüre ‚hängenbleibt‘, seien es einzelne Wörter, ganze Phrasen oder das Hörverständnis insgesamt. Allerdings war es bisher gelegentlich recht mühsam, die zumeist einsprachigen Kinderbücher ‚en passant‘ ins Deutsche zu übersetzen. Mit unseren BiLis ist nun endlich ein praktisches Hilfsmittel auch für die vorlesenden Erwachsenen verfügbar, welche ihren Kindern mit einer mehrsprachigen Erziehung frühzeitig vielseitige Chancen eröffnen wollen.

Kurzvita:

Dr. Carina Olms studierte an den Universitäten Mainz, Madrid und Saarbrücken Romanistik und Interkulturelle Kommunikation. Aus einem Praktikum bei der Stiftung Lesen im Bereich Leseförderung erwuchs ihre Idee, sich mit mehrsprachigen Kinderbüchern zu befassen. Sie promovierte über das Thema „Literarische Begegnungen mit dem Fremden“.

Gemeinsam mit ihrem Mann Dietrich Olms baute sie im Georg Olms Verlag nach der Geburt ihrer Tochter Alina im Jahr 2006 eine Abteilung für das Kinder- und Jugendbuch auf, die Kollektion OLMS junior. Darüber hinaus leitet sie den Bereich Wissenschaftskommunikation.



Geschrieben von Renate Müller dePaoli
Samstag, 5. September 2009