ScienceLab

Sonja Stuchtey
Sonja Stuchtey

Fragen an Sonja Stuchtey

„Die Freiheit, die wir bei ScienceLab jedem Kind zum eigenständigen Forschen lassen, erfordert ein Umdenken in der pädagogischen Arbeit.“, sagt Sonja Stuchtey.

Angeregt durch die neugierigen Fragen ihrer ersten Tochter hat die Mutter von fünf Kindern 2002 zusammen mit der Physikochemikerin Dr. Heike Schettler die Bildungseinrichtung Science-Lab gegründet.

Im Gespräch mit Renate Müller De Paoli beschreibt Sie die Arbeitsweise von ScienceLab in Kindergärten und Schulen:

ScienceLab versucht, die angeborene Neugierde von Kindern besonders für naturwissenschaftliche Phänomene und Technik zu fördern.
Wie läuft das praktisch?


ScienceLab setzt die Fragen, die Kinder durch die Beobachtung ihres Alltags stellen, in den Mittelpunkt gemeinsamen Forschens und Experimentierens. Dazu werden entweder Pädagogen aus Schulen und Kindertagesstätten durch Science-Lab weitergebildet oder aber unsere Experten forschen direkt gemeinsam mit den Kindern. Das kann in Kleingruppen am Nachmittag oder aber in Schulen und Kindergärten der Fall sein.
Jedes Mal, wenn die Kinder zum Forschen zusammenkommen, widmen wir uns einer Frage aus der natürlichen Umwelt der Kinder. Dazu stellen wir gemeinsam Überlegungen an, versuchen, Annahmen zu entwickeln, wohin denn die Sonne am Abend verschwindet oder wie die Farben in den Regenbogen kommen. Die Kinder haben sich meist schon ihre Gedanken gemacht. Die bilden die Grundlage für unsere Hypothesen. Mit einfachsten Experimenten aus Haushaltsmaterialien testen wir die Hypothesen, beobachten genau und ziehen gemeinsam in der Forscherrunde unsere Rückschlüsse. Das merkt man sich nicht nur besonders gut, weil man den ganzen Prozess als Kind mit entwickelt und durchlebt hat. Das schult auch die Arbeitsweise des Problemlösens. So lernt man Lernen.


Was ist also das Besondere an der Methode von ScienceLab?
Oder ist es übertrieben von einer Methode zu sprechen?

ScienceLab setzt das in die Praxis um, was die Bildungswissenschaften universitär schon lange fordern und was in anderen Ländern der Welt auch bereits zum Teil gemacht wird. Unsere Science-Lab Arbeitsweise ist geprägt vom Grundverständnis, dass Kinder als denkende Individuen mit Respekt und Aufmerksamkeit begleitet werden. Ihr Wissensstand und ihre Erfahrungswelt sind wichtig und bilden die Grundlage für neue Entdeckungen. Sie selbst bauen ihr Wissen und forschen und experimentieren eigenständig. Das schafft ein Verständnis der Zusammenhänge, das bleibt. Und es lehrt Methoden für das lebenslange Lernen.

Wer erlebt, mit welchem Eifer Kinder mit ihren Bauklötzen spielen oder am Strand stundenlang Burgen und Türme bauen, fragt sich natürlich, wieso mit zunehmenden Alter bei vielen Kindern Fernsehen und Computerspiele einen immer größeren Stellenwert einnehmen können? Haben Sie aus Ihrer Erfahrung eine Erklärung für diesen Prozess?

Kinder imitieren in ihrem Verhalten ihre Umgebung: uns Erwachsene. Da müssen wir uns selbst Fragen stellen.

Steven mit Batterie ..
Steven mit Batterie ..

Also fehlen hier oft die Vorbilder – an den Stränden sind z. B. die Väter immer munter bei den Bautätigkeiten dabei? Welchen Rat geben Sie Eltern?

Sicherlich ist das eigene Vorbild immer ein zentraler Faktor in der Bildung und Erziehung unserer Kinder. Selbst neugierig und offen zu bleiben, wäre eine wichtige Prämisse, um Kinder auf ihrer Weltentdeckung zu begleiten. Das ist nur oft leichter gesagt als getan.


Welche Vorschläge haben sie z. B. für diejenigen, denen die eigene ökonomische Situation – ich denke da z. B. an Alleinerziehende – wenig Spielräume lässt? Die ScienceLab – Kurse in den Kitas z. B. sind doch sicher mit Kosten verbunden oder das Zusammenstellen einer Forscherkiste?


Einerseits bemühen wir uns, Veranstaltungen in Kindergärten und Schulen durch Spenden vollständig zu finanzieren, so dass für die Kinder bzw. deren Eltern geringe bis keine Kosten anfallen. Das sollte aber den ganz privaten Spaß am gemeinsamen Welt-entdecken nicht einschränken. Es gibt Bücher mit vielen guten und oft sehr einfachen Tipps für Experimente mit Haushaltsmaterialien. Es braucht kein Labor. Das stellt unser Alltag bereit: Ein paar Gläser, Wasser, Öl, Zucker, Murmeln und Büroklammern bieten schon wundervolle Möglichkeiten für Experimente.

Industrie und Mittelstand beklagen einen akuten Mangel an Fachkräften besonders bei Ingenieuren und Technikern. Was könnten und müssten z. B. Kindergärten und Schulen verändern, um Forschergeist und Interesse an Naturwissenschaften und Technik wachsen zu lassen? Oder hängt wirklich alles an den finanziellen Mitteln?

Es hängt indirekt an den Finanzen. Die Lehrkräfte in den Schulen und die Pädagogen in den Kindergärten müssten eine ganz praktische Unterstützung durch geeignete Weiterbildungen bekommen. Wir sehen in unseren Veranstaltungen mit inzwischen mehr als 10.000 Pädagogen immer wieder, dass es an inhaltlicher Sicherheit und an praktischen Werkzeugen zur Umsetzung in großen Gruppen mangelt. Auch ist eine Begleitung zu Beginn in der alltäglichen Umsetzung nötig, denn die Freiheit, die wir bei ScienceLab jedem Kind zum eigenständigen Forschen lassen, erfordert ein Umdenken in der pädagogischen Arbeit. Überall, wo wir diese Begleitung ermöglichen konnten, hat sich eine Begeisterung für das gemeinsame Forschen und Experimentieren auf Seiten von Kindern und Lehrern/Erziehern entwickelt, die trägt und sich ganz sicher in einer größeren Zahl an naturwissenschaftlich interessierten jungen Menschen niederschlägt.

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Politik, Kindergärten, Schulen und ScienceLab? Sind die Türen für Sie geöffnet oder stoßen Sie in der Routine des Alltags auch vielerorts auf Probleme?

Die Zusammenarbeit mit Kindergärten und Schulen läuft großartig.
Politik und Behörden zeigen sich sehr interessiert. Die Wege sind dort einfach länger.


Frau Stuchtey, ScienceLab besteht jetzt zehn Jahre. Worin sehen Sie den größten Erfolg ihrer Arbeit?

Mit Stolz blicken wir nicht nur auf die Zahlen, wie viele Kinder (eine halbe Million) und Pädagogen (mehr als 12.000) wir erreichen konnten. Wir freuen uns über die Begeisterung, die uns zurückgespielt wird, über bunte und inhaltsreiche Projektberichte aus den Kindergärten und Schulen, über Eltern, die uns nach Jahren noch kontaktieren und erzählen, wie ihre Kinder von ScienceLab profitieren, über die positive Resonanz von Spendern, die vor Ort sehen, wie viel Innovationsfreude durch ihr Engagement mit ScienceLab gepflanzt werden konnte. Das Mosaik aus diesen ganzen Einzelfällen ergibt ein Bild von großer Neugier und von Freude am Forschen und Lernen, das wir in zehn Jahren mit gestalten durften. Das ist unser Erfolg.


Frau Stuchtey wir danken Ihnen.

Vita von Sonja Stuchtey

Geboren 1971 verbrachte Sonja Stuchtey ihre Kinder- und Schulzeit in Köln. Nach einem Auslandsaufenthalt in den USA und dem Abschluss der Gymnasialzeit begann sie ihr Studium der Unternehmensführung an der WHU in Vallendar bei Koblenz. Nach Auslandsstudien in Aix-en-Provence (Frankreich) und Berkeley (USA) beendete sie 1994 das Studium mit dem Titel Diplomkauffrau.
Der berufliche Einstieg erfolgte als Managementberaterin bei der amerikanischen Unternehmensberatung Booz.Allen&Hamilton in München 1994. Mit der Geburt des ersten ihrer fünf Kinder 1998 stieg Sonja Stuchtey aus der angestellten Tätigkeit aus und eröffnete zunächst eine eigne Beratung mit dem Fokus Kundenzufriedenheitsmessung und Kundenbindung. Das Unternehmen Nota Bene wurde zum Partner zahlreicher Dienstleistungsunternehmen.
2002 als die neugierigen Fragen der Tochter den Blick auf die inhaltliche Lücke im deutschen Bildungswesen lenkten, gründete sie zusammen mit der Physikochemikerin Dr. Heike Schettler die Bildungseinrichtung ScienceLab.
Seitdem arbeiten die beiden Frauen intensiv an einer qualitativ hochwertigen und nachhaltig wirkungsvollen Verbesserung der naturwissenschaftlichen Bildung in frühen Kinderjahren bis hinein in die Berufsbildung. Frau Stuchtey hat im Rahmen dieser Arbeit seit 2008 drei Bücher publiziert, die für Kinder geschrieben Eltern und Pädagogen eine Hilfe auf dem Weg zum gemeinsamen Forschen bieten.



Geschrieben von Renate Müller dePaoli
Montag, 26. März 2012